Das Klischee vom ausländischen U-Bahn-Schläger

03.07.2015

Studie nimmt Phänomen der "Ausländerkriminalität" auseinander

Sie lauern in der U-Bahn, verticken Drogen und machen mit Schlägerbanden deutsche Innenstädte unsicher. Jeden Tag begegnet uns in Medien das Klischee vom kriminellen Migranten. Eine Studie hat das Phänomen "Ausländerkriminalität" nun untersucht. Mit einem eindeutigen Ergebnis.

16. Juni, U-Bahn-Station Steintor in Hannover: Ein 59-jähriger Mann wird von mehreren Männern zu Boden geschlagen. Anschließend treten sie auf den Mann ein, rauben Tasche, Handy und Armbanduhr. Die Täter entkommen unerkannt. Die Lokalpresse berichtet später die jungen Männer hätten "vermutlich arabisch" gesprochen. Ihr Aussehen sei "südeuropäisch" oder "nordafrikanisch" gewesen. "War ja klar", kommentiert ein Leser. Eine anderer fragt: "Wie lange sollen wir uns diese Schlägerbanden noch gefallen lassen, bis was passiert?"

Was am Phänomen der Ausländerkriminalität wirklich dran ist, hat nun ein Kriminalwissenschaftler untersucht. Das Ergebnis der am Mittwoch veröffentlichten Studie: Das Klischee, dass Migranten häufiger kriminell werden, ist falsch. Im Auftrag des "Mediendienst Integration" wertete der Kriminalwissenschaftler Christian Walburg von der Uni-Münster Polizeistatistiken, Studien und Umfragen aus. Seine Untersuchung widerspricht gleich in mehreren Punkten dem Klischee von der Ausländerkriminalität.

1. Gewaltdelikte durch ausländische Jugendlich haben in den letzten Jahren stark abgenommen

Unter anderem hat Walburg untersucht, wie häufig in den letzten Jahren gewalttätige Delikte von ausländischen Jugendlichen in Deutschland ausgingen. Sein Ergebnis: Entgegen der öffentlichen Wahrnehmung haben die Gewalttaten massiv abgenommen. Listeten die Polizeistatistiken für das Jahr 2005 noch 10.406 tatverdächtige ausländische Jugendliche auf, waren es im Jahr 2013 nur noch 5.837.

Zwar ist ein Teil dieses Rückgangs auf den demografischen Wandel zurückzuführen (es gibt immer wenige junge Menschen, deshalb auch weniger junge Kriminelle), doch selbst, wenn man diesen heraus rechnet, bleibt ein Rückgang der Gewalttaten von über einem Drittel.

2. Ausländische Jugendliche werden kaum öfter kriminell als ihre deutschen Altersgenossen

Auch ein weiteres Klischee entkräftet die Studie: Ausländische Jugendliche neigen nicht häufiger zur Kriminalität als ihre deutschen Altersgenossen. Darauf deuten, so Walburg, neben Polizeistatistiken auch mehrere repräsentative Umfragen unter Jugendlichen. Demnach gebe es in Fällen von Kleinkriminalität wie Diebstahl oder Sachbeschädigung kaum Unterschiede zwischen den beiden Gruppen.

Nur in zwei Bereichen gibt es signifikante Unterschiede: Der eine betrifft Straftaten des Ausländerrechts (zum Beispiel Aufenthaltsvergehen), die Menschen, mit deutscher Staatsbürgerschaft gar nicht begehen können. Außerdem konnte Walburg bei der Anzahl von jugendlichen Intensivtätern einen signifikanten Unterschied feststellen. Jugendliche mit türkischen oder jugoslawischen Migrationshintergrund führen hier deutlich die Statistik an.

3. Auch Muslime werden nicht öfter gewalttätig

Dennoch weist Walburg daraufhin, dass ein Zusammenhang zwischen Ethnie und Gewaltbereitschaft nicht pauschal nachgewiesen werden kann. Gleiches gilt auch für die Religionszugehörigkeit. Auch junge Muslime neigten nicht zu vermehrter Gewaltausübung.

Walburg nennt auch mehrere Medienberichte (zum Beispiel Jung muslimisch brutal von Spiegel Online), die in Folge einer Studie des Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen KFN einen Zusammenhang zwischen muslimischer Religiosität und Kriminalität herstellten. "Diese Schlagzeilen sind nach dem gegenwärtigen Forschungsstand unzutreffend", schreibt Walburg.

4. Fehlende Bildungcschancen entscheiden über die Tendenz zur Kriminalität

Stattdessen ist der Hauptfaktor für Kriminalität unter Jugendlichen: Bildung. Wilburg konstatiert: "Eine stärkere Zustimmung zu Gewalt hat vielmehr mit einer größeren sozialen Randständigkeit (Marginalisierung) zu tun als mit spezifischen ethnisch-kulturellen oder religiösen Orientierungen. […] Je besser deren Einbindung in das Bildungssystem gelingt, desto mehr verliert gewaltsames hVerhalten an Attraktivität."

Oder etwas einfacher: Wem Bildungschancen verwehrt bleiben, der schlägt schneller zu, egal ob Deutscher oder Ausländer.

5. Die Stereotype selbst macht Ausländer zu Kriminellen

Und woher kommt dann das Klischee vom kriminelle Ausländer? Walburg nennt eine ganze Reihe von Erklärungsansätzen. "Insbesondere Boulevardmedien greifen das Thema Migrantenkriminalität von Zeit zu Zeit kampagnenartig auf und fordern härtere Strafen und häufigere Ausweisungen", schreibt Walburg.

Auch die falsche Zuordnung grenzüberschreitender Kriminalität oder die schon erwähnten Delikte, die nur Ausländer begehen können, spielten eine Rolle. Die Klischees selbst machen ausländische Jugendliche eher zu Kriminellen, so Walburg:

Auf Opferbefragungen beruhende Analysen zeigen mittlerweile recht einhellig, dass die Entscheidung über eine Strafanzeige in beträchtlichem Maße auch durch die Zuordnung des Täters zu einer als fremdethnisch definierten Gruppe bestimmt wird.

Seine Studie zeigt, dass über kriminelle Jugendliche nicht nur medial stärker berichtet wird, sie werden auch öfter polizeilich angezeigt und inhaftiert.

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