China: Der namenlose Aktiencrash

09.07.2015

Mittels mitunter absurd anmutender Verzweiflungsakte stemmt sich Chinas Führung gegen den historischen Aktiencrash in der Volksrepublik

Der Kapitalismus sieht immer dann am "gesündesten" aus, wenn der nächste große Crash bevorsteht. Die gilt auch für den aktuellen Fall im Reich der Mitte, wo die seit Wochen fallenden Aktienkurse jüngst in einen panikartigen Sturzflug übergingen. Um zu begreifen, wieso in der einstmals als künftige globale Konjunkturlokomotive gefeierten Werkstatt der Welt eine gigantische Blase platzt, muss der Boom näher betrachtet werden, der diesem Crash voran ging. Und was für ein Boom das war! Selbst die Hauptstadtzeitungen des geopolitischen Konkurrenten USA konnten sich vor lauter Bewunderung für die realwirtschaftlichen Folgen der Spekulationsexzesse kaum noch zurückhalten.

Rund 6,6 Gigatonnen Beton! Damit ließe sich ganz Hawaii zubetonieren und in einen einzigen riesigen Parkplatz verwandeln, schwärmte Ende März die Washington Post. Diese schwindelerregende Menge des Baustoffs hat China laut den offiziellen Statistiken zwischen 2011 und 2013 verbraucht, womit die zum Dauerboom verdammte Volksrepublik binnen dreier Jahre mehr Beton produzierte als die USA im gesamten 20. Jahrhundert.

Chinesische Geisterstadt. Bild: Robert James Hughes/CC BY-NC-ND 2.0

Die Vereinigten Staaten hätten im vergangenen Jahrhundert 4,5 Gigatonnen Beton verbraucht, so die WP, wobei die offiziellen Zahlen aus Peking auch einer näheren Betrachtung durchaus standhalten würden - was ja längst nicht selbstverständlich ist. Die Angaben seinen "überraschend logisch", da ein Großteil der chinesischen Infrastruktur erst im 21. Jahrhundert errichtet wurde und die Urbanisierung dieses bevölkerungsreichsten Landes der Welt rasant voranschreite. 1978 lebte nur ein knappes Fünftel aller Chinesen in Städten, 2020 werden es 60 Prozent sein.

Und dennoch scheint in dem Bericht vom 24. März die Ahnung auf, dass die kausalen Zusammenhänge dieses halsbrecherischen Wachstums anders, nämlich irrational gelagert sein müssen. Der chinesische Infrastruktur- und Bauboom, der die Betonproduktion in astronomische Höhe katapultierte, wird von den sich zuspitzenden inneren Widersprüchen des Kapitalverhältnisses angetrieben, das ja bekanntlich aus uferloser, blinder und eigendynamischer Selbstverwertung besteht - alles andere ist nur Nebenprodukt. Auch dies illustrieren die in drei Jahren chinaweit verbauten 6,6 Gigatonnen Beton.

Dem entsprechen die Resultate dieses Booms, der keine alternative Urbanität, sondern unter Smogglocken erstickende Kopien westlicher Metropolen hervorbrachte. Es sind buchstäblich (bald) einstürzende Neubauten, die da zur Substituierung der stotternden Verwertungsdynamik aus dem Boden gestampft wurden. Rund ein Drittel des in der Volksrepublik verbauten Betons weise gravierende Qualitätsmängel auf, so dass die betroffenen Gebäude mittelfristig wieder eingerissen werden müssten, berichtete die WP. Zudem leide die Branche, die inzwischen für die Hälfte der weltweiten Betonproduktion und 2,5 Prozent des globalen CO2-Ausstoßes verantwortlich ist - ähnlich anderen chinesischen Industriesektoren - unter gewaltigen Überkapazitäten, die in einer Phase "explosiven Wachstums" aufgebaut wurden.

Dieses "explosive Wachstum" des Immobiliensektors und der Infrastruktur, wie auch der hierfür produzierenden Industriesektoren, bildete den wichtigsten Motor der chinesischen Konjunktur - und es wurde in zunehmendem Ausmaß auf Pump realisiert. Chinas Aufschwung war schuldengetrieben. Letztendlich setzte eine ausufernde Kreditvergabe den Großteil der besagten 6,6 Gigatonnen Beton in die Verwertungsbewegung.

Gigantische Defizitkonjunktur

Die "Werkstatt der Welt", deren rasantes Wirtschaftswachstum jahrzehntelang durch den Exportsektor befeuert wurde, bildete eine halsbrecherische Verschuldungsdynamik aus, die zunehmend instabil wird. Die Zahlen sind eindeutig: Die Gesamtverschuldung der Volksrepublik (Staat, Finanz-, Industrie- und Privatsektor) lag 2008 bei 153 Prozent des BIP, aktuell sind es 282 Prozent. Selbstverständlich ist der Privatsektor für einen Großteil dieses Schuldenbergs verantwortlich, während der Staat kaum verschuldet ist. Doch dies war auch in Spanien oder Irland vor dem Krisenausbruch der Fall. Das Wachstum der Schulden übertraf dasjenige des BIP durchschnittlich um acht Prozent; dies liege "weit jenseits des Punktes, der für eine jede Ökonomie effizient wäre", bemerkte die Financial Times. Zum Vergleich sei hier angemerkt, dass die Schuldenblase in den USA bei einer Gesamtverschuldung von 360 Prozent des BIP zusammenbrach, als die US-Immobilienblase ab 2007 platzte.

Die Anfänge dieser gigantischen chinesischen Defizitkonjunktur können relativ genau datiert werden: Mit dem Ausbruch der Finanz- und Weltwirtschaftskrise ab 2008, die durch das eben jenes Platzen der US-Immobilienblase ausgelöst wurde, geriet auch das bisherige chinesische Wirtschaftsmodell in die Krise. Bis zu jenem Zeitpunkt beruhte das stürmische Wachstum der Volksrepublik auf der Exportindustrie, die mit einem Millionenheer billiger und gut ausgebildeter Arbeiter versorgt wurde. Die enormen Handels- und Leistungsbilanzüberschüsse Chinas, die bis zu zehn Prozent des BIP kurz vor Krisenausbruch erreichten, bildeten somit bis zum Ausbruch der Weltwirtschaftskrise die mit Abstand wichtigste Konjunkturstütze und die Quelle der gigantischen chinesischen Devisenreserven.

Doch nach den massiven Wirtschafts- und Nachfrageeinbrüchen in den chinesischen Exportmärkten und dem Rückgang der chinesischen Exportüberschüsse in den USA und insbesondere in Europa musste Peking reagieren: China legte ab 2008 das in Reaktion zur Wirtschaftsleistung weltweit größte Investitionsprogramm auf (es umfasste rund 12 Prozent des damaligen BIP!), das zum Ausgangspunkt der derzeitigen Schuldenblase wurde.

Seit 2008 ist die chinesische Konjunktur nicht mehr export-, sondern kredit- und investitionsgetrieben, während der Binnenkonsum weiterhin keine relevante Rolle spielt. Das Land wurde mit Infrastrukturprojekten überzogen und mit ganzen Geisterstädten zugepflastert, deren Wohneinheiten auch Jahre nach Fertigstellung leer stehen - weil sie als Spekulationsobjekte dienen oder schlicht keine Käufer finden.

Ein Großteil des chinesischen Kreditwachstums ist überdies auf den Schattenbanksektor zurückzuführen, in dem diverse Finanzakteure völlig unreguliert Kredite an Kreditnehmer zu erhöhten Zinssätzen vergeben, die im regulären Bankensektor keinen Kredit erhalten würden. Diese Schattenbanken spielten vor 2008 kaum eine Rolle. Dabei weiß eigentlich niemand so genau, welche Ausmaße der Schattenbanksektor - der mit dem offiziellen Bankensektor aufs Engste verflochten ist - bereits angenommen hat. Die unterschiedlichen Schätzungen schwanken hier zwischen einem Marktvolumen von umgerechnet 2,5 Billionen Euro (rund 40 Prozent des chinesischen BIP!) bis zu 4,4 Billionen.

Auch der Devisenschatz der Volksrepublik stellt gewissermaßen nur ein gigantisches finanzpolitisches Potemkinsches Dorf dar. Die chinesischen Devisenreserven (rund vier Billionen US-Dollar) können nicht im großen Ausmaß zur Krisenbewältigung eingesetzt werden, da dies automatisch zu deren Abwertung führen würde. Chinas durch Exportüberschüsse akkumulierte Devisenreserven sehen somit nur dann beeindruckend aus, solange sie nicht "angefasst" und veräußert werden.

Die sich zuspitzende Spekulationsdynamik bringt eine zentrale Fehlentwicklung der stürmischen Modernisierung Chinas erneut zum Vorschein, die eigentlich schon seit Beginn der nachholenden kapitalistischen Modernisierung besteht und letztendlich nur die innere Schranke des Kapitals zum Vorschein bringt: Das chinesische Wachstum ist nicht selbsttragend.

Eines der Hauptprobleme ist die schwächelnde Binnennachfrage

Bis zum heutigen Tag ist es der Führung in Peking nicht gelungen, die Binnennachfrage im ausreichenden Ausmaß zu beleben, um den Binnenkonsum zum wichtigsten Träger des Wirtschaftswachstums zu machen. Trotz aller graduellen Fortschritte in dieser Richtung - 2013 wuchs der Binnenhandel um 13,1 Prozent - sind die Folgen der Exportausrichtung noch nicht mal ansatzweise behoben. Der Anteil des Konsums am chinesischen BIP sank von gut 50 Prozent in den frühen 90er Jahren auf nur noch 35 Prozent in 2011. Dies bedeutet - trotz der Herausbildung der chinesischen Mittelschicht - letztendlich, dass chinesische Lohnabhängige immer noch nicht im ausreichenden Ausmaß die Waren, die sie selbst produzieren, auch erwerben können.

Damit wird aber auch klar, dass Chinas Wachstum schon seit dem Beginn der kapitalistischen Modernisierung letztendlich auf Verschuldungsprozesse angewiesen war - nur wurden diese bis 2008 exportiert. Irgendwer musste ja die Waren kaufen, die Chinas Arbeiterschaft produzierte, ohne selber konsumieren zu können. Diese Exportüberschüsse Chinas resultierten in einem gigantischen Leistungsbilanzüberschuss, der 2007 den Spitzenwert von 10 Prozent des chinesischen BIP überschritt. Die chinesischen Exportüberschüsse waren somit nur möglich, weil sich die Zielländer dieser Exporte verschuldeten (das verhält sich übrigens im Fall des Exportüberschussweltmeisters Deutschland heutzutage genauso: Der Exportüberschussweltmeister).

Dies geschah in Form der uns sattsam bekannten und mit Blasenbildung einhergehenden Defizitkonjunkturen in den USA und Europa , als die Immobiliensektoren in Europa und Amerika ähnlich boomten wie vor Kurzem derjenige in der "Volksrepublik", die China die Ausbildung von enormen Handelsüberschüssen und zur Anhäufung der riesigen Devisenreserven ermöglichten. Nach dem Platzen der Blasen in den USA und Teilen Europas - und dem Einbruch der chinesischen Handelsüberschüsse, die inzwischen niedriger sind als diejenigen Deutschlands - verlagerte China im Gefolge der gigantischen Konjunkturprogramme die Verschuldungsdynamik ins Binnenland. In Reaktion auf das Platzen der Blasen in den Absatzmärkten der chinesischen Exportindustrie initiierte Peking somit seine eigene Verschuldungsdynamik, die zum Wachstumsmotor wurde.

Wieso scheint aber eine rasche Belebung der Binnennachfrage im Reich der Mitte kaum machbar? Trotz aller Sonntagsreden chinesischer Parteifunktionäre, die immer wieder eine rasche Anhebung des Konsumniveaus propagieren, findet der immer wieder angemahnte rasche Anstieg des Anteils des Binnenkonsums am BIP nicht statt. Das ist nur unter Berücksichtigung der inneren Schranke des Kapitals zu verstehen, die durch die permanent fortschreitenden konkurrenzvermittelten Produktivitätssteigerungen errichtet wird.

Für die Beantwortung dieser Frage lohnt ein Blick ins südostasiatische Kambodscha (Kambodscha und der globale Kapitalismus: Vorwärts in die Vergangenheit), wo zum Jahreswechsel 2013/14 Streiks und Proteste von Textilarbeitern vom Militär zusammengeschossen wurden. Viele der gegen die landesüblichen Hungerlöhne von 80 US-Dollar demonstrierenden Arbeiter waren für chinesische Textilunternehmer tätig, die ihre Produktionsstätten nach Kambodscha verlagerten, da die kambodschanischen Arbeiter nur rund ein Drittel der Löhne ihrer chinesischen Kollegen erhalten. Das steigende Lohnniveau in China - ermöglicht durch die Globalisierung der Produktionsketten und das global erreichte Produktivitätsniveau - führt tendenziell zur Betriebsverlagerung oder Automatisierung. Somit kann das Millionenheer chinesischer Industriearbeiter nur bei Hunger- oder Niedriglöhnen auch weiterhin international konkurrenzfähig produzieren.

Die Grundannahme des rheinischen Kapitalismus, der Sozialen Marktwirtschaft, wonach die Arbeiter zu den Konsumenten ihrer eigenen Waren würden, ist angesichts des global erreichten Produktivitätsniveaus längst hinfällig. Bereits jetzt sind viele der in China tätigen Exportunternehmen - wie etwa der wegen seiner brutalen Arbeitsbedingungen berüchtigte IT-Auftragsfertiger Foxconn - dabei, ihre Standorte aufgrund steigender Löhne in die unterentwickelten chinesischen Ostprovinzen oder gleich ins billigere Ausland zu verlagern - oder die Lohnabhängigem gleich durch Roboter zu ersetzten. "Wir haben eine Million Arbeiter", tönte Gou auf einer Investorenkonferenz Ende 2013, "in der Zukunft werden wir eine Million Roboter haben." Inzwischen ist eine Kooperation zwischen dem Internetgiganten Google - der vor kurzem die Roboterfirma Boston Dynamics übernommen hat - und Foxconn bekannt geworden, die gerade die schnelle Durchsetzung dieser Automatisierungswelle ermöglichen soll. Im Januar 2015 kündigte das taiwanesische Unternehmen folgerichtig an, erste "Einschnitte bei der Belegschaft" vorzunehmen, wie Reuters meldete.

Nur bei absoluten Hungerlöhnen können somit die Arbeiter Chinas noch gegen die immer besser und billiger werdenden Roboter "konkurrieren". Eine nachfrageorientierte Ausrichtung der chinesischen Volkswirtschaft nach dem Vorbild der westlichen Konsumgesellschaften der 50er oder 60er Jahre - bei der Chinas Arbeiter genügend verdienen würden, um die selbst produzierten Waren auch zu konsumieren - scheitert somit letztendlich absurderweise an dem hohen Produktivitätsniveau, das die globalisierte Weltwirtschaft inzwischen erreicht hat - mithin an der inneren Schranke des Kapitals.

Letztendlich kam auch diese chinesische Verschuldungsorgie einem Aufschub der Krisendynamik gleich. Das kreditbefeuerte Wachstum in China konnte dieser Werkstatt der Welt somit über einen Zeitraum von rund sieben Jahren weiterhin sehr hohe Wachstumsraten ermöglichen, obwohl die Bedeutung der Exportüberschüsse immer weiter zurückging und das hohe globale Produktivitätsniveau eine massive Anhebung der Binnennachfrage unmöglich machte. Bis jetzt lief es also noch ganz gut für die Volksrepublik. Doch entscheidend ist nicht diese kreditbefeuerte Aufstiegsphase, sondern der unweigerliche Fall, der jeder Blasenbildung folgt. Die Entwicklung in China ist Teil der globalen schuldenbefeuerten Blasenökonomie, in der das spätkapitalistische System verfangen ist.

Ritt auf dem Rücken des Tigers

Und der chinesischen Schuldenblase geht langsam die Luft aus, da die Relation zwischen Kreditaufnahme und Wirtschaftswachstum sich zusehends verschlechtert. Nach einem für chinesische Verhältnisse schwachen Wachstum von 7,4 Prozent 2014 soll Chinas BIP in diesem Jahr gar nur um sieben Prozent wachsen, was den schwächsten Anstieg des rund 25 Jahren gleichkäme.

Dabei ist das mittels dieser Schuldenexzesse und Spekulationsblasen angefachte Wirtschaftswachstum tatsächlich für das staatskapitalistische China überlebenswichtig. Nur durch eine gefährlich hohe Wachstumsdynamik können die enormen sozialen Verwerfungen in China überbrückt werden: Es geht um die Aufrechterhaltung einer Koexistenz von Hunderten von Millionen verelendeter Landbewohner und Wanderarbeiter, einer um ihren neu errungenen Lebensstandard besorgten Mittelklasse und einer herrschenden Staatsoligarchie mit politisch gut vernetzten Milliardären. Der halsbrecherische kapitalistische Modernisierungskurs der chinesischen Führung gleicht dem berühmten Ritt auf dem Rücken des Tigers. Erlahmt die entfesselte Dynamik der kapitalistischen Modernisierung, so droht diese nicht nur an ihren inneren systemischen, sondern auch an ihren sozialen Widersprüchen zu scheitern.

Die Verlangsamung des Wachstums geht mit einer Phase sinkender Immobilienpreise einher, die auf ein Ende der Blasenbildung auf dem überhitzten, durch die Entstehung besagter Geisterstädte gekennzeichneten Wohnungsmarkt hindeuten könnte: Im Januar sanken die Preise in den Großstädten um fünf Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum, im Februar waren es 5,7 Prozent. Beachtlich ist dieser Fall vor allem deswegen, weil Peking ihn diesmal nicht bewusst betreibt, wie mehrfach in der Vergangenheit, sondern gerade eine Belebung des Immobilienmarktes anstrebte. Im vergangenen September berichtete das "Wall Street Journal" über massive Erleichterungen bei der Kreditvergabe seitens der chinesischen Regierung, um damit dem "leidenden Immobilienmarkt" zu stützen und unter anderem den Käufern von "Zweithäusern" die Kreditaufnahme zu erleichtern.

Peking kann aber dank eines größtenteils unter Staatskontrolle gehaltenen (offiziellen) Bankensektors sehr schnell intervenieren und bei Bedarf aufbrechende Krisenerscheinungen mit Milliardeninfusionen überbrücken kann. Als Mitte März die chinesische Immobiliengruppe Evergrande Real Estate Group unter einem Schuldenberg von umgerechnet 20 Milliarden US-Dollar zusammenzubrechen drohte, erhielt er umgehend Notkredite in Höhe von 16 Milliarden US-Dollar, die einen unkontrollierten Zusammenbruch, der sich zu einer Marktpanik hätte ausweiten können, erfolgreich verhinderte.

Geisterstadt Kangbashi. Bild: Uday Phalgun/CC BY 2.0

Peking reagierte bislang in allen ähnlich gelagerte Fällen auf eben diese Weise: mit Geldspritzen für alle, die es sich leisten können - also mit einem immer weiteren Aufpumpen der Blase. Die Folgen dieser Zwangslogik äußern sich auch in satten Kurssprüngen der Aktien der betreffenden Unternehmen bei der Ankündigung der jeweiligen Bailouts.

Dieser Zusammenhang illustriert die Ausweglosigkeit der chinesischen Wirtschafts- und Geldpolitik, die zu einer Geisel der Verschuldungsdynamik in China geworden ist. Der Staat kann nur noch versuchen, die mit dem Platzen der Blase einhergehende Panik hinauszuzögern - um den Preis von deren weiterer Aufblähung. Chinas Führung ist letztendlich zur Geisel der von ihr mit den 6,6 Gigatonnen Beton in Bewegung gesetzten Defizitkonjunktur geworden, deren Aufrechterhaltung sich immer schwieriger gestaltet.

Von der Immobilien- zur Aktienblase

Bei der gegenwärtigen Aktienblase scheint dieser blasengetriebene Staatskapitalismus aber an seine Grenzen zu stoßen. In der Volksrepublik setzte wegen der Stagnation auf dem Immobilienmarkt eine Art Blasentransfer ein, da der schwächelnde Häusermarkt zu einer Verlagerung der Investitions- und Spekulationstätigkeit auf die Aktienmärkte führte, die - trotz konjunktureller Verlangsamung - über mehrere Monate einen stürmischen Boom erleben.

So hat etwa der Shanghai Composite Index zwischen November 2014 und Juni 2015 um rund 100 Prozent auf mehr als 5000 Zähler zugelegt. Solche Blasentransfers sind auch aus der Aufstiegsphase der US-Defizitkonjunktur bekannt, als die geplatzte Dot-Com-Blase nahtlos in die Immobilienspekulation überging. In China lief der Blasentransfer nur in die umgekehrte Richtung ab: von der Immobilien- zur Aktienblase.

Inzwischen ist der Shanghai Composite Index binnen eines Monats von 5178 Punkten auf 3049 Punkte abgestürzt - und mit ihm die Träume vieler der Kleinanleger vom schnellen Reichtum an der Börse. China durchlebte eine sogenannte Dienstmädchenhausse, die charakteristisch ist für die Endphase einer Spekulationsdynamik. Mit diesem Terminus belegen die Spekulationsprofis einen heiß gelaufenen Markt, aus den es tunlichst auszusteigen gilt. Millionen von Chinesen aus der Mittelklasse haben ihre Ersparnisse in den boomenden Aktienmarkt gepumpt, der nun kaum mehr von der chinesischen Regierung stabilisiert werden kann.

Dies ist natürlich keine chinesische Spezialität. Eine ähnliche Dienstmädchenhausse ergriff die Bundesrepublik zur Jahrhundertwende, als der Boom mit IT-Aktien, angefacht von Manfred Krug als Werber der T-Aktie, Hunderttausende von deutschen Kleinanlegern um ihr Geld, ihren Schlaf und ihre Nerven brachte.

Die chinesische Führung bemüht sich nun krampfhaft, den Verfall aufzuhalten - auch um soziale Unruhen unter der Mittelklasse zu verhindern, da viele Kleinanleger sich verschuldeten, um am Aktienboom zu partizipieren. Es gebe in China nun "90 Millionen Investoren", berichtete Bloomberg, diese Klasse der Kleinanleger würde die Mitgliedschaft der "Kommunistischen Partei" Chinas zahlenmäßig übersteigen.

Peking versuchte bislang vergebens, mittels "Liquiditätsspritzen" den Aktienmarkt zu stabilisieren. Mit staatlichen Finanzspritzen sollten die im freien Fall befindlichen Kurse gestützt werden, was für gewöhnlich als Marktmanipulation bezeichnet würde. Schließlich wurde der Handel mit Aktien von mehr als 1200 Unternehmen ausgesetzt, um die um sich greifende Panik einzudämmen. Die eingefrorenen Aktien hatten einen nominalen Wert von umgerechnet 2,2 Billionen US-Dollar, was rund 33 Prozent der Marktkapitalisierung in China entspräche, so Bloomberg.

Das Newsportal Zerohedge berichtete unter Berufung auf die Financial Times zudem davon, dass die chinesische Autoritäten mitunter bemüht seinen, eine Art "Bannfluch" über den Kollaps des Aktienmarktes zu verhängen: "Ein chinesischer Journalist, der nicht genannt werden wollte, sagte, die Regierung hat die Verwendung der Bezeichnungen 'Aktiendesaster' und 'Marktrettung' in den Berichten über den Aktienmarkt verboten." Der Crash soll nicht beim Namen genannt werden, sondern namenlos bleiben.

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