Hiroshima: Angriffsbefehl kam aus Deutschland

05.08.2015

Über die Entscheidung während der Potsdamer Konferenz

Am 6. August 1945 jährt sich der Atombombenangriff auf Hiroshima zum 70. Mal. Mittlerweile sind über 280.000 Menschen an den Folgen dieses Angriffes verstorben. Die letzten Überlebenden, die so genannten Hibakushas, werden sich - wie jedes Jahr - im Friedenspark von Hiroshima versammeln um der Opfer zu gedenken. Oft wird übersehen, dass der Einsatzbefehl zur Vernichtung der Stadt aus Deutschland kam, weil der verantwortliche US-Präsident Harry S. Truman damals an der Potsdamer Konferenz teilnahm.

Robert Oppenheimer und General Leslie Groves nach dem ersten Atomwaffentest. Bild: lanl.gov

Fertigstellung der Bomben

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges auf dem europäischen Kriegsschauplatz trafen sich die Regierungschefs der drei beteiligten Siegermächte im Schloss Cecilienhof in Potsdam, um Vereinbarungen über die Fortsetzung des Krieges in Fernost und die weitere Nachkriegsordnung auszuhandeln.

Die USA wurden durch ihren Präsidenten Harry S. Truman vertreten, die Sowjetunion durch Josef Wissarionowitsch Stalin. Die britische Regierung wurde zunächst durch Winston Churchill repräsentiert, nach dessen Wahlniederlage übernahm am 28. Juli Clement Richard Attlee diese Funktion. Frankreich, das im Zweiten Weltkrieg von Deutschland großenteils besetzt worden war, galt damals offiziell noch nicht als Siegermacht und war daher nicht an der internationalen Konferenz beteiligt.

Nach einer Pleite als Inhaber eines Krämerladens für Herrenkonfektion (Hüte, Handschuhe und Gürtel) hatte Harry S. Truman jahrelang als Straßenbauingenieur gearbeitet und in Abendkursen Jura studiert. Im Jahr 1934 avancierte er zum Senator für Missouri. Im Präsidentschaftswahlkampf 1944 machte ihn US-Präsident Franklin Delano Roosevelt zu seinem Kandidaten für den Posten des Vizepräsidenten.

Nach dem gemeinsamen Wahlsieg wurde Truman am 20. Januar 1945 formal zum US-Vizepräsidenten ernannt. Trotz dieses Titels hatte Truman zunächst keinerlei Einfluss auf die politischen Entscheidungen der US-Regierung. Dies änderte sich drei Monate später, als Roosevelt am 12. April 1945 plötzlich an einem Schlaganfall verstarb und Truman noch am selben Tag sein Nachfolger wurde. Einen Tag später erfuhr Truman durch den Kriegsminister Henry Lewis Stimson, dass die US-Regierung seit Jahren an einer neuartigen Bombe arbeitete. In seinen Memoiren berichtete Truman 1955:

Er wolle, sagte er, mit mir über eine äußerst dringliche Sache reden. Ein riesiges Projekt sei in Ausführung begriffen - ein Projekt zur Entwicklung eines neuen Explosivstoffes von fast unglaublicher Zerstörungskraft. Mehr glaube er im Moment nicht sagen zu dürfen. Seine Mitteilung klang rätselhaft und verblüffte mich, es handelte sich um die erste karge Information, die ich über die Atombombe erhielt.

Harry Truman

Erst am 24. April 1945 erfuhr Truman durch den damaligen Rüstungsminister James Francis Byrnes und den Chef der Abteilung für Wissenschaftliche Forschung Vannevar Bush technische Details der so genannten Atombombe.

Trinity-Explosion 0,016 Sekunden nach Zündung. Bild: lanl.gov

Bis Februar 1945 galt Deutschland als alleiniges Atombombenziel

Die US-Regierung hatte in den Jahren 1939 bis 1942 nach und nach die Entwicklung einer Atombombe im Rahmen des so genannten Manhattan Project aufgenommen, weil auch das Deutsche Reich an einer solchen Bombe arbeitete. Mit der Produktion einer eigenen Bombe wollte die Regierung in Washington einer deutschen Atombombe zuvorkommen und ihre Waffe gegebenenfalls gegen Deutschland einsetzen. Als potentielle Ziele galt zunächst die Reichhauptstadt Berlin. Später stand die Industriezone Mannheim/Ludwigshafen ganz oben auf der imaginären Zielliste, aber auch andere potentielle Ziele werden in der Literatur genannt, so z. B. Dresden.

Zumindest noch bis Februar 1945 galt Deutschland als alleiniges Atombombenziel. Aber da die alliierten Truppen nach der Landung in der Normandie am 6. Juni 1944 überraschend schnell vorstoßen konnten, wurden diese Einsatzüberlegungen mit der deutschen Kapitulation am 8. Mai 1945 obsolet. Eigentlich hatten die Alliierten die deutsche Niederlage erst für den Herbst 1945 erwartet, dann wäre Deutschland tatsächlich noch das Ziel eines US-Atombombenangriffs geworden. Da der Krieg nach der deutschen Niederlage gegen das japanische Kaiserreich weiter andauerte, rückten nun dessen Städte ins Visier des US-Militärs.

Aber noch war die Atombombe nicht fertig gestellt und niemand wusste, ob sie überhaupt funktionieren würde. Die Nuklearwissenschaftler hatten mit dem ersten Test noch warten wollen. Am 31. Mai 1945 traf sich der Wissenschaftliche Beirat mit Kriegsminister Stimson, und die Wissenschaftler meinten, ein erster Test könne zwischen Anfang und Mitte August stattfinden. Aber die projektbeteiligten Militärs unter Führung von Generalmajor Leslie Richard Groves drängten auf einen früheren Termin. Sie wollten den Test zum Beginn der Potsdamer Konferenz durchführen, damit ein Testerfolg der US-Delegation den Rücken in den schwierigen Verhandlungen mit der Sowjetunion stärken sollte. So wurde schließlich der 16. Juni 1945 als Testdatum festgelegt, obwohl die Wetterprognosen für diesen Tag ungünstig waren.

An Morgen des 16. Juni, um 5.30 Uhr Ortszeit, wurde in der abgelegenen Wüste des US-Bundesstaates New Mexico, in einem Tal mit dem Namen "Jornada de la Muerte", die erste Atombombe gezündet. Der Codename für den Test lautete TRINITY. Bei dem Prototypen mit dem Codenamen CHRISTIE handelte es sich um eine neuartige Bombe, die als Kernmaterial hochangereichertes Plutonium-239 enthielt und nach dem Implosionsprinzip funktionierte. Noch handelte es sich nicht um eine flugfähige Bombe, stattdessen platzierte man das "device" auf einen rund 35 Meter hohen Stahlturm, der bei der Explosion vollständig verdampfte. Dreihundert Wissenschaftler und zweihundert Soldaten waren die einzigen Augenzeugen (Trinity sprengte die Welt in ein neues Zeitalter).

Die beteiligten Bombenkonstrukteure um J. Robert Oppenheimer waren sich bis zur letzten Sekunde nicht sicher, ob das Ding funktioniert, wie hoch die erwartete Sprengkraft sein würde oder ob nicht die ganze Erde schon bei diesem Test zerstört werden würde. Tatsächlich hatte die Testbombe eine Sprengkraft von immerhin 20.000 Tonnen TNT-Äquivalent, während die damals größten konventionellen Bomben, die britischen "Blockbuster" vom Typ GRAND SLAM, gerademal eine Sprengkraft von 4.108 kg bei einem Gesamtgewicht von 10 Tonnen hatten.

Mit dem erfolgreichen Test am 16. Juni war die Funktionsfähigkeit der Bombe bewiesen. Nun konnten die japanischen Städte atomar zerstört werden, sobald die erste einsatzfähige Bombe fertig gestellt und der US-Präsident als Oberbefehlshaber der Streitkräfte dazu seinen Einsatzbefehl erteilen würde.

Dazu mussten nun auch die Trägerflugzeuge nach Fernost verlegt werden. Als Trägerflugzeug für die überaus schweren Bomben kam nur der Bomber vom Typ Boeing/Martin Omaha "B-29-45-MO SUPERFORTRESS" in Frage. Anfang März 1945 wurde 28 dieser Maschinen der 509th Composite Group unter dem Kommando von Oberst Paul Warfield Tibbets Jr. auf dem Fliegerhorst Wendover im US-Bundesstaat Utah zugeteilt. Bald darauf verlegte der Bomberverband auf die Pazifikinsel Tinian. Am 27. Juni landete hier auch die B-29 mit dem Spitznamen "Enola Gay", die schließlich die erste Atombombe auf Hiroshima abwerfen sollte.

Schließlich mussten auch die Atombomben an die Front verlegt werden. Dazu zerlegten die Techniker sie in Einzelteilen. Die Uranladung wurde in San Francisco an Bord des Kreuzers "CA-35 USS INDIANAPOLIS" eingeschifft und nach Tinian transportiert, wo sie am 26. Juli eintraf. Drei Tage später wurde der Kreuzer von einem japanischen U-Boot torpediert und sank. Die 320th Troop Carrier Squadron (320th TCS) flog mit fünf Transportflugzeugen C-54 SKYMASTER weitere Bombenteile nach Tinian.

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