Glyphosat: Gefahr für Regenwürmer, Mensch und Umwelt?

10.08.2015

EU-Behörde verschiebt Entscheidung über Neuzulassung. - Kritik am Bundesinstitut für Risikobewertung

Nachdem die WHO-Krebsforschungsagentur IARC das Breitbandherbizid Glyphosat als "wahrscheinlich krebserregend" eingestuft hat (Krebs: Debatte um Glyphosat), herrscht Hektik bei nationalen Risikobewertungsagenturen.

Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) in Deutschland zeigte sich wie auch andere vergleichbare Institutionen in verschiedenen EU-Mitgliedsstaaten erstaunt bis skeptisch über die Einschätzung der IARC. Lange Zeit hatten diese Institute das Herbizid als vergleichsweise harmlos eingestuft. Man müsse die ausführliche Dokumentation abwarten, hieß es unisono in den Reaktionen auf die IARC-Meldung vom März dieses Jahres.

Jetzt hat auch die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) auf den Bericht des Fachgremiums der WHO reagiert. Man wolle die IARC-Studie eingehend prüfen, heißt es in einer kurzen Mitteilung auf der EFSA-Website. Ursprünglich wollte die Behörde bis Mitte August eine Empfehlung zur Neuzulassung abgeben. Laut der deutschen Nachrichtenagentur dpa, will die Behörde nun erst Ende Oktober, Anfang November eine Stellung beziehen.

Glyphosat-Behälter in kretischem Olivenhain. Bild: Parkywiki/CC-BY-SA-4.0

Indes geht die Diskussion über das weltweit meistverkaufte Herbizid in Deutschland weiter. Insbesondere das Bundesinstitut für Risikobewertung sieht sich scharfen Vorwürfen ausgesetzt. Verschiedene Medien berichteten in den vergangenen Wochen über ein internes Papier, welches die Vermutung nahe legt, dass das Institut bereits seit längerem Studien kannte, die auf ein Krebsrisiko hinwiesen. Einer von der Industrie durchgeführten Studie wäre zu wenig Gewicht eingeräumt worden, monieren Kritiker.

"Auf einem Auge blind?", fragt beispielsweise das Pestizid Aktions-Netzwerk PAN provokant, um dann festzustellen: "Das Bundesinstitut für Risikobewertung übersieht Krebseffekt von Glyphosat in Mäusestudie". PAN verweist, darauf, dass bei einer der Studien dosisabhängig bösartige Lymphome diagnostiziert worden wären, "während in der Kontrollgruppe kein einziges Mal Lymphome auftraten."

Das BfR weist derartige Vorwürfe zurück. Man habe sogar über diese Studie informiert, heißt es in einer Stellungnahme.

Streit um Mäusekrebs

Das Institut hätte "ungeprüft die Interpretation der Industrie übernommen", kontert PAN einer Presseaussendung. Danach wären derartige Beobachtungen "zufälliger Natur". Toxikologe, Peter Clausing, der für PAN die Studie analysierte, kommt zu einem anderen Schluss: "Wenn man … der ausdrücklichen Empfehlung der OECD zur mathematisch-statistischen Auswertung von Krebsstudien folgt , die mit ihren Guidelines den 'Gold Standard' für die Testung von Chemikalien und Pestiziden liefert, zeigt sich ein hochsignifikanter, dosisabhängiger Trend für eine erhöhte Tumorrate."

Kritische Studien zu Glyphosat gab es auch in der Vergangenheit etliche. Allerdings wären bei einigen unrealistisch hohe Dosen verabreicht worden, heißt es aus Fachkreisen. Unabhängige Studien mit kritischen Ergebnissen wurden zudem - oft aus Geldmangel - nicht wiederholt. Kritische Ergebnisse konnten so nicht überprüft werden.

Ein Problem liegt heute sicher in der großflächigen Anwendung des Mittels, was durch die Verbreitung von herbizidtoleranten Gentech-Sorten enorm befördert wurde. Das bekannteste Glyphosat-Produkt wurde von Monsanto unter dem Namen Round-up in Verkehr gebracht. Speziell aus lateinamerikanischen Ländern gab es in den vergangenen Jahren Berichte über eine Häufung von Krebserkrankungen, die mit dem massiven Ausbringen von Glyphosat in Verbindung gebracht wurden (Gier, Gift und kranke Kinder)

In diesen Ländern werden aber häufig Chemikalien zugemischt, die in Europa bereits verboten sind. Experten haben es deshalb nicht einfach herauszufinden, was nun genau krebserregend wirken könnte: Die massive Ausbringung von Glyphosat, eine spezielle Mischung verschiedener Chemikalien, unsachgemäße Anwendung … ?

Allerdings ist Glyphosat inzwischen derart weit verbreitet, dass man auch jene Kritiker verstehen kann, die noch genauere – industrieunabhängige – Prüfungen des Mittels auf gesundheitliche Auswirkungen fordern. Stichproben von NGOs in den USA, aber auch in Europa zeigten bereits mehrfach, dass Glyphosat in vielen Getreideendprodukten enthalten ist und inzwischen sogar in Muttermilch nachgewiesen werden konnte.

Beeinträchtigung von Regenwürmern

Sicher ist auch, dass das sorglose, großflächige Ausbringen des Breitbandherbizids die Biodiversität beeinträchtigt. Umweltaspekte kommen in der Diskussion aber oft zu kurz.

Dabei gibt es gerade in diesem Bereich sehr bedenkliche Studien. Eine wurde eben von Wissenschaftlern aus Österreich vorgestellt. Dabei hat man die Wirkung von Roundup auf Regenwürmer getestet. Es zeigte sich, dass die Aktivität der für die Bodengesundheit überaus wichtigen Tiere durch das glyphosatbasierte Unkrautvernichtungsmittel empfindlich beeinträchtigt wurde. Interessant ist, dass der Versuch im Freiland "unter realistischen Bedingungen" durchgeführt wurde, wie die Forscher betonen. Sie sprühten sogar weniger als vom Hersteller empfohlen.

Die dokumentierten Beeinträchtigungen dürften im Grunde genommen gar nicht vorkommen. Denn eigentlich "sind Herbizide mit dem Wirkstoff Glyphosat dazu da, unliebsame Pflanzen zu eliminieren - sie stören Stoffwechselprozesse, die nur in Pflanzen vorkommen und galten lange als unbedenklich für alle nichtpflanzlichen Organismen", erklären die Wissenschaftler.

Inzwischen gibt es aber vermehrt stichhaltige Hinweise darauf, dass auch nützliche Pilze, Amphibien oder eben andere Nützlinge wie Regenwürmer durch Glyphosat in Mitleidenschaft gezogen werden.

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