Helles Deutschland – Dunkles Deutschland?

30.08.2015

Die Chancen hinter der jetzigen Flüchtlingskrise

Was haben die Deutschen um die Mitte des 19. Jahrhunderts gemacht als hierzulande Millionen an Hunger starben und Massenarbeitslosigkeit herrschte? Sie haben genau dasselbe gemacht, was 2015 Millionen Flüchtlinge aus Syrien, Afghanistan oder Eritrea auch machen – sie sind ausgewandert.

Und sie haben mit dafür gesorgt, dass anderswo blühende Landschaften und effiziente Ökonomien entstanden. Das wiederholte sich nach 1945 innerhalb Deutschlands. 12 Millionen Entwurzelte sind aus dem Osten nach Westdeutschland geflohen und haben das deutsche Wirtschaftswunder mit organisiert.

Anfang der Sechziger kam die nächste Welle von Auswanderern. Es gab Millionen Gastarbeiter aus Italien, Spanien, Portugal, Griechenland oder der Türkei, die mit dafür sorgten, dass es in Deutschland ökonomisch weiter aufwärts ging.

Heute ist Deutschland ein alterndes Land, das wieder dringend auf Fachkräfte sowie auf junge, bildungshungrige und motivierte Menschen von außen angewiesen ist, sagen führende Wissenschaftler und Unternehmer. Doch diese Menschen von außen stoßen hierzulande oft auf Abwehr, Feindschaft und seit neuestem sogar auf Gewalt und Hass.

Noch immer ängstigt das Neue, das Fremde und das Unbekannte. Flüchtlinge sprechen meist eine fremde Sprache, kommen aus einem anderen Kulturkreis und bekennen sich auch noch zu einer anderen Religion.

Doch die Situation im heutigen Deutschland ist differenzierter als noch Anfang der Neunziger. Auch damals brannten Flüchtlingsheime, auch damals gab es Hass und Hetze. Die NSU begann ihre Mordserie. Jetzt aber spricht der Bundespräsident vom "hellen" und vom "dunklen Deutschland". Es gibt massenhaft Deutsche, welche die Fremden begrüßen und ihnen helfen, aber auch blinder Hass und Abwehr.

Bei Pegida, in Teilen der AfD und hauptsächlich in der NPD haben sich die dummen Fremdenhasser schon seit über einem Jahr immer wieder zu Wort gemeldet. Jetzt aber zündeln sie oder rufen "Bravo", wenn ihre Gesinnungsgenossen zündeln. Und was wir in den letzten Tagen erlebt haben, ist sogar versuchter Mord und blanker Terror. Also kriminelles Verhalten. Das lässt sich mit schönen Worten von Merkel, Gauck oder Gabriel allein nicht bekämpfen – auch nicht mit Worten wie "Pack".

Wichtiger ist vielmehr die ganz klare Haltung des Rechtsstaats: Strafverfolgung und angemessene Urteile. Nur so wird den Schlägerbanden das Handwerk gelegt und nur so wird die Würde des Menschen und aller Menschen – auch der Flüchtlinge – wirklich geschützt. So sieht es nicht zufällig schon der erste Artikel unseres Grundgesetzes vor.

Noch 2006 war die Welt erstaunt über das menschenfreundliche und ausländeroffene deutsche Sommermärchen bei der Fußball-WM. Das damalige Motto hieß: "Zu Gast bei Freunden". Und viele Deutsche waren plötzlich "stolz" auf ihr Land. Die Lehre aus unserer Geschichte haben wir aber erst gelernt, wenn aus dem damaligen Sommermärchen ein menschenfreundliches Dauermärchen geworden sein wird. Dann erst ist Deutschland erwachsen geworden. Dann erst haben wir die Chancen verstanden, die auch hinter der jetzigen Flüchtlingskrise auf uns warten.

Wie sagt der sonst eher knausrige Finanzminister Wolfgang Schäuble: "Das verkraften wir." Wenn das arme Nachkriegsdeutschland das verkraftet hat und gestärkt daraus hervorging, dann kann es das heutige Deutschland erst recht.

Der deutsche liberale Revolutionär Carl Schurz, der bei der 1848er Revolution im badischen Rastatt beinahe sein Leben verlor, machte aus der badischen Niederlage eine amerikanische Chance, er wurde nach seiner Auswanderung in die USA dort Innenminister und kämpfte erfolgreich für Menschrechte, gegen Kolonialismus und für die Rechte der unterdrückten Schwarzen.

Der "Spiegel" hat an diesem Wochenende recht mit seinem aktuellen Titel: "Es liegt an uns, wie wir morgen leben werden."

Mehr von Franz Alt auf der Sonnenseite.com.

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