Amok: Der ausschlaggebende Auslöser Antidepressiva?

12.09.2015

Der Psychiater David Healy zum "Medikamentenaspekt" des Amokflugs 4U95254 und bei Amokläufern

Am 24. März hat den Ermittlungen zufolge der Co-Pilot Andreas Günter Lubitz auf seinem Amokflug 4U9525 den Germanwings-Airbus A320 bewusst gegen einen Berg geflogen - eine Wahnsinnstat, die insbesondere für die Opfer, aber auch für ihre Angehörigen an Horror kaum zu überbieten ist. Knapp fünf Monate später wurde in Haltern am See auf dem Kommunalfriedhof eine Gedenkstätte im Beisein der Angehörigen der Opfer eingesegnet. Ein wichtiger Baustein der Trauerarbeit ist damit gelegt, doch damit derlei Katastrophen der Welt in Zukunft möglichst erspart bleiben, wäre es von zentraler Bedeutung, die Ursache(n) dingfest zu machen.

Der international renommierte Psychiater David Healy legt im folgenden Interview dar, warum Medikamente wie Antidepressiva bei Amokläufen wie dem von Lubitz und oder auch dem von "Batman Shooter" James Holmes, der in den USA kürzlich zu lebenslanger Haft verurteilt wurde, ein entscheidender Auslöser sein können. In diesem Zusammenhang konstatiert auch die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) auf Nachfrage1, dass "die DGPPN ein hohes Interesse hat an einer Aufklärung des Germanwings-Falles, in der die Medikamenten-Aspekte mit beachtet werden".

"Es gibt so viele von diesen Massentötungen durch Leute, die Psychopharmaka genommen haben"

Herr Healy, welche Gedanken und Gefühle kamen zuerst in Ihnen hoch, als Sie von dem Amokflug der Germanwings-Co-Pilot Andreas Lubitz hörten?

David Healy: Ich war sehr betroffen und hatte großes Mitgefühl mit den Opfern und ihren Angehörigen. Und als klar war, dass es sich um einen "Kamikaze"-Akt handelte, gehörte zu meinen ersten Gedanken die Frage, ob nicht ein Antidepressivum oder ein anderes Psychopharmakon hier im Spiel war. Kurz darauf habe ich meine Gedanken dazu in dem Artikel Winging it: Antidepressants and Plane Crashes aufgeschrieben.

Welches sind die gewichtigsten Argumente für Ihre These, dass Antidepressiva oder Medikamente mit vergleichbaren Nebenwirkungen die entscheidende Ursache gewesen sein könnten für Lubitz‘ Wahnsinnstat?

David Healy: Ohne dass man exakt weiß, was Andreas Lubitz insbesondere in den ein bis zwei Wochen vor dem Crash an Medikamenten eingenommen hat und was sein klinischer Zustand war, ist es schwierig mit Sicherheit zu sagen, dass die Präparate die Ursache für das Unglück waren. Doch feststeht, dass die Medikamente, die er offenkundig eingenommen hat, Menschen dazu veranlassen können, zu Mördern und Gewalttätern zu werden und einen Massenmord in Erwägung zu ziehen.

Es gibt so viele von diesen Massentötungen durch Leute, die Psychopharmaka genommen haben, dass es fast sicher ist, dass in einigen dieser Massentötungen diese Medikamente in der Tat eine Rolle gespielt haben bzw. spielen.

Können sie diese Aussage mit wissenschaftlichen Studien untermauern?

David Healy: Die FDA hat eine beträchtliche Menge an Daten über das Potenzial von Antidepressiva, gewalttätig zu machen. Auch haben etwa die kanadischen Aufsichtsbehörden genau eine solche Warnung bereits verfügt.2

Ich selber habe im Jahr 2006 zusammen mit Kollegen eine Arbeit publiziert, die aufzeigt, dass es kontrollierte Studiendaten gibt, die belegen, dass bestimmte Antidepressiva - so genannte Selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer, kurz SSRIs - gewalttätig machen können. Auch habe ich 2013 in einem Beitrag auf meiner Website eine Liste mit Dutzenden Medikamenten veröffentlicht, die Selbstmorde oder Tötungsdelikte auslösen oder verursachen können.

Welche Medikamente werden in dieser Liste genannt?

David Healy: Darunter befinden sich die bekanntesten Antidepressiva wie Prozac und Paxil, Antipsychotika, so genannte Benzodiazepine wie Valium, die auch als Angstlöser oder Beruhigungsmittel bezeichnet werden, Anti-Raucher- und Anti-Asthma-Medikamente, Antihistaminika oder auch Arzneimittel mit stimulierender Wirkung wie Ritalin.

Sind die Medikamente auf Basis persönlicher Erfahrungsberichte in Ihre Liste gelangt?

David Healy: Nein. Sie sind in der Liste aufgeführt, entweder weil Unternehmen dazu verpflichtet sind zu melden, dass die Präparate einen Suizid auslösen können, oder weil es überzeugende Beweise dafür gibt, dass sie in der Tat Selbstmord provoziert haben. Und wahrscheinlich gibt es noch viel mehr Medikamente, bei denen einige Regierungsbeamte und Mitarbeiter von Unternehmen Kenntnis darüber haben, dass sie Suizide auslösen können - worüber aber Stillschweigen bewahrt wird.

Wie häufig kommt es statistisch gesehen bei SSRI-Antidepressiva zu Gewalt als Nebenwirkung?

David Healy: Mehr oder weniger genauso oft wie es zu Selbstmord als Nebenwirkung von Antidepressiva kommt. Bis zu eine von zehn Personen können suizidale Gedanken und bis zu eine von 20 Personen können gewalttätige Gedanken haben, die sie nicht hätten, wenn sie die Antidepressiva nicht nehmen würden. Die Quote für die begangenen Suizide und Gewaltakte liegt deutlich darunter - bei 1 von 500 oder mehr.

Im Juni berichtete Brice Robin, Staatsanwalt in französischen Marseille, dass Lubitz in den Wochen vor seiner Wahnsinnstat unter dem Einfluss stand von einer Übermedikation aus Anti-Angst-Medikamenten, so genannten Anxiolytika, bei denen es sich wohlgemerkt häufig um Antidepressiva handelt, sowie Valium und anderen Psychopharmaka. Lubitz hätte etwa das Antidepressivum Mirtazapin genommen und deren Dosis zwei Wochen vor dem Crash von 15 auf 30 mg verdoppelt. In der Produktbeschreibung von Mirtazapin heißt es allerdings, dass in Kurzzeitstudien bei Personen, die älter waren als 24 Jahre, keine erhöhte Suizidgefahr ermittelt werden konnte3 - und Lubitz war bei seinem Amokflug 27.

David Healy: Es gibt überzeugende Belege in Form von klinischen Studien dafür, dass Mirtazapin das Suizidrisiko erhöht - und zwar bezogen auf alle Altersgruppen, wobei die Daten für die 40-, 50- und Anfang 60-jährigen zum Beispiel genauso solide sind wie die für die unter 25-jährigen.

Und wie wäre dann die Produktbeschreibung zu Mirtazapin zu erklären?

David Healy: Die Medikamentenhersteller verwenden sehr viel Sorgfalt darauf, in ihren Produktbeschreibungen die Dinge auf eine Art und Weise zu formulieren, dass die Aufmerksamkeit von ihren Produkten weggelenkt wird. Dies scheint oft eher das primäre Ziel zu sein, als Ärzte und Patienten solide zu informieren. Dabei behaupten die Unternehmen auch gerne, es bestünde nicht die Notwendigkeit, Daten anzuführen, solange die Daten nicht statistisch signifikant seien. Doch durch diese Vorgehensweise lassen sie Datenmaterial außen vor, das einen sehr klaren Anstieg des Suizidrisikos aufzeigt - wie dies etwa bei den Daten zu Mirtazapin der Fall ist.

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