Im europäischen Weiterreichungssystem

Bericht von der Grenze zwischen Griechenland und Mazedonien, wo Flüchtlinge auf ihre Weiterreise warten

Urlaub in den Zeiten der Flucht. Das Rumhängen fühlt sich unter der Sonne Griechenlands fühlt sich dieses Mal seltsam, vielleicht sogar falsch an. Wer will die Sorgen dieser Welt auf sich laden? Aber die Flüchtlinge landen auf den ägäischen Inseln. Meine Frau aufgewühlt vom Bild des toten Kleinkinds am Strand von Bodrum. Aktion zeigen, fällt uns ein. Gewissen beruhigen? Mag sein.

Wir kontaktieren Craig von einer Hilfsgruppe in Thessaloniki. Die Stadt im Norden Griechenlands ist eine der vielen Stationen, durch die der Strom von Flüchtlingen aus Syrien zieht. "Sie kommen morgens aus Athen an und bleiben nur kurz am Busbahnhof, um weiter nördlich die Grenze zu Mazedonien zu überqueren. Dort lagern sie oft tagelang." Es ist abends. Trotzdem packen wir Wasser, Kekse, Brot in den Leihwagen. Am Busbahnhof KTEL warten ein paar griechische Familien auf die Abfahrt in die Provinz, von Flüchtlingen keine Spur.

Am nächsten Morgen, dem 5. September 2015, Einkauf im Supermarkt, Abfahrt Richtung Mazedonien. Keine Wolke am Himmel, eine Autobahn durch die staubige Ebene Zentralmakedoniens, am Horizont das Chortiatis-Gebirge. Nach knapp 100 Kilometern erste Polizeifahrzeuge auf dem Seitenstreifen.

Unweit der Autobahn das Dorf Idomeni und die ersten Gruppen von Flüchtlingen im Schatten der Bäume. Liegend, sitzend, wartend. Eine Staubwolke verflüchtigt sich über einem Mähdrescher. Kein Luftzug. In Sichtweite, direkt an den Bahngleisen Kleinzelte und Strandmuscheln. Unter einer riesigen Plantane lagern an die 30 Menschen, wir halten an. Zuerst schauen die Kinder. Schritte zur Begegnung. "Do you need water or food?", frage ich einen Mann. Er steht auf, "Yes, thank you", und folgt uns zum Wagen. Wir bedienen aus dem Kofferraum, Äpfel, Nektarinen, Windeln, Tomaten, Brot, Müsli-Riegel. Die Kinder fragen nach mehr, die Eltern halten sie zurück.

Bild: Jörg Auf dem Hövel

Woher, wohin? Von Syrien nach Holland, von Syrien nach Deutschland. Wir schwitzen, wohl mehr aus Überforderung als aufgrund der Tätigkeit. Wir rollen weiter. Im Kleinstschatten von Kleinwagen liegen weitere Familien geschwächt im Staub. Keine Unterlage, von Matratzen ganz zu schweigen. Wieder eine Frau mit Kleinkind. Seit neun Tagen unterwegs, im dritten Monat schwanger, der Mann blieb in Syrien zurück.

Auf dem Platz wird viel telefoniert. Niemand weiß, wann die Grenze wieder geöffnet wird und wie viele Menschen dann passieren dürfen. Seit kurzem gilt in Mazedonien ein Gesetz, das Flüchtlingen 72 Stunden Zeit gibt, durch das Land zu reisen. Nun sucht man die Gruppen stoßweise durch die Republik zu schleusen, man ist Teil des europäischen Weiterreichungssystems.

Ein griechischer Bauer verkauft Gemüse aus dem Kombi. Daneben der einzig sichtbare Polizeibus. Keiner kann uns das System erklären, nach dem hier vorgegangen wird. Einreise-Ausreise. An den Gleisen weitere Zelte. Überall Müll. Hitze. Aber auch lachende Kinder. Enorme Gefasstheit überall. Ein Vater herrscht seine Tochter an, weil sie drei Müsli-Riegel nimmt. Niemand greift ungebeten zu.

Ein Pavillonzelt mit Sanitätern, keine Sanitäranlagen in Sicht, eine Gruppe von jungen Griechen sammelt wahllos Müll. Es wirkt wie ein völlig desorganisiertes und aus dem Ruder gelaufenes Open-Air Festival. Aber für diese Menschen gibt es kein Vor und kein Zurück. Eine Übersicht ist schwer, vielleicht lagern 2.000 Menschen rund um den Bahnhof von Idomeni. Wie sich die gesundheitliche Situation der Menschen unter diesen Bedingungen weiter entwickelt?

Bild: Jörg Auf dem Hövel

Fest steht: Sowohl Griechenland wie Mazedonien sind mit der Situation überfordert, die Einwohner vor Ort helfen, leben aber selbst in ärmlichsten Verhältnissen. Die Flüchtlinge sind durch Fußmärsche und Mangelernährung geschwächt und mit den Tagen unter der sengenden Sonne steigt die Gefahr von Infektionen.

Wir entdecken ein dreiköpfiges Team des Roten Kreuzes auf dem Gelände, begleitet von einem Fotografen. Ein Polizei Pick-up dreht langsam seine Runden über die Piste. Vor einer zerlöcherten Strandmuschel steht schief ein Rollstuhl, auf dem baren Plastikboden schläft ein alter Mann. Ein Güterzug gibt Signal und rollt vorbei, die harrende Menge wird noch ruhiger und schaut den Wagons nach.

400 Meter zurück, im Bahnhofscafé, Gewusel. Man trinkt Kaffee und lädt die Handys auf, eine alte Frau schläft mit dem Kopf auf dem Tisch, am Nebentisch baut sich ein Flüchtling aus altem Pappkarton und zerfasertem Strick einen dreieckigen Hut. Die Küche ist total überlastet, eine Dose Cola kostet ein Euro, das ist nicht mehr als anderswo. Hinter dem Bahnhof Frischwasser aus einer Leitung. "Germany, Bayern Munich, good", grinst ein Junge. Unser Kofferraum ist leer. Auf dem Vorplatz kommen immer wieder Taxis aus Thessaloniki an und weitere Familien steigen aus.

Im leeren Ortskern von Idomeni. Das Dorf hat rund 200 Einwohner, die meisten alt. Die Wirtin spricht wirr. "Es kommen noch vier Millionen", prophezeit sie. Vor der Tür zieht eine Gruppe mit Rucksäcken vorbei. "Die hier versuchen es zu Fuß, die sind die Hitze gewohnt. Keiner weiß, wie es weiter gehen soll, denn die Winter sind hart."

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