Krieg gegen "Boko Haram" am Scheideweg?

13.09.2015

Seit 2009 führt die islamistische Terrorgruppe einen Dschihad gegen das korrupte Regime in Nigeria - ein Überblick

Zum Jahresbeginn 2015 wurde in Nigeria der unfähige Präsident abgelöst; sein Nachfolger wechselte sogleich die korrupte und unfähige Militärführung aus. Zugleich konnte eine internationale Eingreiftruppe im Kampf gegen "Boko Haram" enorme Geländegewinne erzielen. Außerdem soll der Führer der Guerillatruppe entweder getötet oder gestürzt worden sein. Steht damit der Kampf gegen "Boko Haram" vor einer Zeitenwende oder wird die Guerillatruppe ihre Angriffe auf die fragilisierten Nachbarstaaten zukünftig ausweiten und damit eine weitere Internationalisierung des Konfliktes forcieren?

Nigerianische Verhältnisse

Nigeria liegt in Zentralafrika. Mit einer Fläche von 932.768 qkm ist das Land zweieinhalbmal so groß wie die Bundesrepublik. Nigeria war früher eine britische Kolonie. Das Land entstand am 1. Januar 1914 auf Beschluss des britischen Kolonialgeneralgouverneurs Baron Frederick John Dealtry Lugard. Den Namen "Nigeria" hatte sich seine Ehefrau, die Journalistin Flora Shaw, ausgedacht. Im Jahr 1914 wurde das Staatsgebiet durch eine Vereinigung des nördlichen mit dem südlichen Landesteil erweitert. Erst am 1. Oktober 1960 wurde Nigeria in die Unabhängigkeit "entlassen". Heute gliedert sich das Land in 36 Bundesstaaten mit insgesamt 774 Landkreisen.

Boko Haram Logo. Bild: ArnoldPlaton. Lizenz: CC-BY-SA-3.0

Nigeria ist mit rund 177 Millionen Einwohnern der bevölkerungsreichste Staat Afrikas, das durchschnittliche Bevölkerungsalter liegt bei 19 Jahren, allerdings beträgt die Lebenserwartung gerade einmal 48 Jahre.

Mit einem Bruttoinlandsprodukt von rund 590 Milliarden Dollar verfügt das Land zugleich über die (zweit-)größte Wirtschaft auf dem Kontinent. Allein die Öleinnahmen machen rund 90 Prozent der Deviseneinnahmen und 70 Prozent der Staatseinnahmen aus. Die großen Förderkonzerne sind die niederländische "Royal Dutch Shell", die US-Konzerne "Chevron" und "Exxon-Mobile", die französische "Total" und die italienische "Eni"/"Agip". Sie sind auch für die Ölverschmutzung im Flussdelta verantwortlich:

Im Dezember 2014 wurde ein Verfahren gegen das Mineralölunternehmen Shell durch eine außergerichtliche Einigung beendet. Bewohner der Gemeinde Bodo, in der riesige Erdöllecks einer alten, undichten Shell-Pipeline 2008 und 2009 für enorme Umweltschäden sorgten, hatten in Großbritannien gegen Shell geklagt. Shell musste 55 Mio. britische Pfund an die Gemeinde zahlen. Bis Ende 2014 waren die durch die beiden Lecks verursachten Schäden jedoch noch nicht angemessen beseitigt worden.

Aus den Gerichtsakten ging hervor, dass Shell wiederholt falsche Angaben über Ausmaß und Auswirkungen der beiden Erdöllecks in Bodo gemacht hatte, in der Absicht, die Entschädigungszahlungen gering zu halten. Die Dokumente zeigten auch, dass Shell seit Jahren bekannt war, dass die Ölleitungen alt und fehlerhaft waren. Unter Berufung auf dieselben Dokumente machte die NGO Friends of the Earth Netherlands geltend, dass Shell vor einem niederländischen Gericht in einem anderen Verfahren gegen den Konzern ebenfalls die Unwahrheit über die Ölverschmutzung im Nigerdelta gesagt habe.

Aber wie in anderen Ölförderstaaten der "Dritten Welt" hat der Ölreichtum nicht zum Reichtum des ganzen Landes beigetragen, sondern diente nur zur Bereicherung der herrschenden Eliten. Dabei konnte die Verschärfung des Gegensatzes zwischen Arm und Reich nur durch eine verstärkte staatliche Repression aufrechterhalten werden. Mallam Nuhu Ribahu, der frühere Chef der nigerianischen Anti-Korruptionsbehörde (Economic and Financial Crimes Commission - EFCC) schätzte, dass von 1960 bis 2006 über 360 Milliarden Dollar in schwarzen Kanälen "verschwanden". Allein durch Öldiebstahl und illegalen Ölexport verliert das Land etwa 6 bis 8 Milliarden Dollar pro Jahr. Transparency International listete Nigeria in seiner internationalen Korruptionsstatistik 2014 an 136. Stelle unter insgesamt 175 Staaten. Gegen diese kleptokratischen Verhältnisse wendet sich die "Say No"-Kampagne.

Trotz des vermeintlichen Ölreichtums lebt mehr als die Hälfte der Bevölkerung weiterhin in "absoluter Armut", d. h., das verfügbare Einkommen beträgt weniger als einen Dollar pro Tag. Rund 62,6 Prozent der Bevölkerung leben unter der Armutsgrenze. Dabei ist die Armutsrate im Norden regelmäßig höher als im Süden des Landes. Am höchsten ist diese Rate im Nordosten Nigerias: 75,4 Prozent der dort lebenden Bevölkerung sind betroffen. Bis zu 50 Millionen Jugendliche und junge Erwachsene sind derzeit arbeitslos.

Für die politische Entwicklung des Landes war es immer prägnant, dass das Land traditionell durch einen vielfältigen Gegensatz zwischen dem nördlichen und dem südlichen Landesteil geprägt ist: Im Norden leben Hausa (21 Prozent der Gesamtbevölkerung) und Fulani (11%), im Südwesten die Yoruba (21%) und im Südosten die Ibo (18%). Die Völker im Norden sind Muslime, die 50% der Gesamtbevölkerung stellen, während die Völker im Süden Christen (40%) sind. Während man im Norden vorwiegend in der Landwirtschaft arbeitet, profitiert die Bevölkerung im südlichen Landesteil von der dortigen Erdölförderung.

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