Die Produktion von Nachrichten

16.09.2015

Ein kleiner Rückblick auf das Nachrichtenjahr 2014 in den wichtigsten Nachrichtensendungen. Die Ukraine-Krise dominierte alles - allerdings mit deutlichen thematischen Gewichtungen

Gerade untersagte das OLG Hamburg es der Satiresendung "Die Anstalt", prominente Journalisten in die Nähe von Elitennetzwerken zu rücken. Die Debatte, innerhalb der Medien, ob im vergangenen Jahr etwa tendenziös über den Ukraine-Konflikt berichtet wurde, scheint abzuklingen. Zeit für einen systematischen Rückblick

Das Jahr 2014 geht sicher als etwas Besonderes in die Geschichte der Medien und ihrer Nachrichtenproduktion ein. Niemals wurde in der Bundesrepublik die Kritik an den traditionellen Massenmedien und ihrer Vermittlungsfunktion derartig breit und radikal formuliert. Wenn durchschnittliche Bürger öffentlich skandieren "Lügenpresse auf die Fresse", massenhaft und über Monate hinweg, dann lässt das eine "Enteignet Springer"-Kampagne der 1968er in Westdeutschland und Westberlin geradezu rational und harmlos erscheinen. Im Gegensatz zu den 1970er Jahren besteht heute zudem eine unüberbrückbare lebensweltliche Kluft zwischen Medienkritikern und Journalisten.

Zuletzt handelte es sich möglicherweise um die Journalisten in der DDR, die sich völlig überrascht zeigten, als sich plötzlich eine ganz andere, eine oppositionelle Öffentlichkeit auf der Ebene von Veranstaltungen und Demonstrationen artikulierte, die sich schon seit Jahren als Mund-zu-Mund-Öffentlichkeit entwickelt hatte, ohne dass der hermetisch abgeschlossene Journalismus davon hätte Notiz nehmen können. Wenn sich zwischen dieser Encounter-Öffentlichkeit und den professionellen Massenmedien eine unüberbrückbare inhaltliche Kluft auftut, dann ist das ein deutliches Anzeichen dafür, dass die Medien ihrer Funktion in einer pluralen Demokratie - unterschiedliche Meinungen und Stimmungen zu repräsentieren - nicht in ausreichendem Umfang nachkommen (Gerhards, Neidhardt 1990).

Ein Mediensystem mit demokratischem Anspruch setzt notwendigerweise eine gewisse Permeabilität für unterschiedlichste Meinungen und Stimmungen voraus, um seiner Vermittlungsfunktion zwischen Bevölkerung und professionellen politischen Apparaten gerecht werden zu können.

Insofern handelt es sich, so die gegenwärtig weit verbreitete Kritik zutrifft, tatsächlich um eine Systemfrage. Der gegenwärtige Stand der Debatte scheint jedoch, auf einem bestimmten Niveau zwischen den Polen pauschaler Medienkritik und ihrer ebenso pauschalen Zurückweisung eingefroren zu sein. Auch in den Medien- und Kommunikationswissenschaften, die sich als möglicher Vermittler und analytische Instanz anbieten würden, herrscht komplettes Schweigen. Die einschlägigen Publikationen lieferten bisher weder deskriptives Material wie etwa Inhaltsanalysen noch theoretische Beiträge, um eine gesellschaftliche Kontroverse irgendwie voranzubringen, die immerhin den Kernbereich ihres Faches tangiert.

Mit dem vorliegenden Beitrag versuche ich, mithilfe des wenigen Materials, das öffentlich zugänglich vorliegt, zunächst eine Beschreibung des Nachrichtenjahres 2014, um dann Ergebnisse aus vorangegangenen Analysen der Medien- und Kommunikationswissenschaften einzubeziehen. Im Mittelpunkt steht die Frage, welche Faktoren dazu führen, dass innerhalb eines Mediensystems, das - verglichen mit denen anderer Länder und Regionen - relativ plural strukturiert ist, Inhalte in einem solchen Maß verdichtet werden können, dass sie relevanten Teilen des Publikums als konsonant, d.h. gleichlautend erscheinen. Dabei werde ich mich auf Diskussionen um die Auslandsberichterstattung konzentrieren, weil dieser Arbeits- und Themenbereich nicht zum ersten, und sicher auch nicht zum letzten Mal Anlass für die kontroversesten Positionen bot.

Internationale Politikberichterstattung im Medienjahr 2014

Dass ausgerechnet die Auslandsberichterstattung das inhaltliche Feld für die aktuelle gesellschaftliche Auseinandersetzung bietet, hat auch mit den die Nachrichten bestimmenden Ereignissen des Jahres 2014 zu tun. Normalerweise leidet die Auslandskorrespondenz unter dem Stigma fehlender Beachtung und Wertschätzung innerhalb der Redaktionen.

Noch im Jahr 2008 hieß es beim Netzwerk Recherche, Außenpolitik sei nicht mehr "Prime Time fähig", nur noch Randprogramm, man arbeite in einem "Ghetto der Nichtbeachtung" (Mükke 2008). Dabei war zu diesem Zeitpunkt die Berichterstattung über andere Länder in deutschen Medien immerhin leicht angestiegen. In der Folge des 11. September 2001, des Afghanistan- und des Irak-Kriegs, hatte das Ausland in den wichtigsten Nachrichtensendungen mehr Platz eingenommen, als noch in den 1980er und 1990er Jahren, als der generelle Trend bei der Auslandsberichterstattung kontinuierlich rückläufig war.

Vonseiten der Chefredaktion heißt es bei Angeboten aus dem Ressort Internationales zumeist: "Das interessiert doch niemanden." Tatsächlich sagt die Bevölkerung aber das Gegenteil. Als das Außenministerium die Bevölkerung zuletzt repräsentativ befragen ließ, was sie von dem Themenbereich halte, antworteten immerhin 68 Prozent, dass sie ein "starkes" oder "sehr starkes Interesse" an Außenpolitik hätten (Hilmer, Stocker 2014).

Das Problem mit dem Ausland dürfte für die Redaktionen denn auch eher kostenseitig bestehen. Korrespondenten zu unterhalten, ist kostspielig. Die Infrastrukturen für audio-visuelle Übertragungen aus dem Ausland sind es ohnehin. So entwickelte sich über die Jahrzehnte, was ich an anderer Stelle das "Globalisierungsparadox" nannte: Der Prozess der Globalisierung wurde zwar wesentlich durch technische Modernisierungen im Medienbereich angetrieben, die Informationsübertragungen wurde in den vergangenen Jahrzehnten schneller und kostengünstiger, und auch die Bedeutung, die Ereignisse an weit entlegenen Orten für das Lokale haben, nahm zu. Diese Prozesse führten jedoch nicht zu einer umfangreicheren internationalen Berichterstattung. Im Gegenteil sank der Anteil der Auslandsberichte medienübergreifend seit vielen Jahren. Die Beiträge wurden kürzer und die Themenvielfalt nahm immer weiter ab (Daniljuk 2012).

Dieser Trend kehrte sich jedoch in den vergangen Jahren um. Der Grund für das neue mediale Interesse am Ausland dürfte allerdings klar im Negativismus der Medienberichterstattung zu suchen sein. Seit um Europa herum Kriege, Krisen und Katastrophen (KKK) zunehmen, erlangt das Auslandsressort wieder größere Anteile an den Nachrichten. Laut den Auswertungen des Instituts für Empirische Medienanalyse (IFEM), das im Auftrag der öffentlich-rechtlichen Anstalten ein exaktes Monitoring betreibt, gingen die Anteile internationaler Politik an den wichtigsten Nachrichtensendungen seit dem Arabischen Frühling und dem internationalen Angriff auf Libyen im Jahr 2011 deutlich nach oben:

Anteil Politik international an den Hauptnachrichtensendungen (%).

In keinem anderen Jahr lag der Anteil von internationaler Politik an den wichtigsten Nachrichtensendungen des Fernsehens höher als 2014 (Krüger 2004-2014). Zumindest bei den öffentlich-rechtlichen Sendern verdrängte "Internationales" die deutsche Politik.

In der Auswertung spiegelte sich zudem deutlich die KKK-Fixierung der Redakteure nieder. Der mit Abstand häufigste Anlass für eine Berichterstattung waren auch 2014 Unfälle und Unglücke, ihnen folgten Demonstrationen, Kriminalität und Kriege.

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