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17.09.2015

Viele Medien möchten keine Leserkommentare mehr

Bemerkenswerterweise war es ein Leser, der Telepolis darauf aufmerksam gemacht hat: Viele Medien - darunter CNN und Reuters - haben sich weitgehend von der in den 1990er Jahren entstandenen Möglichkeit verabschiedet, dass Leser auf ihren Webauftritten Meldungen kommentieren.

Bei CNN, wo die Kommentaroption seit dem letzten Jahr nur noch "selektiv aktiviert" wird, begründet man das ebenso wie bei Reuters sowohl mit der Verlagerung von Debatten in Soziale Medien als auch mit einem Trollproblem. Reuters argumentiert, dass Diskussionen am besten in den als Standards etablierten Sozialen Medien stattfinden, weil es dort nicht nur die potenzielle größte Zahl von Teilnehmern, sondern auch gut eingespielte Verfahren gegen "Missbrauch" gibt.

Auch andere Portale, die ihre Kommentarfunktionen schlossen, nennen dafür einen dieser Gründe: The Daily Beast und Re/code heben Twitter und Facebook hervor, während die Chicago Sun-Times, The Verge , Curbed LA und der Daily Dot (sowie möglicherweise auch deren Werbekunden - wozu sich die Portale aber nicht äußern) mit den Kommentaren ihrer Leser unzufrieden waren.

Der britische Guardian lässt Leser zwar weiter kommentieren, brachte aber auch eine Forderung der umstrittenen Feministin Jessica Valenti (die auf Twitter mit Äußerungen wie "Ich mag meine Männer, so wie ich meinen Müll mag: Zusammengebunden und draußen" Aufsehen erregte): Ihr reicht die Möglichkeit des Ignorierens von Leserkommentaren nicht - denn wenn sie die ihrer Meinung nach "sexistischen" Kommentare nicht liest, warum sollte es sie dann überhaupt geben?

Auch wenn es unter Kommentatoren unzweifelhaft Stalker-artige Figuren mit immer wieder identischen Formulierungen und offenbaren psychischen Problemen gibt, verweist Valentis bemerkenswert egozentrischer Anspruch doch darauf, dass das Problem nicht nur bei den Sozialen Medien und den Lesern der Portale zu suchen sein könnte - auch deshalb, weil nicht nur Feministing-Autorin, sondern auch andere scharfe Zensurbefürworter oftmals selbst durch Formulierungen auffallen, die man - neutral betrachtet - durchaus als "Hasskommentare" werten kann.

Sehr lesenswert: Wolfgang Herles' Buch "Die Gefallsüchtigen"

Die Selbstgerechtigkeit, die sie den darin liegenden Widerspruch nicht erkennen lassen, wird von einem Phänomen begünstigt, das der ehemalige ZDF-Journalist Wolfgang Herles in seinem gerade erschienenen und ausgesprochen lesenswerten Buch Die Gefallsüchtigen eine "Konformismusgesellschaft" nennt: In ihr ersetzen "Moralismus" und "Alarmismus" den kritischen Qualitätsjournalismus:

Konformistische Gesellschaften [so der Luhmann-Leser Herles,] gehen Auseinandersetzungen aus dem Weg, ohne die Probleme zu lösen. Sie verengen den Diskurs. […] Konformismus ist die Degenerationserscheinung einer politikmüden, zugleich tief verunsicherten Gesellschaft. Es zählt, was sich gut anfühlt. Fühlen gilt überhaupt mehr als Wissen und Argumentieren.1

In Deutschland zensieren und kontrollieren die meisten großen Medien ihre Foren bereits seit Jahren sehr viel strenger als in den USA. Auf Spiegel Online dürfen viele Artikel schon lange gar nicht mehr kommentiert werden. Weniger streng ist die Zensur im Forum der Zeit, in der Harald Martenstein unlängst folgende grundlegende (und doch zunehmend weniger beachtete) Wahrheit zum Ausdruck bringen durfte:

Leute, die immer nur die Bestätigung ihrer eigenen Meinung lesen wollen, kann ich nicht begreifen. Die Meinung, die man selber hat, kann man doch wunderbar selbst aufschreiben. Dafür braucht man keinen anderen Autor. Ein anderer Autor oder eine Autorin ist doch nur dann von Nutzen, wenn er oder sie etwas schreibt, das man selber niemals schreiben würde, nicht mal unter Drogen.

Cover

Hg. Florian Rötzer
Medien im Krieg
Krise zwischen Leitmedien und ihren Rezipienten
Als eBook bei Telepolis erschienen

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