Die Gerechtigkeit der Eliten

22.09.2015

Warum wächst die Ungleichheit? Vielleicht, weil Eliten Ressourcen eher mit Blick auf Effizienz als auf Gerechtigkeit verteilen

Es ist ein uraltes Problem: Wenn ohne göttlichen Beistand zehn Brote an 1000 Menschen zu verteilen sind, existieren zwei Lösungswege, die unterschiedlicher nicht sein können. Erstens: zehn Menschen bekommen je ein Brot, werden satt und überleben. 990 Menschen sterben. Das ist ungerecht, aber effizient. Zweitens: Wir verteilen an alle 1000 Menschen je ein winziges Brot-Scheibchen. Niemand wird satt, alle sterben. Die zweifellos gerechtere Lösung, aber effizient ist sie nicht, wenn das Überleben der Menschheit als Maßstab dient.

Während in diesem Extremfall vielleicht die meisten Menschen zu Lösung 1 tendieren, bietet der Alltag in einer modernen Gesellschaft selten derartige klare Fälle. Es kann zum Beispiel effizienter sein, zehn Menschen über teure Stipendien mit allerbester Bildung zu versorgen als 100 Menschen mit durchschnittlicher statt schlechter Grundschulbildung. Das ist vielleicht dann der Fall, wenn man als Effizienz-Maßstab die Summe der künftigen Monatsgehälter wählt. Eine solche Entscheidung erhöht also zwar den Gesamt-Reichtum der Gesellschaft erhöhen, bringt aber nebenbei noch eine unangenehme Nebenwirkung mit sich: Die Ungleichheit wächst, ein gewisser Grad an Gleichheit ist aber der Kitt, der eine Gesellschaft zusammenhält.

Wer entscheidet über die Art und Weise, in der Ressourcen verteilt werden? Es sind in der Regel die Eliten einer Gesellschaft, selbst und gerade in den hochentwickelten westlichen Demokratien. Es ist a priori kein Nachteil, wenn jemand Entscheidungen trifft, der sich in der zu entscheidenden Sache sehr gut auskennt. Ein Problem ergibt sich allerdings dann, wenn in dieser Gruppe bestimmte Haltungen besonders ausgeprägt sind.

Genau das scheint eine Studie von US-Forschern zu zeigen, die jetzt im renommierten Wissenschaftsmagazin Science erschienen ist. Die Wissenschaftler haben mit Probanden experimentiert, die an der Yale Law School Jura studieren - und angesichts des Rufes dieser Hochschule mit hoher Wahrscheinlichkeit später eine wichtige Rolle in Staat und Gesellschaft spielen werden.

Eliten und Diktatorspiele

Die Forscher ließen die Versuchsteilnehmer an einer veränderten Version des in der Wirtschaftsforschung bekannten Diktator-Spiels teilnehmen. Normalerweise hat Spieler A (der Diktator) in diesem Spiel den Auftrag, eine bestimmte Summe zwischen sich und Spieler B aufzuteilen. Spieler B bleibt rein passiv, muss also die Entscheidung akzeptieren. Obwohl man annehmen könnte, dass Spieler A daraufhin stets die gesamte Summe einsteckt, gehen in der Realität zwischen 20 und 30 Prozent an Spieler B - was den altruistischen Anteil der Teilnehmer widerspiegelt.

Bild: Fisman et al / Science

Die Forscher veränderten den Versuch nun derart, dass sie zusätzlich Verteilungskosten einführten, die sie verändern konnten. Bei hohen Verteilungskosten kommt bei Spieler B also eine geringere Summe an. Und hier kommt die Effizienz ins Spiel: Wenn ein Diktator die Höhe der abgegebenen Summe davon abhängig macht, wieviel beim anderen Spieler tatsächlich ankommt, dann liegt ihm offenbar viel an Effizienz und weniger an Gerechtigkeit. Wie schnitten die Jurastudenten im Vergleich zu einer am US-Durchschnitt orientierten Gruppe ab?

Zum einen war der Anteil egoistischer Probanden hier doppelt so hoch wie im Mittel. Zum anderen gab es aber auch einen deutlich geringeren Anteil von Teilnehmern, denen Gerechtigkeit wichtig war - Effizienz stand eindeutig im Vordergrund.

Noch interessanter wird das Experiment, weil die Forscher es 2007, 2010 und 2013 wiederholt haben. Dadurch konnten sie überprüfen, ob der Karriereweg ihrer Probanden irgend etwas mit ihrer Präferenz für Effizienz oder Gerechtigkeit zu tun hat. Tatsächlich entschieden sich egoistische und Effizienz bevorzugende Studenten später deutlich öfter für Jobs in Industrie und Management, während Gerechtigkeits-Fans sich eher in Non-Profit-Organisationen wiederfanden.

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