Linke, Nichtwähler und AfDler bei RT Deutsch

22.09.2015

Umfrage des Online-Portals über soziale Netzwerke. Politische Mitte praktisch nicht vertreten. Chefredakteur nennt Ergebnisse "krass", sieht sich aber bestätigt

Der deutschsprachige Online-Ableger des russischen Auslandsenders RT hatte bei seinem Start vor knapp einem Jahr noch mächtig für Furore ("Wir wurden gleich mit der Propaganda-Keule begrüßt") gesorgt. Kaum eine Redaktion ging nicht auf "Putins Propagandasender" (FAZ) ein. Dabei handelt es sich bei RT Deutsch mitnichten um einen Sender, sondern um eine personell bislang eher bescheiden ausgestattete Onlineplattform, deren bekanntestes Produkt eine Internet-TV-Sendung mit dem Titel "Der fehlende Part" ist.

Nach einigen Monaten ist es in der Berichterstattung über RT Deutsch still geworden. Dabei gibt es inhaltlich durchaus einige spannende Erkenntnisse. Zu einer - nämlich dem Zuschauerprofil - hat die Redaktion selber beigetragen.

Das Ergebnis ist schnell beschrieben: Die Leser und Zuschauer des Online-Portals RT Deutsch, das sich als eine Alternative zu hiesigen Redaktionen sieht, setzt sich vor allem aus drei Gruppen zusammen: Nichtwählern, Anhängern der Linkspartei und der Alternative für Deutschland. Über die Facebook-Seite des Portals hatten die Macher selbst eine Umfrage über das Meinungsforschung-Tool Survey Monkey lanciert, an der offenbar gut 2.000 Personen teilnahmen.

Offensichtlich ist, dass die politische Mitte von SPD über Union bis zu den Grünen quasi nicht vertreten ist. Auf die Frage "Für welche Partei haben Sie bei der Bundestagswahl 2013 gestimmt?" gaben 26,77 Prozent die Linke an, 20,09 Prozent die AfD. 23,01 Prozent gaben an, keine Stimme abgegeben zu haben. Auf die Frage "Für welche Partei werden Sie bei der nächsten Bundestagswahl Ihre Stimme abgeben?" antworteten zugleich 42 Prozent mit der Linken, 21,57 Prozent wollen an der Abstimmung nicht teilnehmen, die AfD kommt auf einen geringeren Wert von 16,65 Prozent.

Gegenwärtig sieht man sich bei RT als Objekt einer Diskreditierungskampagne: "Das international aufgesetellte RT-Netzwerk, finanziert aus dem russischen Staatshaushalt, wird für die westliche Systempresse offenbar immer unbequemer."

Survey Monkey kann, wie fast jedes Online-Umfragetool, leicht beeinflusst werden, indem etwa eine Person von verschiedenen Geräten wiederholt abstimmt oder die Cookies löscht und die Umfrageseite erneut aufruft. Auf Nachfrage sagt RT-Deutsch-Chef Ivan Rodionov selbst, es handele sich höchstens um eine Momentaufnahme.

Informieren sich Nichtwähler außerhalb der etablierten Medien?

Die Zahlen zu SPD, CDU/CSU und Grünen seien "wirklich krass", sagte Rodionov gegenüber Telepolis. Der russische Journalist erklärt das mit der Rolle der genannten Parteien als "Systemparteien mit starker Westprägung". Die heftige Ablehnung seiner Redaktion durch Leitmedien entfalte in diesem Milieu daher eine stärkere Wirkung als bei Anhängern der Linken oder bei Nichtwählern.

Rodionov konstatiert, dass neben den Nichtwählern die Anhänger der Linken unter der Leser- und Zuschauerschaft von RT Deutsch besonders stark vertreten sind. "Ob das an unserer Berichterstattung liegt oder ein allgemeiner Trend dahinter steckt, lässt sich mit dieser Erhebung natürlich nicht sagen", das Interesse beider Gruppen sei aber offensichtlich. "Gerade in Bezug auf die Nichtwähler, die das politische System oft schon abgeschrieben haben, und die, wie mehrere Umfragen andeuten, auch in viel geringerem Maße Nachrichten konsumieren, scheinen wir mit unserem Medienangebot einen Zugang zu finden, den der Mainstream bereits verloren hat", so Rodionov.

Tatsächlich sind die Ergebnisse der - wegen der Erhebungsart über das soziale Netzwerk Facebook und die Durchführung durch die betroffene Redaktion selber freilich nicht repräsentativen - Umfrage markant. Neben den stark vertretenen Gruppen der Nichtwähler, Linken und AfD-Anhänger sind andere Parteien kaum mit mehr als fünf Prozent vertreten. So gaben 5,74 Prozent der Teilnehmer der Umfrage auf der Facebook-Seite von RT Deutsch an, zuletzt für die SPD gestimmt zu haben, bei der kommenden Wahl wollen dies aber nur noch 0,5 Prozent tun. Auch der Wert bei Anhängern der "Piraten" geht im Wahlvergleich von 4,55 Prozent bei der Frage nach dem Abstimmungsverhalten 2013 auf knapp ein Prozent bei der Frage nach der aktuellen Wahlabsicht zurück. NPD-Anhänger legen hingegen von 4,35 Prozent auf 5,72 Prozent zu. Rodionov beunruhigt das nicht. Der Wert sei nur "unwesentlich höher als in einschlägigen Wahlumfragen", sagt er.

Keine ernsthafte Auseinandersetzung

Die Mini-Umfrage wirft ein Schlaglicht auf das vom russischen Staat finanzierte Medienprojekt RT Deutsch, das von etablierten Redaktionen umgehend nach Start zum Paria degradiert wurde. Nur wenige Redaktionen setzten sich wie der Berliner Tagesspiegel in einem offenen Gespräch mit dem redaktionellen Konzept und den Strukturen eines Auslandsmediums auseinander, das sich von der Ausrichtung her nicht wesentlich von der Deutschen Welle unterscheidet (Propaganda machen immer nur die anderen). Bei den unmittelbar nach dem Start des Online-Projektes vor einem Jahr erschienenen Verrissen (bei der SZ, der FAZ oder der taz war die journalistische Leistung dabei noch gar nicht einzuschätzen.

Unlängst noch scheiterte die von Deutschen Bundestag finanzierte Zeitung "Das Parlament" an einer inhaltlichen Auseinandersetzung, um stattdessen den Rechtspopulisten Jürgen Elsässer, von inhaltlichen Fehlern abgesehen, als Kronzeugen gegen RT Deutsch anzuführen. Watchblogs wie rtwatchcuj.tumblr.com oder rtdeutschwatch.blogspot.de haben ihre Arbeit eingestellt oder sind in Ton und Inhalt für eine fachliche Auseinandersetzung nicht geeignet.

Das Ergebnis der Online-Meinungserhebung könnte, obwohl von der Redaktion durchgeführt, durchaus eine These ihrer Kritiker bestätigen. Unlängst hatte die IG-Metall-nahe Otto-Brenner-Stiftung Interviewpartner von RT Deutsch als Teil einer neuen medialen Querfront eingeordnet - musste das entsprechende Papier aber wegen inhaltlicher Mängel zunächst korrigieren und dann über Wochen ganz aus dem Netz nehmen.

Inhaltlich ist die These auch durch die Berichterstattung nicht hinreichend gedeckt. So interviewt RT Deutsch zwar immer wieder Akteure des rechtspopulistischen Lagers wie die ehemalige Nachrichtensprecherin Eva Herman. Zum Bruch kam es hingegen mit dem Rechtspopulisten Elsässer, nachdem RT Deutsch sich kritisch zur Pegida-Bewegung äußerte. Der Herausgeber des Magazins Compact ("Asyl. Die Flut", "Fremd im eigenen Land") forderte daraufhin die Entlassung der RT-Deutsch-Redaktion.

Der Quefront-Vorwurf gegen das Moskau-finanzierte Online-Projekt gehört bislang wohl eher in den Bereich der Verschwörungstheorien. Eine seriöse Auseinandersetzung steht aus. Wie sehr, das zeigt der Umstand, dass eine eilends geschaltete Umfrage der Redaktion selber über Facebook mehr Fakten bringt als viele Beiträge etablierter Medien.

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