Werden niederländische Wissenschaftlerinnen diskriminiert?

29.09.2015

Kontroverse um Veröffentlichung einer Studie über einen "Funding Gap" in der Zeitschrift PNAS

Sehr oft hört und liest man in den Medien von der Benachteiligung von Frauen. Neben dem Pay Gap, Unterschieden bei der Bezahlung, ist in der Wissenschaft vom Funding Gap die Rede: Diskriminierung von Frauen beim Einwerben von Forschungsgeldern. Zwei Sozialpsychologinnen publizierten Belege für die Niederlande. Die Studie sowie die Kritik daran erhielt in Windeseile internationale Aufmerksamkeit. Als Beispiel dafür, wie mit Zahlen Politik gemacht wird, ist sie auch für den deutschsprachigen Raum wichtig.

"Alle, die sich in den Niederlanden befinden, werden in gleichen Fällen gleich behandelt. Diskriminierung aufgrund … des Geschlechts … ist nicht erlaubt." So lautet der erste Artikel des niederländische Grundgesetzes. Eine neue Publikation in der angesehenen Fachzeitschrift Proceedings of the National Academy of Sciences of the USA, kurz PNAS, scheint dem jetzt zu widersprechen. Eine der wichtigsten Tageszeitungen der Niederlande titelte umgehend: "Forschungsorganisation diskriminiert weibliche Wissenschaftler."

Die beiden Sozialpsychologinnen Romy van der Lee von der Universität Leiden und Naomi Ellemers von der Universität Utrecht haben für ihre Analyse knapp dreitausend Forschungsanträge aus den Jahren 2010 bis 2012 untersucht. Diese waren bei der Niederländischen Forschungsorganisation (NWO) in der "Veni" genannten Initiative eingereicht worden. Dabei geht es um bis zu 250.000 Euro pro Antrag für junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler bis zu drei Jahren nach Abschluss der Promotion.

Steuergelder für den Wettbewerb

Die NWO bekommt jährlich 700 Millionen Euro an Steuermitteln, die größtenteils im Wettbewerb der Forschenden untereinander verteilt werden. Insgesamt werden nur ca. 15 Prozent der Anträge bewilligt. Damit gehen 85 Prozent der Anfragen leer aus. Aufgrund von Sparmaßnahmen in der Wissenschaft ist der Druck zum Einwerben solcher Mittel groß. Oft hängt die akademische Karriere oder gar der Arbeitsplatz davon ab. Deshalb ist Fairness hier außerordentlich wichtig.

Das Gebäude der Niederländischen Forschungsorganisation (NWO) in Den Haag. Anders als die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG), die als privatrechtlicher Verein die Selbstverwaltungsorganisation der Wissenschaft in Deutschland ist, untersteht die NWO direkt dem Forschungsministerium. Foto: Stephan Schleim

Gemäß der Untersuchung der beiden Sozialpsychologinnen werden Wissenschaftlerinnen dabei aber systematisch benachteiligt. Von Antragstellung bis zur Mittelvergabe würden vier Prozent der Frauen verloren gehen. Die Autorinnen sprechen im Zusammenhang damit von einem "Funding Gap". Unterm Strich liege die Erfolgsquote bei Männern bei 17,7 Prozent gegenüber 14,9 Prozent bei Frauen. Dieser Unterschied sei statistisch signifikant.

Kleine Unterschiede, große Erklärung

Von den drei Hauptkriterien zur Beurteilung der Anträge fanden sie nur für die "Qualität der Wissenschaftlerin/des Wissenschaftlers" einen statistisch signifikanten Unterschied: Frauen schnitten auf der Skala von 1 (exzellent) bis 9 (schlecht) schlechter ab als die Männer. Im Mittel erzielten sie den Wert 2,85 gegenüber der Note 2,69 der Wissenschaftler. Für die Kriterien "Qualität des Forschungsprojekts" und "Wissensverwertung" fanden sie keine signifikanten Unterschiede.

Als Erklärung hierfür diskutieren van der Lee und Ellemers drei Faktoren: Erstens könne ein hoher Anfragedruck die Gutachterinnen und Gutachter für implizite Vorurteile anfälliger machen. Zweitens könne der Verweis auf Maßnahmen zur Gender-Politik in den Dokumenten der Forschungsorganisation zu einem "Gleichheitsparadox" führen: Die Entscheider könnten deshalb irrtümlich denken, es herrsche bereits Gendergleichheit.

Drittens enthielten die Dokumente ein Übermaß an männlicher Sprache, was die männlichen Bewerber bevorteilen könne. Dies seien einerseits Formulierungen wie "Mannjahre an Forschung" oder "unter den besten 10-20% seiner Gruppe", andererseits männlich besetzte Eigenschaftswörter wie "herausfordernd", "unabhängig" und "abenteuerlich" gegenüber weiblich besetzten Wörtern wie "verantwortlich", "organisiert" und "gründlich".

Medienaufmerksamkeit in Windeseile

Am 21. September, dem Tag der Veröffentlichung, reagierten nicht nur die niederländischen Medien, sondern auch die NWO selbst. In einer Pressemitteilung wurden Untersuchungen und Anpassungen im Sinne des Genderbewusstseins angekündigt. Jos Engelen, Präsident der Forschungsorganisation und Physikprofessor an der Universität Amsterdam, spricht von wertvollen Ergebnissen der beiden Forscherinnen und Verbesserungen auf Grundlage ihrer Empfehlungen.

Allerdings ließ die Kritik an der Veröffentlichung nicht lange auf sich warten. Schon einen Tag später reagierten Daniël Lakens von der Universität Eindhoven und Rolf Hut von der Universität Delft mit einem Kommentar in der Tageszeitung de Volkskrant. Der berichtete Effekt habe es gerade so über die statistische Signifikanzschwelle geschafft, was insbesondere aufgrund der großen Stichprobe mit Vorsicht zu genießen sei. Außerdem verschwinde er gänzlich, wenn man neuere Daten aus dem Jahr 2015 mitberücksichtige oder bessere Analyseverfahren verwende.

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