Flüchtlinge: Getrennte Unterbringung als Schutz vor Gewalt?

29.09.2015

Sprecher von Polizeigewerkschaften plädieren für eine Trennung von Muslimen und Christen

An der Massenschlägerei im Flüchtlingszeltlager nordhessischen Calden waren 400 Personen beteiligt, 50 Polizisten benötigten Stunden, um die Lage wieder unter Kontrolle zu bringen. Es gab 14 Verletzte, berichtet die Hessenschau.

Auslöser war ein Schlag eines jungen Albaners ins Gesicht eines älteren Pakistaners beim Essen, angeblich hatte sich der Jüngere vorgedrängt, worüber sich der Ältere beschwerte. Der Albaner versetzte dem Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes, der dazwischen gegangen war, ebenfalls einen Schlag ins Gesicht. Am Nachmittag griffen 70 Pakistaner mit Alu-Stangen Albaner an, die sich noch in der Essenshalle aufhielten.

Abends erfolgte der Gegenangriff, 300 Albaner gegen 70 Pakistaner. Diese wurden dann zusammen mit 30 Afghanen in ein anderes Lager gebracht. Auch einschreitende Polizisten wurden mit Reizgas angegriffen.

Dem bislang spektakulärsten Ausbruch von Gewalt in einem Flüchtlingslager waren bereits andere in der Aufnahmeeinrichtung vorangegangen, wo 60 Migranten verletzt wurden. Als Grund werden "ethnische Auseinandersetzungen zwischen Gruppierungen unterschiedlicher Nationen, vor allem zwischen Syrern und Pakistanern", angegeben", die die Polizei aber nicht bestätigen wollte."

Am vergangenen Freitag gingen hundert bis zweihundert Syrer und Afghanen "mit Latten, Tischbeinen, Bettgestellen und Ästen" in der der Leipziger Messehalle aufeinander los, Rot-Kreuz-Mitarbeiterinnen ergriffen die Flucht. Auslöser der Schlägerei:

Nach bisherigen Erkenntnissen soll ein 17 Jahre alter afghanischer Asylbewerber ein elfjähriges syrisches Mädchen mit einem Messer bedroht haben. Das Mädchen sei daraufhin zu einem Verwandten geflohen. Dieser stellte den Angreifer zur Rede, wobei es zu einer Rangelei kam. Daraus entwickelte sich eine Massenschlägerei bei der auch verschiedene Schlagwerkzeuge verwendet wurden.

Gewaltausschreitungen in großen Unterkünften wahrscheinlicher

Die Flüchtlingseinrichtung in Calden ist überfüllt. Sie ist für 1.000 Personen ausgelegt, derzeit sind in den 50 Zelten aber 1.500 Personen - aus 20 Nationen - untergebracht. Bei der Messehalle in Leipzig spricht man trotz 1.800 Untergebrachten nicht von Überfüllung, aber doch von Situationen - wie das "lange Warten" -, die an die Nerven gehen können.

In beiden Einrichtungen ist es schnell zu Eskalationen gekommen und zu Schlagzeilen, die Ängste bestätigen. Reagiert wird darauf mit verschiedenen Erklärungsversuchen.

"Wenn große Gruppen auf engem Raum über einen längeren Zeitraum zusammen leben, ist es normal, dass es Probleme gibt und von Zeit zu Zeit knallt", so der Sozialpsychologe Rolf van Dick.

Erstaufnahmelager Jenfelder Moorpark; foto: An-d/CC BY-SA 3.0

Der Migrationsexperte Wolfgang Bautz hat in einer Studie zu Gemeinschaftsunterkünften - untersucht wurden Ende 2014 fast alle 48 Unterkünfte in Brandenburg - auch festgestellt, dass es "oft nicht viel brauche, dass ein ganz normaler Streit in der Gemeinschaftsküche eskaliert".

Für ihn sind die großen Unterkünfte prädestiniert für Gewaltausschreitungen. Noch wichtiger sei aber anderes: wie viele Rückzugsmöglichkeiten es gebe, wie viele Bewohner sich Küche und Sanitäranlagen teilen und Freizeitbeschäftigungen. Dazu kommentiert er, mit einem bezeichnenden Nachsatz:

Langweile kann eine Ursache für Konflikte sein. Ein weiteres großes Problem ist der Rassismus innerhalb der Einrichtungen.

Dass Überfüllung das Aggressionspotential steigert, wird auch von Jörg Radek, dem Vorsitzenden der Gewerkschaft der Polizei (GdP) so gesehen - "die Enge führt zu Aggressionen" - als Kernpunkt der Eskalation macht er die Solidarisierung unter unterschiedlichen Gruppen aus, weswegen er, wie viele Politiker auch, für eine getrennte Unterbringung nach Religionen plädiert, womit er vor allem Muslime und Christen meint.

Bürokratie für eine "Sonnenschein-Situation" ausgelegt

Auch Rainer Wendt, Vorsitzender der Deutschen Polizeigewerkschaft (DPolG), spricht sich dafür aus, dass Christen unter besonderen Schutz gestellt werden müssen, wie auch Frauen und allein reisende Jugendliche und Kinder. Die Bedrohungen und Gewalttaten gegen diese Gruppen kämen kaum ans Licht.

Geht es nach Wendt, so finden die meisten Gewalttaten "innerhalb der muslimischen Gruppen statt".

Da kämpfen Sunniten gegen Schiiten, da gibt es Salafisten unterschiedlichster Ausprägung. Sie versuchen, dort ihre Regeln durchzusetzen. Da werden Christen massiv bedrängt, und die Schariasoll durchgesetzt werden.Frauen werden zur Verschleierung gezwungen. Männer werden gezwungen zu beten. Islamisten wollen dort ihre Werte und Ordnung einführen.

Einmal davon abgesehen, dass dieses Bild einer Wahrnehmungsschablone entspricht, die in Gesprächsrunden gerne auf den gesamten Nahen Osten angelegt wird und gar nichts zur Konfliktlösung beigeträgt, aber für Emotionen sorgt, fragt man sich angesichts der konkreten Probleme, die sich hierzulande bei der Flüchtlingsunterbringung stellen, was diese Aussage für praktische Konsequenzen haben soll.

Also auch getrennte Unterbringung von Schiiten und Sunniten? Und dann nach unterschiedlichen Ländern und Ethnien weiterdifferenziert?

Die ehrenamtlichen Helfer beklagen jetzt schon, dass sie überfordert sind, am Ende ihrer Kräfte, Kommunen und Länder klagen seit Wochen, dass sie am Limit der Aufnahmekapazitäten sind. In Bayern versucht man bereits "konfliktsensible Unterbringung", bundesweit ist das im Augenblick aber schwer vorstellbar.

"Unsere Bürokratie ist für eine Sonnenschein-Situation ausgelegt", sagt Radek von der Gewerkschaft der Polizei (GdP). Man kann gespannt sein, wie sich das in den Herbst-und Wintermonaten ändert.

Regierungspräsident Walter Lübcke, zuständig für das hessische Lager in Calden, erklärte übrigens, dass eine religiöse Trennung, etwa nach Christen und Muslimen, nicht erfolge, weil Religion bei der Unterbringung keine Rolle spiele, auch keine negative. Seines Wissens hätten die Streitigkeiten in Calden keinen religiösen Hintergrund gehabt.

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