"Viele halten die Demokratie für eine veraltete Technologie"

12.10.2015

Kai Schlieter über Künstliche Intelligenz, Big Data und eine neue Herrschaftsformel

Die Beherrschung von Menschen mit Hilfe Künstlicher Intelligenz (KI) wird zu einer echten Gefahr. Das sagt Kai Schlieter in seinem so Buch Die Herrschaftsformel - Wie Künstliche intelligenz uns berechnet, steuert und unser Leben verändert Im Interview mit Telepolis erklärt der Soziologe und taz-Redakteur unter anderem, welche Gefahren eine immer tiefer in unser Leben verflochtene KI mit sich bringt.

Schlieter konstatiert, dass die KI die Autonomie der Menschen immer weiter unterhöhlt und verweist darauf, dass sie ein enormes Potenzial für denjenigen bietet, der in der Lage ist, mit ihr die Zukunft der Menschen zu antizipieren. Dann, so Schlieter, kann er "vorab Einfluss nehmen und diese Zukunft in seinem Sinne verändern".

 

In Ihrem Buch haben Sie sich eines Themas angenommen, von dem wohl viele schon mal etwas gehört haben, aber das wohl gar nicht so leicht zu verstehen ist. Künstliche Intelligenz oder kurz: KI. Können Sie uns erklären: Was genau bedeutet KI?

Kai Schlieter: Künstliche Intelligenz beschreibt den Versuch, Systemen - Robotern oder Software - eigenständiges Handeln beizubringen. Diese Systeme lernen, sich in einer für sie unbekannten Umgebung zurecht zu finden und Probleme zu lösen. Das gilt für reale Umgebungen, in denen sich beispielsweise selbstfahrende Autos bewegen. Das gilt aber auch für virtuelle Umgebungen - also Datenuniversen.

Das Ideal ist ein System, das jedes Problem, das sich in der spezifischen Umgebung stellt, lösen kann. Der universelle Problemlöser ist seit jeher ein Ziel der KI-Forschung.

IBM Watson ist ein so genanntes Expertensystem, das auf medizinischen Sachverstand trainiert wurde. Das System kann Tausende von medizinischen Studien auswerten, daraus bereits Schlussfolgerungen ziehen und Therapievorschläge entwickeln. Es beherrscht formal viel mehr Wissen als jeder Mediziner auf der Welt. Es "versteht" in gewisser Weise sogar semantische Zusammenhänge. Und es wird mit mehr Rechenleistung und mehr Daten immer besser. Prinzipiell könnte dieses System mit den entsprechenden Daten sämtliche Wissensgebiete erschließen und tatsächlich ein universeller Problemlöser werden.

KI wird also dann interessant, wenn die zu lösenden Aufgaben so komplex sind, dass sie nicht mehr von Programmierern modelliert werden können?

Kai Schlieter: Richtig. Das Modellieren übernehmen dann selbstlernende Systeme, die eine Art Erfahrung aufbauen und auf dieser Basis immer kompliziertere Probleme lösen können. Als Revolution beschreiben Forscher derzeit die Entwicklung künstlicher neuronaler Netze, die bestimmte Gehirnfunktionen simulieren. Diese Netze verwandelt Daten in Mathematik. Sie übersetzten die Welt in eine Sprache, mit der sie operieren können.

Das Rückgrat der Weltwirtschaft besteht aus KI-Systemen, die sich selbst steuern

Aber KI macht sich doch auch in unserem direkten Alltag bemerkbar.

Kai Schlieter: Auf jeden Fall. Unser Alltag ist durchdrungen von - je nach benötigter Anwendung mehr oder weniger - autonom agierenden Systemen. Computer handeln mit Computern an der Börse auf Basis von Wirtschaftsinformationen, die ihrerseits von Computern generiert wurden - das Rückgrat der Weltwirtschaft besteht aus KI-Systemen, die sich selbst steuern.

Und dann wäre da noch Google.

Kai Schlieter: Google ist der größte KI-Konzern der Welt. Jede menschliche Suchanfrage trainiert das System, um spätere Suchanfrage zu verbessern. Es entstehen dabei mathematische Modelle unserer Vorlieben und Sehnsüchte.

Menschliches Verhalten wird durch "soziale" Medien in Daten verwandelt, die für künstliche neuronale Netze lesbar werden. Auch das verbirgt sich hinter Big Data: Die Lesbarmachung des Menschen durch künstlich intelligente Systeme. "Big Data" bedeutet stets KI. Das ist die Schlüsseltechnologie. Mit den Massendaten könnten Geheimdienste nichts anfangen, wenn nicht lernende Software die Datenuniversen handhabbar machen würde.

Google kennt deswegen buchstäblich Milliarden Menschen - ihre intimsten Geheimnisse und Wünsche, ihre Fehler und was sie angreifbar macht. Mit psychologischen Modellen weiß dieser und ähnliche Daten-Konzerne mehr über uns als unsere besten Freunde.

Ist das nicht etwas übertrieben?

Kai Schlieter: Nein, das ist buchstäblich so und keine dramaturgische Überhöhung. Bis ins tiefste Innere - vermutlich auch mehr, als wir selbst über uns wissen, weil wir diese Datenmengen über uns nicht prozessieren können. Das macht uns berechenbar und manipulierbar, denn mit diesen Daten lässt sich unsere Zukunft sehr genau prognostizieren. Denn wir sind Gefangene bestimmter Gewohnheiten, die als Muster lesbar werden. Immer mehr Strafverfolgungsbehörden dieser Welt - auch in Deutschland - setzen solche Verfahren ein, um zu berechnen, wo in Zukunft Verbrechen geschehen werden.

Es geht bei KI also nicht darum, ob Maschinen irgendwann exakt die Intelligenz des Menschen kopieren und schließlich ein Bewusstsein erlangen. Es geht um die totale Umwandlung sämtlicher Prozesse in Daten, die vermessen und in eine Maschinensprache transkribiert werden können. Es geht um Optimierung von Informationsverarbeitung und damit zusammenhängend um Prozesse der Automatisierung.

Bedeutet das nicht auch, dass sehr viele Jobs irgendwann einmal verloren gehen werden - durch den Einsatz von KI?

Kai Schlieter: Verschiedene Studien warnen davor, dass in den nächsten 10 Jahren rund 50 Prozent der Jobs verloren gehen könnten. Das gilt nicht nur für mechanische Arbeit. Unser Intellekt beruht auf permanent lernender Informationsverarbeitung. Das menschliche Verstehen von Sprache ist Informationsverarbeitung. Das lernen diese Systeme. Sie lernen Sprechen, Sehen und Verstehen auf Basis von mathematisch-statistischen Korrelationen. In gewisser Weise auch Fühlen, denn sie entwickeln statistische Modelle, die bestimmte Gefühlsmuster repräsentieren. Vermutlich werden intelligente Maschinen in all diesen Dingen besser werden als Menschen.

Bald wird es selbstverständlich sein, sich mit Künstlichen Intelligenzen zu unterhalten. Es gibt ja bereits Spielzeug, das an eine KI-Cloud gekoppelt ist. Kinder unterhalten sich mit diesen Stofftieren und bekommen sinnvolle Antworten. Dabei fallen permanent Daten an, denn diese Interaktionen werden rückgekoppelt. Darum geht es.

Daten sind Rohstoff und die unsichtbare Währung der Gegenwart. Denn sie repräsentieren unser Verhalten, die Kaufgewohnheiten oder die Risiken, die von uns ausgehen. Sie sind universell. Der Besitz von Daten definiert deswegen ein Machtverhältnis. Daten sind nicht nur Geld, sondern Macht. Menschliches Verhalten wurde durch seine Datafizierung zu einer Ware. Auch deswegen sind jene Konzerne die mächtigsten Playern der Gegenwart, deren Geschäftsmodell auf Daten fußt. Manche sagen, Daten sind das Öl der Gegenwart - treffender wäre: das Uran der Gegenwart.

Seite 1 von 3
Nächste Seite
x
Fehler melden
Telepolis zitieren
Vielen Dank!
Kommentare lesen (106 Beiträge) mehr...
Anzeige
Anzeige
Hellwach mit Telepolis
Anzeige
Cafe
Telepolis-Cafe

Angebot des Monats:
Kaffee und Espresso aus Nicaragua in der Telepolis-Edition für unsere Leser

Cover

Aufbruch ins Ungewisse

Auf der Suche nach Alternativen zur kapitalistischen Dauerkrise

Anzeige
Cover

Die Moral in der Maschine

Beiträge zu Roboter- und Maschinenethik

Die Form folgt den Finanzen

Der Hochhausbau verstärkt die Defizite, die er beseitigen soll

bilder

seen.by

Mit dem Schalter am linken Rand des Suchfelds lässt sich zwischen der klassischen Suche mit der Heise-Suchmaschine und einer voreingestellten Suche bei Google wählen.

Tastenkürzel:

ctrl-Taste:
Zum Wechseln zwischen Heise- und Google-Suche

esc-Taste:
Verlassen und Zurücksetzen des Eingabe-Felds

Buchstaben-Taste F
Direkt zur Suche springen

SUCHEN

Mit dem Schalter am linken Rand des Suchfelds lässt sich zwischen der klassischen Suche mit der Heise-Suchmaschine und einer voreingestellten Suche bei Google wählen.

SUCHEN

.
.