Out of Afrika und zurück

Die Entzifferung des Erbguts eines vor 4.500 Jahren verstorbenen Afrikaners beweist, dass es eine große Auswanderungswelle von Eurasien nach Afrika gab

Die Paläogenetiker werden immer besser, sie sequenzieren die Genome unserer längst verstorbenen Vorfahren und ergänzen dadurch den Stammbaum aller heute lebender Menschen. Bislang analysierten sie das Erbgut von Neandertalern und frühen Homo Sapiens aus Europa und Asien (Frühmenschlicher Sex-Reigen), das des Denisova-Menschen (Urahnen-Gene) aus Sibirien und dasjenige von den ersten Indianern Nordamerikas, die der Clovis-Kultur angehörten (Die Eroberung Amerikas). Zunehmend zeigte sich, dass es viele verschiedene Menschenformen gab - und dass sie sich alle miteinander vermischt haben.

Eingang der Mota-Höhle auf 1.963 Meter im äthiopischen Hochland, aus der die Knochen stammen, aus denen die 4.500 Jahre alte DNS-Probe extrahiert wurde. Bild: Kathryn und John Arthur

Aus uralten Knochen ziehen die Wissenschaftler die entsprechenden DNS-Proben, die gut genug erhalten sein müssen, um ausreichend Material für das aufwendige Verfahren einer Sequenzierung des Genoms zu gewinnen. Das war bisher nur in kühleren Regionen gelungen, im warmen und feuchten Klima Afrikas zersetzt sich das Erbgut in den Fossilien zu sehr.

Deshalb hat es gedauert bis nun in der aktuellen Ausgabe des Wissenschaftsmagazins Science die erste Sequenzierung eines Genoms aus dem alten Afrika gemeldet wird. Einer internationalen Forschergruppe um Marcos Gallego Llorente von der University of Cambridge in Cambridge und Eppie R. Jones vom Trinity College Dublin gelang der Durchbruch

Sie nahmen die DNS aus einem Stück Schädel, dem Felsenbein, genau unter die Lupe und fanden tatsächlich verwertbare DNS. Das Felsenbein ist ein dicker Knochen an der seitlichen Basis des Schädels, in ihm liegt unter anderem das Innenohr.

Das Individuum, das einst diesen Schädel auf den Schultern hatte, lebte vor 4.500 Jahren und war ein Jäger und Sammler im südlichen Hochland des heutigen Äthiopien. Ein erwachsener Mann, der nach der auf 2.000 Metern hoch gelegenen, trockenen und kühlen Höhle, in der er 2012 gefunden wurde, Mota genannt wird.

Das Forscherteam verglich sein Genom mit dem verschiedener zeitgenössischen Bevölkerungsgruppen, 40 davon aus Afrika und 81 aus Europa und Asien. Es erwies sich, dass Mota ein ursprünglicher Highlander war: Er hatte braune Augen und eine dunkle Haut, sowie eine Laktoseintoleranz (Milchzuckerunverträglichkeit) und er war genetisch für das Leben auf den Bergen in großer Höhe besonders gut ausgerüstet. Er ist eng verwandt mit den heutigen Aari, die in der Region leben.

Seine Gene unterscheiden sich aber in einem Punkt deutlich von denen seiner Nachfahren, wie die Studie beweist, denn er starb, bevor es vor etwa 3.000 bis 3.500 Jahren zu einer Auswanderungswelle von Eurasiern nach Afrika kam. Eine Welle, deren Ausläufer in den Erbanlagen der Aari unübersehbar vorhanden sind.

Blick aus der Mota-Höhle über das äthiopische Hochland. Bild: Kathryn und John Arthur

Dieser so genannte Eurasische Rückfluss war schon länger bekannt, aber das Genom von Mota beweist, dass diese Zuwanderer viel weitgehender ihre genetische Spuren in allen Afrikanern hinterließen, als bisher angenommen.

Alle Menschen stammen aus Afrika, von dort aus breitete sich Homo in mehreren Auswanderungswellen über die ganze Welt aus. Zuletzt kam Homo sapiens vor circa 200.000 Jahren in Ostafrika zur Welt (Echt alt) - unser eigentlicher Urahn, denn von allen anderen Menschenformen wie dem Neandertaler haben wir nur sehr wenig geerbt. Jene, die sich in die ganze Welt aufmachten, gingen durch viele genetische Flaschenhälse, das ist der Grund, weshalb Afrikaner die größte genetische Vielfalt aufweisen. Aber der Mensch ist ein Wanderer - und es kamen viele letztlich in den Kontinent ihrer Ahnen zurück.

Neolithische Migranten

Wie die Gene nun zeigen, waren es vor rund 3.000 Jahren die Bauern aus dem Vorderen Orient/Anatolien, die tausende Jahre zuvor die neolithische Revolution nach Europa gebracht hatten (Genetische Mixtur), bzw. ihre direkten Nachfahren, die in Scharen nach Nordafrika zuzogen. Eppie Jones erklärt:

Es ist erstaunlich, dass es sich genetisch um die gleiche Population handelt, die einige Jahrtausende zuvor den Vorderen Orient verlassen hat. Während sich die genetische Ausstattung dort seitdem komplett verändert hat, sind die engsten genetischen Verwandten dieser neolithischen Migranten heute die Sarden, wahrscheinlich weil Sardinien eine isolierte Insel ist. Diese Bauern fanden ihren Weg nach Sardinien und lebten dort fast wie in einer Zeitkapsel weiter. Die direkten Vorfahren der Sarden sind am engsten verwandt mit den Bauern aus dem alten Vorderen Orient.

Der Boden in Afrika wurde damals schon von einheimischen Bauern bearbeitet, aber die Migranten brachten neues Getreide wie Weizen und Gerste mit, zudem Linsen, wie archäologische Befunde belegen. Möglicherweise machten die neuen Feldfrüchte sie als Partner sehr attraktiv, vielleicht brachten sie zudem neues landwirtschaftliches Know-how mit. Jedenfalls müssen sie zahlreich gewesen sein und sehr schnell vermischten sie sich mit der einheimischen Bevölkerung.

Co-Autorin Andrea Manica von University of Cambridge erläutert:

Grob überschlagen könnte diese Welle westeurasischer Migration zurück ans Horn von Afrika bis zu 30 Prozent der damals dort ansässigen Bevölkerung entsprochen haben - was ich überwältigend finde. Die Frage ist: Was brachte sie plötzlich dazu?

Eine Frage, die von dem Forscherteam noch nicht beantwortet werden kann, ausschließen können sie nur einen Klimaeinbruch.

Wer weiß? Vor 3.000 Jahren regierten in Ägypten schon seit zweitausend Jahren die Pharaonen, in Mesopotamien kamen und vergingen seit langem ganze Reiche, auf Sardinien herrschte die Nuraghenkultur und die Phönizier tauchten auf, die minoische Kultur auf Kreta ging gerade unter, der Stern des antiken Griechenland auf. Viele Gründe könnten Menschen in Richtung Süden getrieben haben, vielleicht werden irgendwann sogar Texte gefunden, die über diese westeurasischen Migranten und ihre Beweggründe berichten.

Die Archäologen vor dem Eingang der Mota-Höhle. Bild: Matthew Curtis

Sicher ist dagegen, dass die Zuwanderer sich sehr nachhaltig fortgepflanzten, in den Erbanlagen der Ostafrikaner findet sich bis zu ein Viertel eurasischer Anteil. Aber diese Gene haben sich zudem bis in die entlegensten Ecken des Kontinents ausgebreitet, sie finden sich zu sechs bis sieben Prozent selbst in westafrikanischen Yoruba oder in den Mbuti im Herz des Kongo.

Alle Menschen kamen "Out of Africa", die Wiege der Menschheit stand in Afrika, von hier aus eroberte Homo Sapiens die ganze Welt. Ein Teil der Exodus-Nachfahren kehrte vor rund 3.000 Jahren zurück und gründete wiederum Familien, deren Kindeskinder heute alle Regionen des Kontinents bevölkern.

Die Ahnenreihe des Menschen wird immer vielfältiger und verästelter. Dank der Genetiker erweitert sich der Blick zurück bis ins tiefste Innere des Homo Sapiens - auch in das unserer Altvorderen. Es gibt noch viel zu entdecken, oder wie es Andrea Manica formuliert:

Durch ein uraltes Genom haben wir ein direktes Fenster in die ferne Vergangenheit. Ein Genom von einem Individuum kann uns ein Bild einer kompletten Population liefern.

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