Der Club der Ungeliebten

14.10.2015

Über deutschnationale Brandstifter, populistische "Volkspartei"-Männer und Gegenstrategien

In der Weimarer Republik waren einige bürgerliche Politiker von Format weithin wehrlos der tödlichen Hetze des deutschnationalen Komplexes ausgeliefert. Die Rechtsterroristen ermordeten am 26. August 1921 den katholischen Politiker Matthias Erzberger und am 24. Juni 1922 den liberalen Außenminister Walter Rathenau. Im Parlament zeigte Reichskanzler Josef Wirth, Mitglied der bedeutsamsten CDU-Vorläuferpartei Zentrum, am 25. Juni 1922 auf die Abgeordnetensitze der Deutschnationalen:

Da steht der Feind, der sein Gift in die Wunden eines Volkes träufelt. Da steht der Feind - und darüber ist kein Zweifel: dieser Feind steht rechts!

Die obersten Drahtzieher der deutschnationalen Menschenfeindlichkeit waren keine kleinbürgerlichen Spießer, sondern die Spitzen des Kapitals und hohe Militärs. Indessen zielten die über eine machtvolle Medienlogistik verbreiteten Hetzparolen und Heilsversprechen der Deutschnationalen auf ein riesiges Heer der Ungeliebten.

Walther Rathenau (Bild: Public Domain), Matthias Erzberger (Bild: Diethart Kerbs, Deutsches Bundesarchiv, Bild 146-1989-072-16, Lizenz: CC-BY-SA-3.0)

Mehreren Generationen von Männern hatte man im Kaiserreich beigebracht, dass ein männlicher Mensch nur als Soldat etwas wert und in phallischer Hinsicht ausreichend ausgestattet ist. Das von sozialen Abstiegsängsten verunsicherte Kleinbürgertum war über einen allgegenwärtigen Kult des Nationalen, längst durchsetzt mit rassistischem Germanenwahn, bei der Stange gehalten worden.

Mit dem Zusammenbruch der National- und Militärreligion blieben nun Millionen Männlein zurück, die sich kastriert, leer und innerlich wertlos vorkamen. Sie konnten ihr nie entwickeltes und also nicht vorhandenes Selbstwertgefühl nicht mehr durch ein Plagiat - nämlich die Zugehörigkeit zu einem glorreichen, auserwählten Großkollektiv - substituieren. Hinter den Fahnen-Fetischen: nur leere Luft und Fürze. Aus dem Dunstkreis dieser üblen Winde wurden die Ausführenden des Gewaltterrors rekrutiert.

Die analytische Kategorie des Ungeliebtseins

Der Allgemeinplatz, dass Weimarer Republik und Bundesrepublik nicht dasselbe sind, hilft uns angesichts der deutschnationalen Renaissance und der erst im Ansatz sichtbar werdenden Herausforderungen der Gegenwart nicht viel weiter. Seit der Regierungszeit des nachmaligen Staatskonzern-Nutznießers Gerhard Schröder haben wir Institutionen, die - je nach Persönlichkeit der Mitarbeiter - das Selbstwertgefühl von kleinen Leuten (z.B. Grundbedarfs-"Kunden") ganz nach Dienstvorschrift systematisch beschädigen.

Rechtsextremistische Drahtzieher und bis weit ins Bürgertum hineinreichende neue Deutschnationale wissen längst, dass es für rechte Parolen bei Verlierern, "Zukurzgekommenen" und Verlustgeängstigten wieder einen nennenswerten Resonanzboden gibt. Solange den jahrzehntelangen, tiefgreifenden Beschädigungen der Gesellschaft durch die ideologische Agenda des Neoliberalismus nicht etwas Neues entgegengestellt wird, ist diesbezüglich mit einer Aufhellung nicht zu rechnen.

Nur ökonomische, politische, soziale und kulturelle Verhältnisse, die der Entwicklung von wirklichem Selbstwertgefühl förderlich sind, werden an der Wurzel Abhilfe schaffen. Allein in Richtung einer "Gesellschaft der Geliebten" lässt sich die Würde jedes Menschen - statt bloß eine Worthülse zu sein - lebendig erfahren und bewahrheiten.

Die von mir hier ins Spiel gebrachte "Kategorie des Ungeliebtseins" zielt auf höchst bedeutsame Unterscheidungen. Zuvorderst fällt der Blick auf die politischen und agitatorischen Netzwerke, die auf den "Strukturen des Ungeliebtseins" basieren und diese für ihre Zwecke instrumentalisieren. Beim Umgang mit diesen organisierten Formen der Menschenverachtung und Angstpropaganda kann es im Zuge einer "Ersten Hilfe" nur um strikte Trennlinien (Ausgrenzung!), nicht um tiefere Ursachenbekämpfung gehen.

Aus sozialpsychologischen Erkenntnissen, wie sie etwa die Schriften von Erich Fromm oder Arno Gruen vermitteln, können wir wissen: Die potentielle Anhängerschaft der Populisten und Rechtsextremisten ist bei allem Kampfgeschrei zutiefst autoritätshörig und folgt im Fall des Falles gerade denjenigen, die sie in Wirklichkeit verachten. Wer die Brandstifter über bürgerliche Gesprächsangebote, verständnisvolle Medienkommentare oder Querfront-Strategien hofiert, hilft mit beim Autoritäts-Aufbau der "falschen Götter"!

Nichts wäre also fataler, als wenn staatliche bzw. politische Funktionsträger den Organisationsformen, Repräsentanten oder Deklarationen der sich formierenden Rechten irgendwo auch nur mit einem Fingerbreit "Dialog" entgegenkommen. Dies schien Vizekanzler Sigmar Gabriel (SPD) noch nicht kapiert zu haben, als er sich im Frühjahr demonstrativ für ein "Recht, deutschnational zu sein" aussprach und medienwirksam einen pseudo-privaten Pegida-Dialog versuchte.

Verkappte Ermutigungen in Richtung rechts? Dümmer gehtʼs nicht! Wenn nicht namentlich die zumeist jungen Antifa-Szenen durch abschreckende Störmanöver gegengesteuert hätten, wären auch in den Großstädten der westlichen Bundesländer erheblich mehr "Kleinbürger" zu den Aufmärschen der Pegida-Hetzer und Nazi-Aktivisten gestoßen. Im Übrigen wird es Zeit für eine Klarstellung durch den Gesetzgeber, dass es kein "Bürgerrecht" gibt zur Hetze vor Wohnungen und Unterkünften von Menschen, die einem nicht passen und zwar aus "Gründen", deren Propagierung einem Angriff auf "Artikel 1" unserer Verfassung gleichkommt.

Wer auch nur ansatzweise weiß, was wir den Deutschnationalen in der Geschichte dieses Landes "verdanken", wird künftig auch nicht mehr von einem "Recht, deutschnational zu sein" faseln. Es gab nicht nur die Nazis: Rassistisch, antisemitisch, militant-antidemokratisch und terrorbereit war man auch in den Reihen der DNVP. Überdies sollten wir uns beim Blick auf Historie und Gegenwart nicht nur an die einschlägig verdächtigen Parteibücher halten. Auch ein Pseudo- bzw. National-Sozialdemokrat wie Gustav Noske, Befürworter des Imperialismus, ist auf seine Weise deutsch-national und äußerst gewaltbereit gewesen.

Das Heer der Ungeliebten als "Pack" zu beschimpfen, ist zu billig ...

Von den Politkomplexen und Akteuren, die sich die "Strukturen des Ungeliebtseins" zunutze machen, ist nun aber die von diesen anvisierte Zielgruppe der Ungeliebten unbedingt zu unterscheiden. Als das populistisch aufgeheizte "Volk" auf einmal sehr ungemütlich und gar gewalttätig wurde, sprach auch Siegmar Gabriel vom "Pack". Manch einer möchte diese Feindüberschrift gleich über den ganzen Club der Verführbaren setzen.

Das ist zu billig und sogar außerordentlich kontraproduktiv. Denn in diesem Fall hören die Ungeliebten (Ich bin Pack) , die eben zum Großteil doch auf einer Verliererseite (Ostdeutschland erwache) stehen, wieder das, was sie ja aufgrund ihrer leibhaftigen Lebenserfahrungen immer schon zu hören meinten: "Ihr seid Abschaum, überflüssig und unerwünscht!"

Ich denke hier z.B. an eine nächtliche Begegnung mit zwei Neonazis auf einem sauerländischen Kleinstadtbahnhof (unpassender Weise nach einem Vortrag über jüdische Fußballpioniere der 1920er Jahre). Beide hatten die Sonderschule abgebrochen, um mit harter Maloche alsbald Geld ins Haus zu bekommen und abends Bier trinken zu können. Meinen Ausführungen über ihren "Dünnschiss von einem stolzen Ariertum" vermochten sie außer Achselzucken nichts entgegenhalten.

Im Einzelgespräch ergab es sich dann, dass "man" als ehemaliger Sonderschüler in der braunen Kameradschaft eigentlich auch nur verarscht wird. (Diese Erfahrung hatte zum Ausstieg geführt.) Ich versuche - auch im Gespräch mit Antifa-Aktivisten - die Problematik zu vermitteln, solche jungen Männer ohne Erfahrungen von Selbstwert und Respekt kurzerhand als persönliche Feinde abzustempeln - und basta. Sicher, man kann sie mit den eigenen Bildungsressourcen totreden, in moralischer Selbstgewissheit verspotten oder demolieren. Nichts wäre gewonnen!

Es ist nicht leicht, hier in der Betrachtungsweise die klare Freund-Feind-Oberfläche zu verlassen. Meine beiden nächtlichen Gesprächspartner könnten ja wirklich einmal Brandsätze legen. Ich meine, dass wir an dieser Stelle gemeinsame Beratschlagungen von klugen und lebenskundigen Leuten brauchen, welche Botschaften und Strategien im Umgang mit den "verführbaren Ungeliebten" wirklich weiterhelfen.

Wir können ja nicht warten, bis nach einem zukünftigen Ende der aggressiven Ökonomie samt all ihrer Hilfseinrichtungen zur Zurichtung von Menschen irgendwann das Wachstum von Selbstwertgefühl und zwischenmenschlicher Solidarität endlich als größter gesellschaftlicher Reichtum begriffen wird.

Eine öffentliche "Kultur des Geliebtseins" muss aus naheliegenden Gründen schon jetzt vorweggenommen werden. Es gibt Anzeichen dafür, dass dies möglich ist. Wo antifaschistisches und humanistisches Engagement jedoch in den Kategorien des Siegens über Feinde steckenbleibt, werden die Aussichten erheblich getrübt. Der Kult der Gewinner ist an der Wurzel auszutrocknen; das betrifft auch den Bereich "moralischer" Überlegenheitsgefühle.

World in Union. Bild: Peter Bürger

Viel wäre in einer ersten Phase schon gewonnen, wenn alle Zusammenhänge, in denen man den eigenen "Selbstwert" auf Kosten anderer Menschen zu konstruieren gedenkt, in der öffentlichen Wahrnehmung als eine Welt des verdeckten Selbsthasses und der Langeweile entlarvt werden. Wer würde dann noch gerne zu diesem Komplex zählen und damit Mitleid oder Gelächter ernten wollen?

Mit den Flüchtlingen zieht der entgrenzte Globus des dritten Jahrtausends (Zwischen Humanität und wirtschaftlichem Kalkül) nunmehr viel schneller als gedacht in unserer direkten Nachbarschaft ein. Noch vor allem anderen, das notwendig ist, haben Menschen an vielen Orten diesen Vorgang spontan unter das Vorzeichen des Festes gestellt. Hier ereignete sich etwas Neues, Spannendes, eben ein aufregendes Fest. Die Zeitkommentatoren sollten sich dieser Tage hüten, das Fest schon wieder abzusagen, bevor es überhaupt richtig begonnen hat.

Meine Vermutung ins plakative Bild gesetzt: Die Einladung zu einem attraktiven Fest, bei dem niemand gerne "außen vor stehen" möchte, ist auf jeden Fall wirkungsvoller als jede Moralpredigt. In vielen Fällen ist es auf die Dauer vermutlich auch effektiver, die traurigen Aufmärsche der Pegida-Sektierer mit festlichem Lachen, Tanzen oder künstlerischen Mitleids-Chören und nicht mit anstrengender Schreierei zu beantworten.

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