Krone-Schmalz kritisiert mangelnde Pressefreiheit in Deutschland

15.10.2015

Frühere Moskau-Korrespondentin wirft deutschen Medien permanente Dämonisierung Russlands vor

Die frühere ARD-Osteuropakorrespondentin Gabriele-Krone Schmalz hat bei einer Buchvorstellung in Hannover vor demokratieschädigenden Tendenzen in der deutschen Medienlandschaft gewarnt. Andere als extrem russlandkritische Positionen kämen dort kaum vor. Sie warb für eine verstehende Haltung gegenüber Russland und forderte professionelleren Journalismus hierzulande.

Der Unterschied zwischen öffentlicher und veröffentlichter Meinung sei inzwischen so groß, dass sie sich ernsthaft Sorgen um das demokratische System in Deutschland mache, erklärte Krone-Schmalz. Aus dem Publikum der ausverkauften Lesung in der Buchhandlung Decius erntete sie am gestrigen Mittwochabend dafür durchgängig verbale Zustimmung und breiten Applaus.

Immer mehr Menschen fänden sich in der hiesigen vorgeblich "pluralistischen Presselandschaft" nicht mehr wieder, kritisierte die Journalistin. Dies führe zu Enttäuschung und stärke Extremisten. "Wenn das so bleibt, können wir unser System bald im Museum betrachten." Krone-Schmalz kritisierte vor allem die Berichterstattung über internationale Themen.

Die frühere ARD-Moskau-Korrespondentin Gabriele Krone-Schmalz bei der Vorstellung ihres Buchs "Russland verstehen" in der hannoverschen Buchhandlung. Decius. Foto: Stefan Korinth

"Schwarz-Weiß-Malerei" ist extrem

So setzten deutsche Medien seit Jahren gleichgerichtet auf eine Dämonisierung Russlands. "Die Schwarz-Weiß-Malerei beim Thema Russland ist extrem." Hierzu werde oft mit zweierlei Maß gemessen, erläuterte die Publizistin bei der Lesung aus ihrem Buch "Russland verstehen", das es seit September auch auf Russisch gibt.

Beim Krim-Referendum im März 2014 wurde in deutschen Medien etwa kritisiert, dass "bewaffnete Russen" überall herumstünden und Wähler einschüchterten. "Was ist dann aber von Beschlüssen des Kiewer Parlaments zu halten, das erst von bewaffneten Kräften gestürmt wird und dann abstimmt?" Dies werde hier gar nicht thematisiert.

Russland werde kritisiert, wenn ukrainische Sender auf der Krim abgeschaltet würden. Gleichzeitig ignorierten deutsche Medien mehrheitlich, dass in der Ukraine russische Sender abgestellt werden. Dies und viele weitere Beispiele zeigen auch, dass sich zahlreiche Top-Journalisten nur situativ an Werte gebunden fühlten. Das Odessa-Massaker etwa hatte Potenzial für einen "ARD-Brennpunkt" oder für ein "Heute-Spezial", sagte Krone-Schmalz. Doch Sondersendungen dazu gab es nicht – die Täter, nämlich ukrainische Nationalisten, seien aus westlicher Sicht wohl die Falschen gewesen.

"Was macht das eigentlich für einen Eindruck auf Menschen in Russland oder der Ukraine?", fragte die studierte Osteuropahistorikerin. In Russland werde die einseitige Haltung deutscher Medien und Politiker durchaus wahrgenommen. Sie werde dort immer wieder gefragt, warum sich Deutschland durch die USA so instrumentalisieren lasse, berichtete Krone-Schmalz gegenüber Telepolis im Gespräch nach der Lesung. Russische Interviewpartner deutscher Medien ärgerten sich im Nachhinein oft, wie ihre Aussagen in Beiträgen zusammengeschnitten würden, habe sie in Gesprächen zudem erfahren.

Manipulationen mit Sprache

Auch die Sprache benutzten deutsche Medien im Zusammenhang mit Russland oft manipulativ und irreführend, erläuterte Krone-Schmalz. Nach der Absetzung Janukowitschs wurde sein Nachfolger Turtschinow hierzulande als "Interimspräsident" bezeichnet, während hiesige Journalisten den neuen Regierungschef auf der Krim "illegitimen Ministerpräsidenten" nannten. Oder: Obwohl man nicht wisse, wer MH-17 angeschossen habe, legten Medien in Überschriften Wert auf die Bezeichnung "russische BUK". Es sind viele Kleinigkeiten, die in ihrer Gesamtheit Wirkung zeigten, resümierte die Journalistin.

Jede Woche ließe sich aufs Neue ein Bulletin mit solchen irreführenden oder dämonisierenden Formulierungen durch deutsche Medien zusammenstellen. Zudem habe sie selbst erfahren müssen, dass Interviews mit ihr auf Intervention der Chefetage in großen deutschen Tageszeitungen nicht gedruckt oder ihre Aussagen aus TV-Beiträgen herausgeschnitten würden, so Krone-Schmalz. "Dann wird mir immer schlecht, wenn sich Menschen hier über die Pressefreiheit in Russland aufregen."

Dort gebe es zwar propagandagefärbte Nachrichten. Das sei wirklich unangenehm. Doch es gebe in Russland auch sehr kritische Live-Sendungen, in denen Journalisten hohen Politikern richtig auf den Zahn fühlten, erläuterte Krone-Schmalz. "So etwas ist in Deutschland doch kaum vorstellbar."

Korrespondenten urteilen mehr als sie berichten

Deutsche Auslands-Korrespondenten urteilten heute oft vielmehr als sie berichteten, kritisierte die frühere Moskau-Korrespondentin im Nachgespräch mit Telepolis. Durch moderne technische Möglichkeiten ließen sich anders als früher sehr schnell und unkompliziert Beiträge produzieren. Aber Zeit zum tieferen Recherchieren oder um mit Betroffenen zu sprechen, fehle dadurch immer häufiger. Google allein reiche zum Recherchieren nicht aus, unterstrich die Journalistik-Professorin. Und nur auf Agenturmeldungen dürften sich Journalisten nicht verlassen. "Ich vermisse auch Fragen von den Kollegen. Viele Fragen werden gar nicht mehr gestellt."

Sehr kritisch sieht Krone-Schmalz die Personalisierung in Medien. "Wir sind hier schnell von einer Gorbi-Euphorie zu einer Putin-Phobie gekommen." Den russischen Präsidenten Putin zu dämonisieren, habe viel mehr mit Politik machen zu tun, als mit Politik erklären. Deutsche Medien wollten insgesamt ein eindimensionales Russlandbild zeichnen, um das Feindbild des Kalten Krieges aufrechtzuerhalten, kritisierte sie.

Zusammenarbeit mit Russland nötig

Dabei mache die weltpolitische Lage eine Zusammenarbeit mit Russland immer dringender. "An allen Ecken brennt es. Es wäre intelligent, Russland international zu beteiligen." Schon eine frühzeitige Einbeziehung Moskaus hätte den Krieg in der Ostukraine verhindert, glaubt Krone-Schmalz. Stattdessen gab es Sanktionen. Die deutsche Regierung mache da mit.

Frühere Bundespolitiker wie Konrad Adenauer (Moskaureise 1955) oder Willy Brandt und Egon Bahr (Wandel durch Annäherung) hätten sich hingegen nicht durch westlichen Gruppendruck an die Kette legen lassen und hätten deutsche Interessen vertreten.

Auch russische Politiker hätten sich nach der deutschen Einheit von der Bundesrepublik innerhalb der EU eine Fürsprecher-Rolle für Russland erhofft, erklärte die Publizistin. Andere EU-Mitglieder seien aus historischen Gründen ja deutlich schlechter auf Russland zu sprechen. Bei kleineren Dingen bremse die Kanzlerin russlandfeindliche Entscheidungen auch, aber im Großen und Ganzen folge Angela Merkel der Nato-Linie.

Die EU brauche Russland dringend als Partner, sonst werde Europa zwischen anderen Weltmächten zerrieben, betonte Krone-Schmalz. "Es liegt aber nicht im Interesse der USA, dass es eine prosperierende Zusammenarbeit zwischen Russland und der EU gibt. Da machen die USA auch gar keinen Hehl draus. Das steht in offiziellen Papieren."

Nun brauche es politisches Tauwetter. Leider sei das mittlerweile sehr schwierig, denn Russland wurde aus vielen Einrichtungen wie etwa G8 geworfen. Der Nato-Russland-Rat wurde suspendiert. "Was wurde da alles kaputtgemacht?", fragte sie. Medien hätten durchaus die Möglichkeit das Verhältnis wieder zu kitten. Es gebe in Russland beispielsweise viele Politiker, die das Beste für ihre Regionen wollten und zwar farblos, aber seriös genau dafür arbeiteten. Es wäre für deutsche Medien lohnenswert, diese Menschen auch mal zu begleiten. "Leider sind die nicht so telegen wie Pussy Riot."

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Hg. Florian Rötzer
Medien im Krieg
Krise zwischen Leitmedien und ihren Rezipienten
Als eBook bei Telepolis erschienen

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