Deutschland zwischen Mitgefühl und Angst

18.10.2015

Ist das schon eine Krise oder die neue Dimension einer Situation, die es schon immer gab?

"Kreuzkatholische Philippinen kicken mit muslimischen Syrern. Ein palästinensischer Arzt hält Sprechstunde. In Schwester Nicolina aus Kroatien hat Marcello, der fünfjährige Sohn einer Albanerin und eines Palästinensers, eine Ersatzoma gefunden. Bald werden auf dem Sportplatz des Klosters Container für 80 Menschen stehen und hier so viele Flüchtlinge wie Seminaristen leben. Viele Jahre hat der Orden Priester in die Welt geschickt. Nun kommt die Welt zum Orden."

So beschreibt die Süddeutsche Zeitung eine aktuelle Situation im Kloster Sankt Augustin bei Bonn, einem Kloster der Steyler Missionare. Missionieren, sagen die Mönche, wollen sie nicht, aber den Flüchtlingen helfen. Zurzeit wohnen bei 24 Mönchen sechs Kinder mit ihren Eltern aus Afghanistan, Albanien, Mazedonien, Syrien, Irak und der Mongolei, insgesamt sind 20 Menschen zu Gast.

Dass Flüchtlinge in Deutschland integriert werden können, haben nach 1945 12 Millionen Ost-Flüchtlinge im Westen Deutschlands bewiesen und nach 1960 etwa 10 Millionen "Gastarbeiter". Ohne diese "Flüchtlingsströme" wären der heutige Wohlstand und das insgesamt weltoffene und bunte Deutschland nicht denkbar. Was aber machen heute und morgen neue Millionen Flüchtlinge mit uns Deutschen?

Zwischen Angst und Mitgefühl – so lässt sich die gegenwärtige Situation hierzulande beschreiben. Ist das schon eine Krise oder die neue Dimension einer Situation, die es schon immer gab? Zum Beispiel im 19. Jahrhundert als Millionen Deutsche in heute unvorstellbarer Not in die USA auswanderten. Dort hat heute beinahe jeder Zweite eine deutsche Wurzel. Integration gelungen.

Eine gelingende oder misslingende Integration hängt weitgehend vom Umgang mit unserer natürlichen Angst vor dem Fremden ab. Angst ist eine seelische Rüstung, die wir uns anlegen, wenn es um Abwehrmechanismen geht. Angst überdeckt Mitgefühl. Das hat freilich zur Folge, dass wir uns abschotten, unsere Sicherheit über alles stellen und das große Ganze aus den Augen verlieren. Angst macht uns arm und krank. Wir werden verhärtet, wenn die Angst uns besetzt hält. Diese Grundängste werden immer aktiv, wenn sich persönliche oder gesellschaftliche Veränderungen anbahnen.

Je mehr wir als Kind mit unseren Grundängsten allein gelassen wurden, desto weniger Urvertrauen haben wir als Erwachsene in die Lösungsmöglichkeiten neuer Herausforderungen und desto mehr fürchten wir uns vor "Fremden". Dann werden aus Flüchtlingen "gefährliche Menschen", die unsere Sicherheit, unseren Wohlstand, unsere Arbeits- und Studienplätze gefährden. So wird manchmal aus Angst sogar Hass, der dazu führt, dass Flüchtlingsheime brennen – über 500mal in diesem Jahr in Deutschland. Die Deutschen zwischen Hilfe und Hass, zwischen Mitgefühl und Angst.

Vielleicht ist der äußere Umgang mit der Flüchtlingskrise – Sprachkurse, Wohnungen, Arbeitsplätze – in einem reichen Land leichter zu lösen als der innere Umgang mit unseren Ängsten vor dem Unbekannten wie dem Islam und allem Fremden.

Sicher in diesen unsicheren Zeiten ist nur eins: Die Flüchtlinge werden uns verändern und wir werden sie verändern. Wenn es halbwegs gut geht, werden wir voneinander lernen und uns gegenseitig bereichern – genauso wie es schon bei früheren Flüchtlingskrisen geschehen ist. Am einfachsten, so der Psychotherapeut Richard Stiegler, geschieht dies, wenn wir "eine Öffnung unserer Identität zulassen", das heißt, wenn wir nicht nur auf das Fremde in den Flüchtlingen sehen, also auf ihre andere Sprache, Religion oder das Aussehen oder auf ihr Kopftuch, achten, sondern primär auf das, was uns alle verbindet: auf ihr Menschsein. Im Koran finde ich den schönen Vers: "Wenn ich einem Menschen das Leben rette, rette ich die ganz Menschheit."

Zu mehr Toleranz fordert uns der Dalai Lama auf, wenn er aktuell schreibt "Ethik ist wichtiger als Religion" oder auch Jesus von Nazareth, wenn er Nächstenliebe, Fernsten-Liebe, ja sogar Feindesliebe empfiehlt. Übrigens und speziell für die Verteidiger des christlichen Abendlandes: Der Emigrant aus Nazareth war schon als Kind ein Flüchtling, als er vor König Herodes fliehen musste so wie der Dalai Lama 1959 vor den chinesischen Besatzern. Beiden prominenten Flüchtlingen hat die Menschheit viel zu verdanken: Das Wichtigste ist die Liebe, sie zuerst macht uns zu Menschen, die diesen Ehrennamen verdienen.

Die große Herausforderung unserer Zeit heißt also, dass wir unsere Ängste zulassen und fühlen anstatt sie zu verdrängen. Dann aber sie in produktive Liebesarbeit umsetzen – ganz konkret und praktisch. So bekommt auch Angela Merkel recht: Wir schaffen das.

Wir haben jetzt die große Chance, eine Gesellschaft der Achtsamkeit und des Mitgefühl zu werden. Dann muss freilich gelten: Mehr Merkel, weniger Seehofer.

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