Bildungsministerium will den Euromaidan als neuesten Nationalmythos etablieren

22.10.2015

Ukraine: Geschichtsunterricht mit Beigeschmack – Teil 2

Seit der Unabhängigkeit 1991 instrumentalisieren ukrainische Regierungen die Landeshistorie und den Geschichtsunterricht für sich. In jungen Nationalstaaten ist das durchaus üblich. Dabei werden historische Ereignisse zu identitätsstiftenden Nationalmythen ausgebaut. In der Ukraine gehören dazu der "Befreiungskampf" der Nationalisten oder der Holodomor. Nun hat das ukrainische Bildungsministerium ein Update für Geschichtsbücher herausgebracht. Der Euromaidan soll als "Revolution der Würde" zum neuesten Nationalmythos werden und reiht sich damit ein in das nationalistische Paradigma von Russland als ewigem Unterdrücker der Ukraine.

Im Unterschied zu den meisten anderen Ländern gibt es in der Ukraine eine ganz spezielle Konstellation. Das Land ist gespalten in zwei sich widersprechenden Deutungen der ukrainischen Geschichte – eine stark sowjetisch beeinflusste und eine nationalukrainische Variante. Der Historiker Jaroslav Hrycak von der katholischen Universität in Lwiw sprach schon im Jahr 2001 martialisch von einem "Schlachtfeld zwischen zwei Versionen der ukrainischen Geschichte".1

Der fehlende historische Konsens erschwerte die einheitliche Nationalidentifikation der Ukrainer bereits in den vergangenen Jahrzehnten immens. Zwar sind sich beide Seiten ukrainischer Geschichtsdeutung noch ziemlich einig darin, welche negativen Teile der Landeshistorie ausgeblendet werden sollen (Ukraine: Geschichtsunterricht mit Beigeschmack). Doch sind sie uneins über die positive Zielrichtung (das Haupt-Narrativ) der Nationalgeschichte.

Vor allem die integrierenden nationalen Mythen unterscheiden sich. Die gegenläufigen Geschichtsdeutungen und die aus ihnen hervorgegangenen verschiedenen ukrainischen Identitäten werden auch im derzeitigen Konflikt benutzt ("Ohne historische Aufarbeitung bleibt die Ukraine ein Pulverfass"). "Die Vorstellungen von der Zukunft des Landes hängen in der Ukraine mit der jeweiligen Interpretation der Vergangenheit zusammen", erkannten die Sozialforscher Rainer Münz und Rainer Ohliger aber auch schon Ende der 1990er Jahre in ihrer Studie zur ukrainischen Nationsbildung.2

Für die aktuelle Staatsführung aus politischen Maidansiegern ist es dadurch umso wichtiger, die Deutungshoheit über die Landesgeschichte zu bekommen.3 Auch ihren ideologischen Vorgängern, den Siegern der Orangen Revolution, um Viktor Juschtschenko war diese Notwendigkeit schon bewusst. Legte er doch in seiner Amtszeit als Präsident (2005 bis 2010) sehr viel Wert auf die Überarbeitung des offiziellen Standpunkts zur Landesgeschichte.4

In ukrainischen Medien und in der politischen Außendarstellung des Landes haben sich die nationalistischen Kräfte mit ihrer Version der Vergangenheit inzwischen durchgesetzt. Das zeigt etwa Arsenij Jazenjuks in der ARD ganz selbstverständlich vorgetragene Darstellung des Zweiten Weltkriegs als sowjetische Invasion der Ukraine und Deutschlands. Die Möglichkeit besteht, dass sich solche Versionen nun auch in ukrainischen Geschichtsschulbüchern niederschlagen.

Der ukrainische Premierminister Arsenij Jazenjuk spricht im Tagesthemeninterview Anfang Januar 2015 von einer sowjetischen Invasion der Ukraine und Deutschlands im Zweiten Weltkrieg.

Mythen stiften nationale Identitäten

Wichtiges Instrument zur Durchsetzung solcher Versionen bzw. zur Schaffung kollektiver Identitäten sind nationale Mythen. Diese sind in der Regel keine frei erfundenen Geschichten, sondern verkürzte, nicht mehr hinterfragte Interpretationen wirklicher historischer Geschehen, wie der Hamburger Osteuropahistoriker Frank Golczewski gegenüber Telepolis erläutert.

Mythen besitzen eine wichtige Funktion im Prozess der Nationsbildung. "Durch ihre mächtige emotionale Anziehungskraft stellen sie außerordentlich effektive Instrumente in der Stiftung kollektiver Identitäten dar", schreibt der ukrainische Universitätslehrer Jaroslav Hrycak. "Der Mythos hat eine größere gesellschaftliche Kraft als die Tatsache."5

Dichter, Politiker und Historiker waren sich der politischen aktivierenden Kraft von Mythen auch in früheren Jahrhunderten schon bewusst. Sie gestalteten die Erzählungen "ihrer Völker" immer weiter aus, verbanden sie zu einer Gesamterzählung, oft mit einem Gründungsmythos beginnend, und erschufen so eine Art kollektives Nationalgedächtnis.6

Politisch mobilisierbares Potenzial

In der Ukraine sind Nationalmythen, die zum Teil bis ins Mittelalter zurückreichen, seit der Unabhängigkeit wieder wichtig. Der Kampf um historische Narrative wird dort sehr verbissen geführt, sagt der Schulbuchforscher Robert Maier vom Braunschweiger Georg-Eckert-Institut (GEI) gegenüber Telepolis. War das mittelalterliche Großreich der Kiewer Rus ein Vorläufer der Ukraine oder Russlands? War der Bündnisvertrag von Perejaslav (1654) zwischen dem Moskauer Staat und dem "ukrainischen" Kosakenhetmanat die endgültige Wiedervereinigung der "Brudervölker" oder nur eine zeitweilige Allianz?

Gerade im derzeitigen Konflikt, den die Kiewer Machthaber immer wieder als "Krieg mit Russland" bezeichnen, bringen diese eigentlich rein historischen Streitigkeiten politisch-propagandistisch mobilisierbares Potenzial auf beiden Seiten hervor. Durch den Krieg werde in der Ukraine derzeit alles herangezogen, was irgendwie Zuversicht und Glauben an die eigene Kraft vermittelt, sagt Maier, der die Europa-Abteilung des Instituts für internationale Schulbuchforschung leitet.

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