Placebo: Zuckerpillen wirken immer besser

22.10.2015

Der Placebo-Effekt hat sich in den letzten Jahren verstärkt – aber nur in den USA

Der Placebo-Effekt ist aus wissenschaftlicher Sicht noch immer ziemlich rätselhaft. Unklar ist aus Sicht der Hirnforschung, wie die "Kraft der Gedanken" körperliche Prozesse beeinflussen kann. Fest steht aber, dass es den Effekt gibt und dass zum Beispiel Zuckerpillen oder Scheinoperationen tatsächlich eine Wirkung auf den Organismus entfalten können.

Im Jahr 2002 veröffentlichte Bruce Moseley, Orthopäde und früherer Mannschaftsarzt der Basketball-Nationalmannschaft der USA, eine der bekanntesten Placebo-Studien. Für die Studie wurden 180 Patienten, die allesamt an einer starken Kniearthrose litten, in drei gleichgroße Gruppen eingeteilt.

Während bei der ersten Gruppe eine arthroskopische Spülung und bei der zweiten Gruppe ein arthroskopisches Debridement vorgenommen wurde, kam es bei der dritten Gruppe zu keinem operativen Eingriff: Ohne deren Wissen wurde bei diesen Patienten die Operation lediglich simuliert. Die Ärzte haben die Patienten der dritten Gruppe getäuscht, indem sie ihnen unter Lokalanästhesie lediglich drei kleine, oberflächliche Hauteinschnitte am lädierten Knie gesetzt haben. Zudem wurde das übliche OP-Szenario exakt simuliert, angefangen bei der Geräuschkulisse, der Verabreichung von Medikamenten, den technischen Instrumenten bis hin zu den Handlungsabläufen des OP-Teams.

Das Fazit der Studie war eindeutig: Den tatsächlich operierten Patienten ging es genauso gut wie den getäuschten Patienten. Erstaunlicherweise konnten die Ärzte dieses Ergebnis auch zwei Jahre nach der OP bestätigen: Über 90 Prozent der getäuschten Patienten (die weiterhin nichts von dem Placebo-Eingriff wussten) sprachen von einer deutlichen Linderung der Schmerzsymptome und einer verbesserten Beweglichkeit ihres Knies. Es gibt Hinweise darauf, dass beim Placebo-Effekt Endorphine, also körpereigene Opioide, ausgeschüttet werden, die als Schmerzhemmer wirken.

Interessant ist nun, dass sich die Wirkung des Placebo-Effekts in den letzten Jahren offenbar noch verstärkt hat – vor allem bei Depressionen gleicht sich die Wirkung von Zuckerpillen und tatsächlichen Medikamenten immer mehr an.

Dass der Placebo-Effekt auch bei Medikamenten gegen sogenannte neuropathische Schmerzen zunimmt, geht aus einer aktuellen Meta-Studie von kanadischen Forschern der McGill University Montreal hervor, die im Fachmagazin "Pain" veröffentlicht wurde. Neuropathische Schmerzen gehen auf eine Schädigung oder Erkrankung des Nervensystems zurück. In Deutschland leiden rund 6 Prozent der Bevölkerung an neuropathischen Schmerzen, betroffen sind insbesondere Diabetiker, Menschen mit Multipler Sklerose und solche mit Rückenmarksverletzungen.

Ausgangspunkt der Meta-Studie war die Erkenntnis, dass Medikamente gegen chronische neuropathische Schmerzen in diversen klinischen Studien der letzten Jahre immer schlechter abgeschnitten haben. Die Ursache dafür ist aber nicht, dass die Medikamente schlechter geworden sind, sondern dass der Placebo-Effekt angestiegen ist, so die Forscher.

Für die Meta-Studie haben die Forscher 84 randomisierte und placebo-kontrollierte Studien ausgewertet, bei denen im Zeitraum von 1990 bis 2013 rund 92 verschiedene Medikamente untersucht wurden. Das Ergebnis ist verblüffend: Im Jahr 1996 wirkten Schmerzmittel noch um 27 Prozent besser als Placebos. Im Jahr 2013 wirkten die Schmerzmittel jedoch nur noch um 9 Prozent besser. Seltsam war für die Forscher auch, dass die Meta-Studie gezeigt hat, dass dieser Effekt einzig und allein in den USA auftritt, während die Zahlen in Europa und in Asien stabil geblieben sind: Hier wirken tatsächliche Schmerzmedikamente stetig um die 30 Prozent besser als Placebos.

Es wird immer schwieriger zu beweisen, dass die getesteten Medikamente wirkungsvoller sind als eine Behandlung mit Placebos

Die Forscher haben zwei mögliche Erklärungen für diese Entwicklung: Zum einen hat sich die Dauer der Studien in den letzten Jahren deutlich erhöht, aber nur in den USA: Dauerte eine US-Studie 1996 durchschnittlich rund 4 Wochen, waren es 2013 bereits 12 Wochen. Auch die Anzahl der Studienteilnehmer ist gestiegen: 1996 waren es durchschnittlich 50 Probanden, 2013 bereits mehr als 700.

Die Forscher schlussfolgern, dass die Studien inzwischen strenger und genauer sein, dass aber auch hier eine Art Placebo-Effekt greife, weil die beteiligten Probanden intensiver betreut würden und weil sie längere und größere Studien für seriöser erachten und damit die Wirkung des Placebos höher einschätzten. "Die Daten legen nahe, dass längere und größere Untersuchungen mit einem stärkeren Placebo-Effekt verknüpft sind", so der beteiligte Forscher Jeffrey Mogil in einer Presseerklärung der McGill University Montreal.

Zum anderen mutmaßen die Forscher, dass auch die Werbe-Industrie eine Rolle spielt: Neben Neuseeland sind die USA das einzige Land weltweit, wo es Pharmakonzernen erlaubt ist, für verschreibungspflichtige Medikamente Werbung zu machen In den USA wird man via Internet, Fernsehen, Radio und Zeitungen tagtäglich mit Werbung für verschreibungspflichtige Medikamente konfrontiert, so dass die Patienten einer Art Gehirnwäsche unterliegen und öfter den Verheißungen der Werbung Glauben schenken.

Die Ergebnisse der Meta-Studie sind auch eine Schelte gegen die Pharmakonzerne, "weil es zunehmend schwieriger für die Pharmakonzerne ist zu beweisen, dass die getesteten Medikamente wirkungsvoller sind als eine Behandlung mit Placebos", so Jeffrey Mogil. Das zeigt sich auch in der Statistik: In den letzten zehn Jahren haben über 90 Prozent der getesteten Medikamente (gegen neuropathische oder krebsbedingte Schmerzen) die letzten Phasen der klinischen Prüfung nicht bestanden, sagte der Neurowissenschaftler Fabrizio Benedetti gegenüber dem Fachmagazin "Nature". Sprich, ihr Wirkungsgrad entsprach oft dem eines bloßen Placebos.

Patrick Spät lebt als freier Journalist und Buchautor in Berlin.

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