"Partisanen der NATO"

25.10.2015

Erich Schmidt-Eenboom und Ulrich Stoll über die geheimen Stay-Behind-Organisationen

1990 machte Italiens Ex-Staatschef Giulio Andreotti die Existenz der geheimer Schatten-Armee "Gladio" bekannt. Bald darauf stellte sich heraus, dass auch in anderen NATO-Staaten entsprechende Stay-Behind-Organisationen eingerichtet wurden, um im Fall einer sowjetischen Invasion hinter der Front einen Widerstand aufzubauen.

Bereits im Nachkriegsdeutschland waren paramilitärische Netzwerke aufgeflogen. Die CIA hatte ihren Stay-Behind-Agenten offenbar auch eine innenpolitische Rolle zugedacht, etwa für den Fall erdrutschartiger kommunistischer Wahlsiege. Nachdem lange die Forschung durch Geheimhaltung behindert wurde, liegt mit Partisanen der NATO von Erich Schmidt-Eenboom und Ulrich Stoll nunmehr eine Dokumentation über die Stay-Behind-Organisationen in Deutschland 1946-1991 vor.

Die NATO hat nun ein Vierteljahrhundert zu Stay-Behind-Organisationen geschwiegen. Welche Quellen lagen Ihnen vor?

Erich Schmidt-Eenboom: Ein sehr breites Spektrum: Die Sachakten der CIA zu ihren eigenen SB-Programmen und denen der Organisation Gehlen und des BND, die CIA-Personalakten zahlreicher NS-Belasteter und Kriegsverbrecher, die für SB-Organisationen rekrutiert wurden, die umfangreichen Bestände der Stasi-Unterlagenbehörde über die Erkenntnisse des Ministeriums für Staatssicherheit über die Partisanen in der Bundesrepublik, etwa 20 kaum bereinigte Sachakten aus dem Archiv des Bundesnachrichtendienstes und nicht zuletzt parlamentarische Drucksachen und Hunderte von Zeitungsartikeln, vornehmlich aus der breitgefächerten Presselandschaft der 1950er Jahre.

Gibt es weitere Akten, mit deren Freigabe zu rechnen ist?

Erich Schmidt-Eenboom: Die Aktenbestände des Verfassungsschutzes - Bundesamt und Landesämter - bergen weiteres Material, dessen Erschließung in naher Zukunft wahrscheinlich ist, während die Bundeswehr mauert. Was die Netze der Briten und Franzosen auf deutschem Boden betrifft, so gibt es in Großbritannien und Frankreich natürlich Überlieferungen, deren Freigabe jedoch wegen der Geheimhaltungsmanie in London und Paris absehbar nicht zu erwarten steht.

Wer baute ursprünglich die Stay-Behind-Netze auf und kontrollierte diese?

Erich Schmidt-Eenboom: Inspiriert von den Erfolgen der Roten Armee im Zweiten Weltkrieg beauftragte das US-Verteidigungsministerium die CIA im Oktober 1948 mit dem Aufbau von SB-Organisationen. So baute die CIA-Station Karlsruhe ab 1949 ihre Kibitz-Netze - vor allem gestützt auf Offiziere der Wehrmacht - auf. Unter dem Eindruck des Koreakrieges hob die CIA in Frankfurt/M. 1950 den Technischen Dienst des Bundes Deutscher Jugend (BDJ-TD) als größte Schattenarmee - konzipiert mit 7.000 Mann und schwerer Bewaffnung - aus der Taufe.

Wie kam es zur Übergabe an die Organisation Gehlen und den BND?

Erich Schmidt-Eenboom: Nachdem die Kibitz-Netze der CIA-Station Karlsruhe 1952 gescheitert und der BDJ-TD durch die Enthüllungen eines Whistleblowers im September 1952 krachend aufgeflogen war, traf die US-Regierung die Entscheidung, SB-Aktivitäten nurmehr im Einvernehmen mit der Bundesregierung zu entfalten. So bekam die bis dato auf diesem Gebiet nur rudimentär tätige Org das Monopol für SB-Strukturen und übernahm französische, niederländische und dänische Netze. Sie stand jedoch weiterhin unter der Kontrolle der CIA, die große Teile der BND-Partisanentruppe bis in die frühen 1960er Jahre finanzierte, obwohl die Org im April 1956 zum deutschen Auslandsnachrichtendienst geworden war.

Wäre Stay-Behind im Falle einer Invasion effizient gewesen?

Erich Schmidt-Eenboom: Die frühen amerikanischen Netze wären ihrem Kernauftrag, Militäraufklärung hinter den feindlichen Linien zu leisten, aus Mangel an ausgebildeten Funkern nie gerecht geworden, hätten im Kriegsfall nur marginalen Erfolg bei Sabotageakten erzielen können, und wären nur für die innenpolitischen Gegner - Sozialdemokraten und Kommunisten - eine tödliche Gefahr gewesen.

Für die 1960er Jahre und bis zum Durchschlagen der Entspannungspolitik in den BND darf man von einem gemeinsam mit den Partnerdiensten erzielten Teilbeitrag zur Verteidigung Westdeutschlands auf allen drei Feldern ausgehen: Lageaufklärung, Sabotage, das Ein- und Ausschleusen von Ausrüstung und Personen ins besetzte Gebiet sowie das Bergen abgeschossener NATO-Flugzeugbesatzungen.

Nachdem die Bundeswehr ab Ende 1977 dem BND jede Unterstützung entzog und nachdem KGB und MfS die SB-Strukturen erkannt hatten, wären die westdeutschen SB-Operationen marginal und für ihre ohne völkerrechtlichen Schutz operierenden Partisanen häufig tödlich gewesen.

BND-Chef Gehlen hatte für den Fall eines SPD-Wahlsiegs der CIA einen Putsch von rechts angeboten. Welche Rolle spielte dabei Stay-Behind?

Erich Schmidt-Eenboom: Gehlen fürchtete in seiner Paranoia eine Neutralisierung Gesamtdeutschlands durch ein Wahlbündnis von Sozialdemokraten und Rechtskonservativen, das alsbald unter sowjetischen Einfluss geriete. Deshalb hatte er der CIA im März 1956 und erneut im Spätherbst 1959 für diesen Fall die Bildung einer gemeinsamen Schattenregierung vorgeschlagen und unter Abstützung auf SB-Strukturen staatsstreichähnliche Pläne verfolgt. Die tatsächliche politische Entwicklung, eine Vertiefung der Westbindung der BRD, machte die ansatzweisen Vorkehrungen des BND-Präsidenten jedoch obsolet.

In manchen NATO-Ländern waren nicht einmal Staatschefs und Verteidigungsminister eingeweiht. Wusste das Bundeskanzleramt Bescheid?

Ulrich Stoll: Das Bundeskanzleramt war nach eigenen Angaben spätestens ab 1974 über das Stay-Behind-Konzept des BND unterrichtet. In den später 1970er Jahren war der Chef des Bundeskanzleramtes aktiv an der Diskussion über die Aufgaben des SBO beteiligt, etwa bei der Rolle des BND bei der militärischen Aufklärung im Rücken der Warschauer-Pakt -Truppen oder bei der Anschaffung eines neuen Funksystems.

Welche Rolle spielte die Bundeswehr bei Stay-Behind?

Ulrich Stoll: Eine große: 1964 erlaubte die Bundeswehr dem militärischen Teil der SBO, sich als Bundeswehreinheit unter dem Namen "Lehr- und Ausbildungsgruppe für das Fernspähwesen der Bundeswehr" (LAFBw) zu tarnen. 1971 vereinbarten Bundeswehr und BND eine Zusammenarbeit bei der Nachrichtengewinnung. Später unterstützte die Bundeswehr die Stay-Behind-Organisation mit Flugzeugen und Schiffen bei Schleusungsübungen. Darüber gab es in den späten 1970er Jahren Sreit.

Insofern ist verwunderlich, dass mehrere Verteidigungsminister 1990 bei der Enttarnung von Stay-Behind behaupteten, nichts von der BND-Untergrundtruppe gewusst zu haben. Die Bundeswehr bestreitet bis heute, Akten zu Stay-Behind zu haben, obwohl es eine heftige Auseinandersetzung zwischen BND und Verteidigungsministerium über die militärischen Aufgaben der SBO gab. Da dieser Streit in den BND-Akten dokumentiert ist, kann es nicht sein, dass die Bundeswehr nichts davon wusste.

In Italien waren Stay-Behind-Kräfte an terroristischen Kommandoaktionen beteiligt, die linken Gruppierungen angelastet wurden. Gibt es Hinweise dafür, dass auch die deutschen Stay-Behind-Organisationen in eine "Strategie der Spannung" eingebunden waren?

Ulrich Stoll: Die Gefahr einer möglichen Regierungsbeteiligung der Kommunisten bestand in Deutschland im Gegensatz zu Italien zu keinem Zeitpunkt. Nur frühe Stay-Behind-Organisationen wie der Bund Deutscher Jugend/Technischer Dienst sollten im Sinne einer Strategie der Spannung im Innern tätig werden und politische Gegner mit Waffen angreifen oder internieren. In einem Strategiepapier dieser US-geführten Stay-Behind-Truppe steht, man solle auf linke Rädelsführer schießen.

Doch auch die vom BND-geführte Stay-Behind-Organisation ist kritisch zu sehen. BND-Chef Gehlen drohte ja mit einem Putsch im Falle eines Neutralitätskurses Deutschlands. Vertreter des Verteidigungsministeriums sahen in den militärischen SBO-Einheiten, der LAFBw, noch in den 1970er Jahren eine Gefahr. Man darf nicht vergessen, dass die SBO den parlamentarischen Kontrollgremien jahrzehntelang verheimlicht wurde und ein Eigenleben führen konnte.

Der in das Oktoberfestattentat verstrickte rechtsradikale Förster Heinz Lembke, der etliche Erddepots mit Waffen und Sprengstoff verwaltete, gilt vielen als V-Mann der Geheimdienste. Welche Rolle spielte er wirklich?

Ulrich Stoll: Es ist nach Aktenlage unwahrscheinlich, dass Heinz Lembke ein vom BND geführter SBO-Agent war. Ob er ein V-Mann war, wissen wir nicht. Die Bundesregierung mauert bis heute, was die Akten zu V-Leuten rund um das Oktoberfestattentat angeht. Es bleiben also viele Fragen offen:

Warum schrieb der Generalbundesanwalt nach Lembkes Selbstmord in seinen Einstellungsvermerk, Lembke habe sich als "Führer von Partisanen" gesehen, der mit seinen Waffen die Sowjets aufhalten wollte? Waren seine Helfer, deren Fingerabdrücke man auf Gegenständen aus seinen Waffenlagern fand, V-Leute? Hatte Lembke Zugang zu einem Stay-Behind-Depot, möglicherweise zu einem von den Briten angelegten Waffenlager? Ich habe die Vermutung, dass es unentdeckte britisch geführte Stay-Behind-Gruppen in Deutschland gab, doch die britischen Archive bleiben verschlossen.

Wie ging die deutsche Regierung nach dem Gladio-Skandal mit dem Thema um?

Ulrich Stoll: Die Regierung Kohl drückte im Wahlkampf 1990 das Thema geschickt weg. Nach der Bundestagswahl gab es eine vierseitige Erklärung, der keine Regierung bis heute etwas hinzugefügt hat und die in Teilen heute widerlegbar ist. Nach 1990 dominierten Themen wie die DDR-Schattenwirtschaft und der Treuhand-Skandal die politische Agenda. Die Opposition wäre schlicht mit einem weiteren Untersuchungsausschuss zu Stay-Behind überfordert gewesen. Bis heute mauert die Bundesregierung - einzige Ausnahme ist die begrenzte Aktenfreigabe durch den BND.

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