Weltbild in Gefahr: Auftritt von Daniele Ganser an Uni in Witten

29.10.2015

Hochschule ermutigt Studenten, eigenständig zu beobachten und zu denken

"Fakten, Meinungen, Propaganda - Wie mache ich mir selbst ein Bild?" - unter diesem Titel wird der Schweizer Historiker und Friedensforscher Daniele Ganser heute einen Vortrag an der Universität Witten/Herdecke halten.

Ziel ist es, laut Presseerklärung der Universität, den Besuchern der Veranstaltung aufzuzeigen, welche Recherchemöglichkeiten durch das Internet bestehen und wie sich zwischen Fakten, Meinungen und Propaganda unterscheiden lässt.

Doch der Auftritt von Ganser, der ein Grundlagenwerk zu den Geheimarmeen der Nato und der "Strategie der Spannung" abgeliefert hat, passt einigen nicht. Unter anderem haben die SPD Witten, die Jusos Witten, die Grüne Jugend Witten und auch die Piratenpartei NRW einen offenen Brief verfasst und die Universität aufgefordert, Ganser auszuladen "und sich von ihm und seinen Thesen zu distanzieren" (Verschwörungstheoretiker blasen zur Hexenjagd auf Historiker).

Im Interview mit Telepolis erklärt der Kunst- und Wahrnehmungswissenschaftler David Hornemann von Laer, was ihn dazu bewegt hat, Ganser einzuladen und warum die Universität den Forscher nicht ausladen wird.

Als die Doktorarbeit von Daniele Ganser 2005 in englischer Sprache als Buch veröffentlicht wurde, war der breiten Öffentlichkeit kaum etwas von den Geheimarmeen der Nato, dem so genannten Stay-behind-Netzwerk oder kurz: "Gladio" bekannt. Stay behind ist die Bezeichnung für paramilitärische Gruppen, die in zahlreichen Nato-Ländern nach dem 2. Weltkrieg aufgebaut wurden, um im Falle einer befürchteten Invasion durch Russland einen Partisanenkrieg eröffnen zu können. Doch, wie Gansers Forschungen nahe legen, wurden Teile des Netzwerkes bereits während des Kalten Krieges aktiviert, um im Sinne einer Strategie der Spannung Terroranschläge in den Ländern der Nato gegen die eigene Bevölkerung durchzuführen, durch die dann starke linke, kommunistische Strömungen diskreditiert werden sollten.

Gansers Auseinandersetzung mit tiefenstaatlichem Terrorismus ließen den Historiker auch die Terroranschläge vom 11. September grundlegend hinterfragen. Und unter anderem das missfällt den Unterzeichnern des offenen Briefes. Darin heißt es:

Daniele Ganser stellt Verschwörungstheorien insbesondere zu den Terroranschlägen vom 11. September 2001 als in der Wissenschaft zu diskutierende Erklärungsansätze dar. In seinen Vorträgen unterschlägt er längst geklärte Sachverhalte und stellt Fragen als offen dar, die eine plausible und nahliegende Erklärung haben...Der Rektor der Uni Basel, Antonio Loprieno, sagte in dem Zusammenhang, dass er Gansers Thesen zu 9/11 dieselbe empirische Wahrscheinlichkeit wie der Theorie, dass Ausserirdische die ägyptischen Pyramiden gebaut haben könnten, beimesse.

Offener Brief

Die Unterzeichner dies Briefes kritisieren außerdem, dass Ganser "regelmäßig" mit "bekannten Verschwörungstheoretikern" auftrete, "so etwa mit Jürgen Elsässer, dem Chefredakteur des rechtspopulistischen Magazins Compact... ." Ein Blick auf die Homepage des Historikers verrät, dass Ganser sich nicht nur gegenüber alternativen Formaten wie den Nachdenkseiten, Russia Today, KenFM oder Telepolis äußerte. Über 250 Mal meldete sich Ganser in Medien zu Wort, darunter in bekannten Publikationen wie etwa Le Monde Diplomatique, der Basler Zeitung, dem Standard, dem Handelsblatt oder der Neuen Zürcher Zeitung.

Im September 2011 diskutierte der Schweizer unter anderem mit dem ehemaligen Chefredakteur des Spiegels, Stefan Aust, und dem Leiter der Münchener Sicherheitskonferenz, Wolfgang Ischinger, zu dem Thema "Zehn Jahre 9/11 - Wie vernetzt sind Angst und Terror?" in der Talkshow Talk im Hangar.

Herr Hornemann, Sie haben dafür gesorgt, dass bei einer Veranstaltung an Ihrer Universität über das Thema Medien gesprochen wird. "Fakten, Meinungen, Propaganda - Wie mache ich mir selbst ein Bild?" lautet der Titel des entsprechenden Vortrags. Warum dieses Thema?

David Hornemann von Laer: Das Thema hat sich aus meinem im vergangenen Sommersemester gehaltenen Seminar mit dem Titel "Mach Dir selbst ein Bild!" entwickelt. Im Seminar stellten wir fest, dass es erstens gar nicht so einfach ist, sich selbst ein Bild zu machen, und zweitens, dass das Sehen nicht nur als ein rein rezeptiver und damit passiver Vorgang aufgefasst werden muss, sondern aktiv gestaltet werden kann. Wer gelernt hat, etwas selbst zu sehen und sich auf dieser Basis ein eigenes Urteil bilden kann, merkt, wie er nicht selten mit Fragen der Deutungshoheit in Berührung kommt.

Sie sind Kunstwissenschaftler und Wahrnehmungsforscher, Sie lehren an der Fakultät für Kulturreflexion. Wie blicken Sie denn auf die Medien und ihre derzeitige Berichterstattung? Die Berichterstattung der Medien steht teilweise ja sehr in der Kritik. Einer aktuellen Forsa-Umfrage nach misstrauen 44 Prozent der Befragten den Medien. Ähnliche Werte zeigten sich auch bei anderen repräsentativen Umfragen zur Presse.

David Hornemann von Laer: Bezüglich der Medien wird immer deutlicher, dass wir eine neue, wahrnehmungsgeleitete Kultur brauchen. Ein Journalist muss über Nachrichten und Sachverhalte nicht nur berichten, sondern auch verdeutlichen, aus welcher Perspektive, aus welcher Wahrnehmung heraus er zu seiner Aussage gekommen ist. Vieles, was wir heute hören, hängt in der Luft, ist nicht begründet und validiert durch eine sorgfältige Beobachtung. So wird uns in den Medien über irgendwelche Truppenbewegungen, Schießereien, Kollateralschäden usw. berichtet, und wir bekommen dazu Bilder geliefert, aus denen meist nicht deutlich wird, in welchem konkreten Zusammenhang sie mit der Nachricht stehen.

Wenn wir an den letzten Irakkrieg denken, dann wurde uns ein verschwommenes Bild einer angeblich Massenvernichtungswaffen herstellenden Chemiefabrik gezeigt, wo völlig unklar blieb, wie Aussage und Bild zusammengehören. Was wir also brauchen, ist eine Wissenschaftskultur, die dann auch für den Journalismus gilt, die den Zusammenhang zwischen Wahrnehmung und Begriff mit in den Blick nimmt.

Nun haben Sie den Schweizer Historiker Daniele Ganser an Ihre Universität geladen.Warum Ganser?

David Hornemann von Laer: Der äußere Anlass war der, dass ich einen Link zu Gansers Vortrag an der Universität Tübingen ("Medial inszenierte Feindbilder und die Anschläge vom 11. September 2001") an meine Seminarteilnehmer schickte und dann der Wunsch aufkam, ihn an unsere Universität zu holen. Gansers Vorträge zeichnen sich meiner Auffassung nach dadurch aus, dass er nicht die Deutungshoheit beansprucht und sagt, wie es ist, sondern vielmehr Bausteine an die Hand gibt, mittels derer sich jeder selbst ein Bild machen kann. Insofern passte das sehr gut zu unserem oben angesprochenen Seminarthema.

Im Vorfeld der Veranstaltung äußerten verschiedene Gruppen Kritik an der Einladung. Haben Sie sich die Kritik angeschaut?

David Hornemann von Laer: Ja, wir haben ja auch darauf reagiert, zumal der Widerspruch auf die Einladung gleich von mehreren politischen Parteien ausging. Ich fand es allerdings schwierig, dass keiner den Mut hatte, den "offenen Brief" zu unterschreiben, sodass wir keinen konkreten Ansprechpartner hatten, sondern schreiben mussten: "SPD Witten, Bündnis 90/Die Grünen Witten, Piratenpartei NRW, Jusos Witten, Grüne Jugend Witten, Antifabündnis Witten und Trotz Allem - Soziokulturelles Zentrum Witten". Ich hätte mich lieber mit konkreten Personen auseinandergesetzt, doch vielleicht wird sich ja vor oder nach dem Vortrag der eine oder andere melden, der an diesem Brief mitgewirkt hat.

In dem offenen Brief, der auch an die Studierende der Universität gerichtet ist, heißt es: "Die Grenze zwischen pluraler Meinungsbildung, akademischen Ideenstreit und politischer Meinungsmache plumpster Art, sind daher mit der Einladung Daniele Gansers klar überschritten. Innerhalb der seriösen akademischen Welt ist es unbestrittener Konsens, dass nicht jeder kruden These unter dem Deckmantel der Meinungsfreiheit ein Forum geboten wird. Die Universität Witten / Herdecke sollte sich daher entscheiden, ob sie auf dem Boden der Wissenschaft stehen möchte oder als vermeintlicher Tabubrecher lieber halbseidene Gestalten ihren Studierenden als Gesprächspartner anempfiehlt." Was entgegnen Sie dem?

David Hornemann von Laer: Da zitiere ich doch am besten aus unserem Offenen Brief:

"Die Universität ist ein Ort der Erkenntnissuche und kein Ort des Dogmas. Sie ist ein Ort der lebendigen Auseinandersetzung auch mit abweichenden Meinungen und der kritischen Diskussion auch ungewöhnlicher Thesen. Genau das heißt Forschung und Lehre....ohne Wenn und Aber hält die Wissenschaft und mit ihr die Universität daran fest, dass neue Fragen so wichtig sind wie alte Wahrheiten. Die Universität Witten/Herdecke fühlt sich diesem Ethos verpflichtet....

Herr Dr. Ganser hat sich als Zeithistoriker darauf spezialisiert, den offenen Fragen der Interpretation der Ereignisse vom 11. September 2001 nachzugehen und die besondere Rolle zu untersuchen, die Bildproduzenten, also vor allem die Massenmedien, dabei einnehmen, bestimmte Interpretationen für die Weltöffentlichkeit hieb- und stichfest zu machen. Das ist schon deswegen wichtig, weil die Weltöffentlichkeit nicht als Einheit zu behandeln ist, sondern nach Nord und Süd, Ost und West, Arm und Reich gespaltener Meinung ist. Die Bildproduktion ist Teil von Maßnahmen der Konfliktregulierung ebenso wie der Konfliktzündung. Die Massenmedien, die sogenannte "vierte Gewalt" der Gestaltung eines Gemeinwesens, ist ein wichtiger Teil dieser Konfliktregulierung und Konfliktzündung mit einer großen Verantwortung, die aus ihrem bisherigen Monopol der Bildverbreitung folgt."

Der französische Soziologe Pierre Bourdieu verwendet den Begriff der Doxa. Doxa heißt bei Bourdieu, stark verkürzt, dass viele Menschen aus einem Glauben heraus leben, dass die Dinge, sprich: die soziale Ordnung, aber auch die weltanschaulichen Glaubensvorstellungen als natürlich, als selbstverständlich betrachtet werden. Menschen leben also oft aus dem Glauben an die Doxa, sie glauben - und das macht sich gerade, wenn es um die politische Wahrnehmung der Welt geht, stark bemerkbar, dass die Welt nur so wahrgenommen werden kann, wie sie es tun.

Das Problem: "Doxa", so schreibt es Bourdieu, "ist der Glaube, der sich als solcher nicht kennt." Anders gesagt: Die feste Überzeugung, dass etwas nur so sein kann, wie man es selbst (unter dem unbewussten Einfluss der Doxa) wahrnimmt, führt zu einer Kritik, in der die Objektivierung der eigenen Weltsicht nicht vorkommt - weil man eben fest davon ausgeht, dass die eigene Sicht gar nicht objektiviert werden muss - schließlich, so die Überzeugung, ist sie über jeden Zweifel erhaben. Kann es sein, dass die Kritik an Ganser möglicherweise sehr viel damit zu tun hat, dass Kritiker sich in ihren politisch-weltanschaulichen Wirklichkeitsvorstellungen angegriffen fühlen?

David Hornemann von Laer: Ganz unbedingt! Und weil diese politisch-weltanschaulichen Wirklichkeitsvorstellungen meist ziemliche unbeweglich sind, kommt es oft zu Auseinandersetzungen, die gar nicht notwendig wären, wenn von vorneherein die Bereitschaft da wäre, jemanden wie Herrn Ganser erst einmal persönlich wahrzunehmen, sich auf ihn und seine Thesen wirklich einzulassen und erst dann ein Urteil zu bilden. Viele schrecken gerade davor zurück, weil sie ihr Weltbild in Gefahr sehen.

Die Kritik an Ganser verdichtet sich immer wieder auf die Begriffe Verschwörungstheorien und Verschwörungstheoretiker. Wie gehen Sie als Wissenschaftler mit diesen Begriffen um?

David Hornemann von Laer: Prinzipiell versuche ich, bei Begriffen mich zu fragen, aus welcher Wahrnehmung sie sich ableiten. Wenn also jemand als Verschwörungstheoretiker bezeichnet wird, frage ich mich, wer das sagt und worauf sich diese Aussagen beziehen und woraus sie sich ableiten. Ein bloßer Begriff ohne diesen Wahrnehmungsbezug ist zunächst nur ein Wort und hat für mich keine tiefere Bedeutung.

In Bezug auf den Terminus "Verschwörungstheoretiker/Verschwörungstheorien ist bemerkenswert, das Georg W. Bush vor der UN-Vollversammlung am 10. November 2001 gesagt hat: "We must speak the truth about terror. Let us never tolerate outrageous conspiracy theories concerning the attacks of September the 11th..."

Bush hat damit vorgegeben, wie wir mit diesem Thema umzugehen haben. Jeder, der versucht, sich über diese Geschehnisse ein eigenes Urteil zu bilden, kommt schnell in die Gefahr, als Verschwörungstheoretiker diffamiert zu werden. Diesen Stempel wird man dann nicht mehr so leicht los. Herr Ganser hat das ja am eigenen Leib erfahren müssen. Er hat allerdings sehr klug darauf reagiert mit dem Film über die dunkle Seite der Wikipedia, der aufzeigt, wer dafür verantwortlich ist, dass er in seinem Wikipedia-Eintrag immer wieder als Verschwörungstheoretiker bezeichnet wird. Durch den Film ist auch innerhalb der Wikipedia schon nach wenigen Tagen eine fruchtbare Diskussion losgegangen und Gansers Homepage wurde seither nicht wieder manipuliert.

Eine andere Möglichkeit wäre, diesem Terminus eine andere Bedeutung zu verleihen. Im Vorfeld der Einladung von Herrn Ganser sagte mir ein Kollege mit Augenzwinkern, er habe lauter neue Verschwörungstheoretiker produziert, indem er den Link zu dem Tübinger Vortrag von Herrn Ganser an sie weitergeleitet habe.

Oder stellen Sie sich vor, zu dem Vortrag würden die Veranstalter alle mit einem T-Shirt erscheinen, auf dem zu lesen wäre: "Ich bin ein Verschwörungstheoretiker". Oder ein bekannter Sänger würde ein lustiges Lied darüber machen usw., dann würde sich das Wort eine andere Konnotation erhalten.

Warum haben Ihrer Auffassung nach heute so viele Menschen Angst davor, sich selbst ein Bild zu machen?

David Hornemann von Laer: Das liegt daran, dass es zum einen viel einfacher ist, eine Meinung zu übernehmen, als sich selbst anzustrengen und mittels eigener Beobachtungen und Gedanken sich ein eigenes Urteil zu bilden.

Zum anderen kann Ihnen niemand das eigene Beobachten und Denken abnehmen, das heißt, Sie sind dabei immer zunächst allein. Es kann ja sein, dass Sie dann später Menschen finden, die zu demselben Urteil kommen, aber der Weg dahin beginnt alleine. Davor schrecken einige zurück. Denken Sie daran, was für eine Unsicherheit für viele damit verbunden ist, wenn in der Zeitung nicht mehr die Welt erklärt wird, wie sie ist, sondern plötzlich gesagt wird, dass die Journalisten oft nur gekauft sind usw.

Ich versuche deshalb, in meinen Seminaren die Studierenden möglichst nicht zu belehren, sondern sie zu ermutigen, ihren eigenen Augen, ihren eigenen Einsichten zu vertrauen, sodass sie zu eigenen Lösungen, eigenen Ideen durchdringen können und sich nicht einem Kollektiv, einer Autorität unterwerfen müssen.

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Hg. Florian Rötzer
Medien im Krieg
Krise zwischen Leitmedien und ihren Rezipienten
Als eBook bei Telepolis erschienen

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