"Die politische Bedeutung physiognomischer Unterschiede stellt stets eine Konstruktion dar"

09.11.2015

Rainer Schreiber über die "Araber", Phillip Rösler und die Fallstricke "identitären Denkens"

In seinem aktuellen Buch "Religion, Volk, Identität" analysiert der Soziologe Rainer Schreiber den Israel-Palästina-Konflikt und entwickelt daraus eine Kritik "identitären Denkens", das über einen fiktiven eigenen Nationalcharakter zu Abgrenzung, Feindbildern und Sündenbock-Konstruktionen neigt.

Herr Schreiber, Sie kritisieren in Ihrem Buch, dass das "identitäre Denken", welches in Bezug auf Nationalität und Religion den Zufall, in jene oder diese Zwangsgemeinschaft hineingeboren zu sein, ontologisiert und biologisiert und die jeweilige Kultur als etwas Überzeitliches und Statisches interpretiert. Können Sie das kurz darlegen?

Rainer Schreiber: Dazu muss man sich zuerst einmal klar machen, was identitäres Denken als politisches Konzept seiner Logik nach beinhaltet: Es stilisiert Eigenschaften, die aus der regional und historisch zufälligen Zugehörigkeit zu einer jeweils bestimmten Kultur, Religionsgemeinschaft oder gesellschaftlichen Ordnung resultieren, zu unverbrüchlichen, mit der Natur des jeweiligen Individuums untrennbar verwachsenen Eigenschaften.

Das ist schon die Elementarform des Rassismus, der stets die offensichtlichen kulturellen, politischen, sozialen und manchmal auch optischen Differenzen zwischen Menschen verschiedener Gesellschaften, Regionen und Kulturen als natürliche Unterschiede interpretiert, die dann zumeist in eine Wertehierarchie gebracht werden. Dabei ist das "Fremde" in der Regel das "Minderwertige".

"Die Herkunft sagt nichts über die einzelnen Menschen aus"

Können Sie das an einem Beispiel erläutern?

Rainer Schreiber: Migranten und Flüchtlinge, die aus dem arabischen Raum kommen, sind für Organisationen wie Pegida deswegen eine Bedrohung, weil sie angeblich unveränderliche, uns fremd bis feindlich gegenüberstehende Merkmale ihrer Herkunftsregion mitbringen wie die muslimische Religion, die als an sich schon uns fremd und gefährlich gilt, sowie ein angeblich nicht zum "deutschen Volkscharakter" passendes Wesen, das willkürlich bebildert wird: Mal ist es die Hautfarbe, dann sind es die Familienstrukturen, die fremde Sprache sowieso und so weiter.

Dass die Herkunft nichts über die einzelnen Menschen aussagt, gerade weil politisch-kulturelle Ansichten, soziale Werte und religiöse Positionen sich verändern und auch zurückgewiesen werden können, wird im rassistischen Gesamtbild vom "Araber" geleugnet. Ob es sich bei Zuwanderern um Religionslose, liberale Moslems oder islamistische Fanatiker handelt, ist aus deren schierer Herkunft aus einem arabischen Land doch überhaupt nicht zu erschließen; schon gleich gar nicht, wie sie sich hier unter den neuen Lebensumständen entwickeln, welche Ansichten sie übernehmen, welche nicht; ob ihnen die Mitgliedschaft zum Beispiel in einer Partei oder Gewerkschaft in ein paar Jahren wichtiger sein wird als ihre Religion und so weiter und so weiter.

"Biologisierung sozialer, politischer und kultureller Unterschiede"

Das hängt also Ihrer nach Meinung überwiegend von den Erfahrungen ab, die die Migranten hier machen werden?

Rainer Schreiber: Es ist vor allem von den Angeboten abhängig, die sich ihnen eröffnen oder gänzlich verschlossen bleiben. Gerade die zahlreichen Kinder von Zuwanderern, die längst als sogenannte "normale Deutsche" ihr Leben fristen, in Wissenschaft, Kultur und Politik breit vertreten sind und deren Herkunft nur dann noch erkennbar ist, wenn sie einer Gruppe von Menschen mit anderer Hautfarbe entstammen, zeigen doch den Unsinn identitärer Merkmalszuschreibungen.

Rassistische Positionen sind also immanente Bestandteil identitärer Konzepte, da sie soziale, politische und kulturelle Unterschiede biologisieren und dadurch aus den Menschen anderer Kulturkreise, Gesellschaften oder manchmal auch Klassen und Schichten biologisch bestimmte "Andere" konstruieren, die als solche naturgemäß von uns unterschieden, uns bleibend fremd sind. Genau das meint das Beharren auf der ureigenen "Identität" ja.

Wer hingegen sagen will, dass er erwartet, bestimmte Grundvorstellungen wie die Gleichheit der Frauen hätten hier für alle, auch für die Zuwanderer, zu gelten, sollte in der Lage sein, dies inhaltlich zu begründen und kann sich deshalb das Gerede von der Identität gleich schenken. Es gibt ja auch kein stichhaltiges Argument, das einen Beweis und damit eine begründete Rechtfertigung dafür liefert, dass, um im Beispiel zu bleiben, Frauen politisch und ökonomisch benachteiligt werden müssen oder dürfen.

Rainer Schreiber. Foto: Alibri

Inwiefern folgen aus diesen identitären Fehlannahmen Vernichtungsphantasien?

Rainer Schreiber: Die behauptete Fremdheit wurde und wird im rassistischen Denken ja gerade aus Interessen heraus konstruiert, die eine politische oder ökonomische Absicht damit verbinden: Mal will man sich lästige Konkurrenten, die man ausgerechnet in den Zuwanderern sieht, vom Hals halten – nebenbei bemerkt: wie wenn die ruinöse Konkurrenz um Arbeitsplätze als Prinzip ein Naturgesetz und nicht das Resultat einer bestimmten Wirtschaftsordnung wäre -, mal will man Sklaverei - heutzutage: Lohnsklaverei – rechtfertigen, indem man seinen ausbeuterischen Interessen den Anschein gibt, sie entsprächen der "minderwertigen" Natur der Unterworfenen, wie es Kolonialismus und Imperialismus schon immer praktiziert haben.

Schädelmessung und krumme Nasen

Und was hat das mit Gewalt und Vernichtung zu tun?

Rainer Schreiber: Ich sag’s mal so: Weil rassistische Ideologien das Interesse an Abwertung einer Menschengruppe bedienen, die, weil sie so ist wie sie (angeblich) ist, eine andere Behandlung, als Gleiche etwa, gar nicht verdient hat, sind sie von vornherein auf Konfrontation ausgerichtet: "Wir" gegen "Die", Punkt! Damit daraus "Vernichtungsphantasien" folgen, müssen wohl noch ein paar "Zutaten", sprich Rahmenbedingungen hinzukommen:

Das Interesse einer imperialen, kriegsträchtigen Politik an einem passenden Feindbild vor allem, das dem national gesinnten, schon gegen "die Anderen" eingenommenen Volk einleuchten lässt, dass man sich des gefährlichen, weil andersartigen Menschenschlags durch Krieg und Ausmerzung erwehren muss und der durch und durch verdorbene Feind dies auch nicht anders verdient hat. Das kennen wir ja aus der Nazi-Zeit, aber beileibe nicht nur von dort.

Alles in allem können wir festhalten: Naturalisierte Menschenbilder, also der Glaube, irgendwelche Leute wären von Natur aus so und könnten deshalb auch nicht anders sein, stellen dem behaupteten eigenen, positiv beschriebenen Wesen vorgeblich unverrückbar anders "geartete" Menschengruppen gegenüber, die so sind, wie sie sind. Und woran sieht man das? Daran, dass sie eben so sind, wie sie sind. Da entblödeten sich zum Beispiel Naturwissenschaftler in der Kolonial- und Nazi-Zeit nicht einmal, Schädel zu vermessen und an der krummen Nase den Charakter eines Menschen festzumachen.

Rassismus ist also aus Ihrer Sicht tautologisch begründet?

Rainer Schreiber: Ja - und insofern auch eine faktisch strohdumme Sichtweise, was darauf verweist, dass sie nicht wegen der Trefflichkeit ihrer Argumente eingesehen, sondern wegen der Interessen und Ängste, die sie bedient, geglaubt wird, woraus sich auch ihre Resistenz gegen jede Vernunft, Empirie und Logik erklärt. Und sind die "Anderen" mal als von Natur aus so gedacht, dann führt im ernsthaften Konfliktfall kein Weg an ihrer Bekämpfung bis Vernichtung, je nach Radikalisierung der politischen Verhältnisse und der Interessen, die ihnen zugrunde liegen, vorbei. Überzeugen und Verhandeln sind in einem solchen Weltbild qua immanenter Logik ausgeschlossen.

"Physiognomische Unterschiede können sich ohne politische Fokussierung auf sie überhaupt nicht politisch auswirken"

Wie haben sich physiognomische Unterschiede auf die politischen Legitimationsdiskurse in der Zeit des Kolonialismus ausgewirkt oder wurden nur fiktiven Unterschiede vorgeschoben?

Rainer Schreiber: Ihre Frage macht eine Trennung zwischen realen physiognomischen, also äußerlichen Unterschieden und "nur fiktiven" Unterschieden auf, die man, wie ich meine, so nicht machen kann, da sich physiognomische Unterschiede ohne politische Fokussierung auf sie überhaupt nicht politisch auswirken können: Die Menschen sind als Individuen doch per se äußerlich verschieden, und sie finden auch bei den Europäern kleine und große, rothaarige und schwarzhaarige, dicke und dünne, hellere und dunklere Menschen und was der feststellbaren Unterschiede noch mehr sein mögen.

Welche solchen beliebigen Merkmalsdifferenzen Sie in Gruppen zusammenfassen und ob sie diesen dann eine politisch-ökonomische Bedeutung zumessen und welche, ist immer - ich betone: immer! – eine willkürliche Entscheidung, die sich Interessen verdankt, die mit dem sichtbaren Unterschied nichts zu tun haben. Insofern mögen physiognomische Unterschiede da sein, aber die politische Bedeutung, die ihnen zugeschrieben wird, stellt stets eine Konstruktion dar, ist insofern immer fiktiv, was ihren Stellenwert in der rassistischen Argumentation angeht.

Das sehen Sie auch daran, dass man zum Beispiel bei der dunklen Hautfarbe ja nicht stehen bleibt – die an sich kein Argument für oder gegen gar nichts ist -, sondern der Hautfarbe dann noch Charaktereigenschaften des sogenannten "Negers", um im Beispiel zu bleiben, andichtet, die, sucht man nach rationalen Begründungen oder empirischen Indizien, jeder vernünftigen Grundlage entbehren. Die Hautfarben der Menschen erzählen die Geschichte des Klimas, insbesondere der Sonneneinstrahlung der Region, in der sie entstanden sind und sonst nichts, wie der Anthropologe Cavalli-Sforza seine Forschungen prägnant zusammenfasst.

Insofern verdanken sich die Unterscheidungen als politische, die sie sind, immer einem Interesse, das werten, beziehungsweise abwerten will, um sein Handeln zu legitimieren.

Polemisch formuliert: Historisch betrachtet, kann man sagen, der moderne Rassismus verrät durch die Behandlung, die rassistische Politiker, Plantagenbetreiber und Fabrikanten den als minderwertig gebrandmarkten Menschen haben angedeihen lassen, dass er aus dem ökonomischen Interesse europäischer Eroberer erwachsen ist, die die Arbeitskräfte und sonstigen Ressourcen anderer Weltgegenden rücksichtslos nutzen wollten, ohne dabei auf das gute Gefühl verzichten zu müssen, dass die es nicht besser verdient haben, weil es ihrer natürlicher Minderwertigkeit angemessen ist.

Warum haben sich diese Vorurteile in diesem Ausmaß gehalten?

Rainer Schreiber: Das ist eine interessante Frage; oft wird ja damit argumentiert, dass man fremde Menschen immer als Ensemble eines "Sets" von Eigenschaften wahrnimmt, die, weil sie gemeinsam auftreten, scheinbar zusammengehören. Auf den ersten Blick mag es ja zum Beispiel oft so aussehen, wie wenn zum Beispiel kulturelle Eigenheiten wie die typischen südostasiatischen Höflichkeitsformen mit der Optik der Bewohner dieser Region verwachsen wären.

Nur: Schon eine einzige Rede von Phillip Rösler, dem ehemaligen, aus Vietnam stammenden deutschen Wirtschaftsminister könnte einen eines Besseren belehren. Rösler zeigt sich dabei als typischer Deutscher und sonst gar nichts. Der ostasiatische Haut- und Gesichtstypus steht demgemäss mit den Sitten und Verhaltensformen der vietnamesischen Kultur in keinem zwingenden Zusammenhang.

Deshalb liegt es trotz alledem nicht am Augenschein, der zunächst zufällig Zusammenhängendes unbegriffen als notwendig Zusammengehöriges aufeinander beziehen mag wie zum Beispiel asiatische Gesichtszüge und kulturelle Eigenheiten dieser Region. Es liegt vielmehr an den Interessen, auf deren Grundlage gegen jeden zweiten Blick und jeden prüfenden Gedanken an dieser Unmittelbarkeit nicht nur gegen Wissen und Erfahrung festgehalten, sondern diese zu einem fiktiven Gesamtbild aufgeblasen und verdichtet wird. In dieser Fiktion vom "Asiaten" werden Disparates, Faktisches und völlig aus der Luft Gegriffenes, banale Eigenheiten und fiktive Charakterzüge vermengt; und das ist ein durchgängiges Muster.

"Der Jude" zum Beispiel ist dann Mitglied einer Religionsgemeinschaft, zugleich aber einer angeblichen "Rasse", die typische äußerliche Merkmale haben soll – gerade bei den über den ganzen Erdball verteilten Juden kompletter Unsinn! – und schließlich noch ganz besonders bösartige Charakterzüge natürlich, weswegen man "ihm" den Garaus machen muss. Geht es eigentlich noch verrückter? Aber scheinbar kann der Blödsinn nicht groß genug sein, solange es unter den Herrschenden in Politik und Ökonomie ein Motiv für solche Konstruktionen gibt und bei der sogenannten "Normalbevölkerung" genügend Unbildung, gewohnheitsmäßiges Denken in naturalistischen Klischees, wie sie zu jedem bodenständigen Nationalismus gehören, schließlich unbegriffene Ängste vorliegen, die die Rechten immer schon gerne bedient haben.

Und was die erwähnten Ängste angeht: Der extreme Zulauf bei den rechtskonservativen bis neofaschistischen Gruppen und Parteien in Europa derzeit zeigt doch, wie aus einer unbestimmten Zukunftsangst angesichts der größten ökonomischen Krise, in die sich der Kapitalismus seit seinem Bestehen hineingewirtschaftet hat, Fremdenangst und Fremdenfeindschaft gestrickt werden, die zum klassischen völkisch-nationalistischen Programm führen: Ungarn den "echten" Ungarn, Polen den "echten" Polen und so weiter und so weiter.

In Teil 2 des Interviews äußert sich Rainer Schreiber über den deutschen Nationalismus und "Volkscharakter"

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