USA: Mehr Öl und Gas für den Weltmarkt

03.11.2015

Nach einem Beschluss des Repräsentantenhauses kann das Exportverbot für Energie kippen. Kontroverse Debatte um wirtschaftliche und umweltpolitische Folgen

Am 9. Oktober war es soweit. Nachdem in den USA seit Jahren hitzig über das 1975 verhängte Exportverbot für Rohenergie gestritten wurde, stimmten nun erstmals Abgeordnete über den Export-Bann ab. Im vergangenen Jahr stiegen die USA endgültig zum größten Erdölförderstaat auf. Im Bereich Erdgas hält das Land schon seit Jahren die weltweite Spitzenposition. Kommt jetzt Fracking-Gas nach Europa?

In den USA steht eine richtungweisende Entscheidung in der Energiepolitik an. In den vergangenen Jahren haben Energieunternehmen mithilfe neuer Fördertechniken immer mehr Öl und Gas gefördert. Seit die Fracking-Förderung erste Ergebnisse zeitigte, verlangen die Unternehmen der Öl- und Gasindustrie, dass sie ihre Produkte auch auf dem internationalen Energiemarkt anbieten dürfen.

Am 9. Oktober war es soweit. Die Länderkammer, das Repräsentantenhaus, stimmte mit deutlicher Mehrheit von 261zu 159 Stimmen für eine Aufhebung des Verbots, darunter auch 26 demokratische Abgeordnete. Seitdem diskutieren Lobbyisten und Politiker auf allen Kanälen, ob das Exportverbot heute noch Sinn macht. Wie schon bei der Entscheidung über den Bau der Super-Pipeline Keystone XL kündigte Barack Obama bereits ein Votum des Weißen Hauses an.

Fracking-Bohrloch in Warren Center. Bild: Ostrow Law/CC-BY-3.0

Die Forderung nach Energiexporten berührt eine Heilige Kuh der amerikanischen Energiepolitik. Als das Land nach 1973 der eigenen Verwundbarkeit gewahr wurde, nachdem die Förderländer einen Ölboykott verhängt hatten, stand für alle Regierungen die Versorgungssicherheit an erster Stelle. Bis heute sind das Energieministerium und andere Institutionen sehr zögerlich, wenn es darum geht, einzelne Exportgenehmigungen zu erteilen.

Laut Energy Policy and Conservation Act von 1975 dürfen die Energieunternehmen unverarbeitetes Erdöl und Erdgas aus den USA nur mit einer besonderen Genehmigung des Energieministeriums exportieren. Die einzige Ausnahme stellen Staaten dar, mit denen die USA ein Freihandelsabkommen abgeschlossen haben. Bisher richteten sich die International Oil Companies daher darauf aus, die TTIP-Verhandlungen mit der Europäischen Union und den TPP-Vertrag mit den Pazifik-Anrainern zu unterstützen.

Allerdings scheint dieser Verhandlungsprozess den Vertretern der transnationalen Energieunternehmen zu langsam oder zu unsicher zu sein. Insofern feiert die Öl & Gaslobby die aktuellen Entscheidung wie einen Jahrhundert-Sieg. Der Vorsitzende des American Petroleum Institute, Jack Gerrard, sprach von einer "neuen Ära für die Energiesicherheit". Endlich könnten US-Firmen mit ihren Konkurrenten aus dem Iran oder Russland auf den internationalen Energiemärkten mithalten.

Die fetten Jahre sind vorbei

Abgesehen von relativ geringfügigen Mengen an Exporten nach Kanada spielten die USA auf dem internationalen Energiemarkt bisher nur als Nachfrager eine Rolle – dies bis 2008 allerdings in zunehmenden Maße. Der neue Öl- und Gasboom brachte jedoch schon dadurch die internationale Energieordnung zum Wackeln, dass die Nachfrage aus den USA wegfiel.

Seit 2008 sparten die USA mehr als 4,4 Millionen Barrel an Importen ein – am Tag. In bestimmten Erdöl fördernden Ländern wie Nigeria fielen die Exporte in die USA innerhalb kurzer Zeit von mehr als eine Million Barrel täglich auf Null. Diese frei werdende Menge flutete den globalen Markt und hatte entscheidenden Anteil daran, dass im vergangenen Jahr der Preis für Rohöl schließlich dauerhaft abstürzte.

Seitdem ist das Leid der Erdöl- und Erdgasförderer in aller Munde. In jedem Quartal legen die International Oil Companies beklagenswerte Zahlen vor, aus denen hervorgeht, dass sich ihr Reingewinn nur noch im einstelligen Milliardenbereich bewegt. Die Umsätze sind infolge des Preissturzes um etwa ein Drittel eingebrochen. Die fetten Jahre sind vorbei.

Dies gilt allerdings nicht für die verarbeitende Industrie, ja nicht einmal für die Raffinerien. Im Gegenteil: Alle anderen Sektoren der Wirtschaft profitieren enorm von den niedrigen Preisen für Rohenergie, weil ihre Nettokosten für die Produktion sinken. Auch die Volkswirtschaft der USA kann sich insgesamt über niedrige Energiepreise und geringere Importe freuen, denn so werden das berüchtigte Außenhandelsdefizit und die Inflation gedrückt.

Insofern wurden die Energieunternehmen bisher zwar allseits zu ihren Fracking-Erfolgen beglückwünscht. Allerdings sahen Regierung und Lobbyisten anderer Wirtschaftssektoren keinen Grund, das Exportverbot infrage zu stellen. Der wesentlichste Effekt des geschützten Binnenmarktes besteht darin, dass sich die Gaspreise vom Weltmarkt entkoppelten.

Während in Nordamerika der Preis für eine Million BTU gerade mal bei 2 Dollar liegt, zahlen Europäer für die gleiche Menge fast 7 Dollar und in Japan lässt sich mehr als das Vierfache verdienen, nämlich fast 9 Dollar für eine Million BTU. Eine ähnliche Schere entwickelte sich in den letzten Jahren zwischen dem nordamerikanischen WTI-Preis und den Preisen der europäischen Brent-Sorten. Hier beträgt die Differenz zwar nur maximal 10 Prozent, allerdings macht dies bei den enormen Gesamtumsätzen schon einen beträchtlichen Unterschied aus.

Große Teile der Demokratischen Partei und Umweltgruppen sehen in der drohenden Aufhebung des Export-Verbots denn auch ein Geschenk an die Förderunternehmen – auf Kosten der Allgemeinheit und der Umwelt. "Wir haben ein Gesetz verabschiedet, dass den Ölunternehmen ermöglicht, mehr Geld zu verdienen", stellte die kalifornische Abgeordnete Lois Capps sachlich fest. Umweltgruppen betonen, dass diese Maßnahme die von Obama verkündeten Klima-Ziele in weite Ferne rücken wird.

Anders als noch im vergangenen Jahr wackeln jedoch die Institutionen, die sich bisher vor allem dem Gemeinwohl verpflichtet sahen und eine Barriere gegen die Ansinnen von Big Energy darstellten. Das Congressional Budget Office schätzt, dass die öffentliche Hand jährlich zusätzliche 1,4 Milliarden Dollar aus Förderlizenzen auf staatliches Land einnehmen könnte. Verschiedene Untersuchungen, unter anderem durch die Columbia-Universität, gehen sogar davon aus, dass die Preise für Treibstoffe nicht wie befürchtet steigen, sondern sogar sinken werden. Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt auch das Ministerium für Energie (DOE) in seiner letzten Studie.

Mit dem Fall des Export-Verbots könnten Freihandelsverträge unnötig werden

Allerdings besteht auch ein Konsens darin, dass die Raffinerie-Betriebe durch eine solche Maßnahme viel zu verlieren haben, denn bisher profitierten sie davon, dass sie verarbeitete Produkte exportieren durften und die Preise für Rohenergie, insbesondere für Erdgas, auf dem nordamerikanischen Markt besonders niedrig lagen. Aber den Takt der nordamerikanischen Energiepolitik bestimmen seit einigen Jahren die Fracking-Unternehmen.

Anders als allseits vorhergesagt bleibt die Förderung mithilfe von Horizontal Drilling und Hydraulic Fracturing trotz des Preisverfalls relativ stabil. In den sieben wichtigsten Förderregionen werden immer noch deutlich mehr als 5 Millionen Barrel Rohöl am Tag gefördert, auch die Erdgas-Förderung stagniert auf extrem hohen Niveau. Aktuelle Schätzungen gehen davon aus, dass in diesem Jahr durchschnittlich 9,4 Millionen Barrel am gefördert werden. Damit verlieren die USA zwar ihren gerade erst errungenen globalen Spitzenplatz. Sie bleiben aber mit der Russischen Föderation und Saudi-Arabien die mit Abstand größten Erdölförderer weltweit.

Das Problem der Fracking-Industrie liegt im Bereich der Finanzierung. Laut einer Umfrage der Energieagentur (EIA) müssen die Unternehmen der On-Shore-Förderung inzwischen etwa 82 Prozent ihrer Einnahmen für die Schuldentilgung aufwenden. Die Fracking-Industrie sitzt in einer Schuldenfalle. Neue Einnahmen erhoffen sich die Unternehmen vor allem aus möglichen Gas-Exporten. Weltweit werden gegenwärtig 92 Anlagen für die Verflüssigung von Erdgas gebaut, zahlreiche davon in Europa.

Mithilfe von TTIP wollte die Europäische Kommission vor allem die Möglichkeit schaffen, Erdgas aus der nordamerikanischen Fracking-Förderung nach Europa zu schaffen. Für die in Nordamerika aktiven Unternehmen lohnt sich bei einem Preis von 2 Dollar für eine Million BTU nicht einmal ein Pipeline-Anschluss an die Bohrlöcher. Das meiste Gas wird einfach abgefackelt, oder es entweicht unkontrolliert in die Atmosphäre. Ganz anders würde sich die Situation darstellen, wenn Erdgas für den vierfachen Preis in Europa und Asien verkauft werden könnte.

Mit der aktuellen Entwicklung zeichnet sich nun ab, dass die Unternehmen möglicherweise die Ergebnisse der Freihandelsverträge gar nicht mehr abwarten müssen. Wenn das Export-Verbot vorher fällt, können transnationale Unternehmen und Reedereien direkt zur Tat schreiten und die bisher unausgelasteten Kapazitäten für Flüssiggas aus der Fracking-Produktion nutzen. Diese Entwicklung würde eine neue Runde für die fossilen Energieträger in Europa und Nordamerika einleiten, befürchten alternative Energiepolitiker.

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