Wir befinden uns längst im virtuellen Bürgerkrieg

07.11.2015

Die Stimmung ist angeheizt, die Nerven liegen bei vielen bloß und schon eine "falsche Frage" kann zu heftigen Ausfällen führen

Die Angst vor einem Bürgerkrieg in Deutschland wird im Zusammenhang mit der Flüchtlingskrise immer wieder als Menetekel an die Wand gemalt. Ob die Befürchtungen angebracht oder einfach eine Masche sind, um eine bestimmte Position in der Flüchtlingsdebatte zu stärken, indem man Ängste anheizt, kann ich nicht sagen.

Aber ein anderer Eindruck verstärkt sich bei mir zunehmend: Der virtuelle Bürgerkrieg ist längst ausgebrochen. Würde man die Aussagen in den sozialen Netzwerken, allen voran Facebook, ernst nehmen, wäre schon die Hälfte aller Menschen, die sich derzeit in Deutschland aufhalten, nicht mehr am Leben. So schnell kann man nicht schauen, wie man zum Faschisten erklärt wird …

Die angespannte Situation in der virtuellen Welt ist nicht neu. Schon seit vielen Jahren weisen Fachleute und Politiker daraufhin, dass das Internet - nicht nur durch die vermeintliche Anonymität der Agierenden - neue Umgangsweisen der Menschen miteinander hervorruft, zumindest virtuell.

Bild: J. Levasseur nach A. Brouwer. Wellcome Images/CC-BY-SA-4.0

Dass sich solche neuen Umgangsformen jetzt in solch geballter und unerfreulicher Form zeigen, hängt vermutlich zunächst damit zusammen, dass sich das Thema Flüchtlinge, ursprünglich von den Medien als Füller für das Sommerloch gedacht, als Selbstläufer erwiesen hat. Das Thema wurde zum Selbstläufer, weil es europaweit viele andere schlummernde Verunsicherungen geweckt hat, die Fragen nach dem Eigenen und Fremden, nach Identität und Grenzenlosigkeit. Die Energie und der Erfolg, mit dem sowohl Pegida & Co im Netz für ihre Ansichten werben, aber auch die "Antifa" und ihre gemäßigteren Sympathisanten nicht untätig sind, ist eigentlich nur von hierher erklärbar. Beide Gruppen sind verbal bis an die Zähne bewaffnet und bekriegen sich gegenseitig. Die Stimmung ist angeheizt, die Nerven liegen bei vielen bloß und schon eine "falsche Frage" kann zu heftigen Ausfällen führen.

So hat etwa einer meiner Freunde aus Köln, langjähriges Mitglied bei den Grünen, schwul und stets für die offene Gesellschaft und Toleranz eintretend, bei einem mit ihm befreundeten Grünen-Politiker aus NRW via Facebook eine Anfrage nach der Obergrenze für Flüchtlinge gestellt, "wie viele Menschen die Grünen in Deutschland willkommen heißen wollen?"

Diese Frage genügte, dass der Fragende nicht nur sofort "entfreundet", sondern auch öffentlich auf dem Facebookprofil des Politikers bloß gestellt wurde. Er dulde keinen "rechten, fremdenfeindlichen Unfug oder homophobe Ausfälle", ließ der grüne NRW-Landtagsabgeordnete wissen. Was die Anfrage mit Homophobie zu tun hat, bleibt den Beobachtern bis heute schleierhaft. Zumal es sich bei dem Anfragenden selbst um einen offen schwul lebenden Mann handelt und Homosexualität in dem ganzen Gespräch kein Thema war. Vermutlich wurde diese Keule nur ausgepackt, weil man sich von ihr eine die anderen Todschlagargumente verstärkende Wirkung erhofft.

Diese Episode ist bezeichnend für den virtuellen Bürgerkrieg: Schon ein kleiner Funken, ein unbedachter Ausdruck, eine provokative Frage kann ein weiteres Fass in dem längst in alle Richtungen lodernden und explodierende Sprengstofflager zur Detonation bringen. Shitstorms, Stasi-Methoden, die auf beiden Seiten herausfinden wollen, wer was von wem geliked hat usw., sorgen dafür, dass es auch weiter heftig brennt in der Hütte.

Die Wahrheit stirbt im Krieg immer zuerst

Dass die Wahrheit im Krieg zuerst stirbt, ist eine Einsicht, die fast so alt ist wie die tragische Geschichte der Kriegsführung.

Das zeigt sich besonders an der Skepsis, mit der viele Menschen inzwischen der Berichterstattung der Medien zu dem alles bestimmenden Thema der Flüchtlingskrise gegenüber stehen. Da wird ein Artikel nach dem anderen gepostet, in dem uns die Gräueltaten von Flüchtlingen vor Augen geführt werden. Gewalttätige Übergriffe auf Frauen, Kinder, Polizei, unbescholtene Bürger und zuletzt sogar Polizeihunde. Müllberge, die jeden Ort in dem Wettbewerb "Unser Dorf soll schöner werden" alt aussehen lassen, sorgen für noch weiter gehende Entrüstung.

Und dann sind da sofort die Gegenmeldungen von den guten Flüchtlingen, die 1000 Euro auf der Straße oder in Altkleidern finden und ehrlich abgeben; von fröhlichen Willkommensfesten; von einem schwulen Paar aus Berlin, das 24 (!) Flüchtlinge bei sich zuhause aufgenommen hat und bislang noch nicht von diesen erstochen oder bestohlen wurde.

Und immer wieder kommt dann ans Tageslicht, was der Leser ohnehin schon ahnte: bei der Berichterstattung lässt man im Sinne des Guten, für das man sich im Einsatz glaubt, schon mal fünf gerade sein. Da kommt auf einmal heraus, dass die Polizei nichts von den von einem AfD-Politiker berichteten Vergewaltigungen durch Flüchtlinge weiß oder dass selbst die ARD bewusst die Situation verfälschende Bilder zeigt: "Wenn Kameraleute Flüchtlinge filmen, suchen sie sich Familien mit kleinen Kindern und großen Kulleraugen aus." Tatsache sei aber, dass "80 Prozent der Flüchtlinge junge, kräftig gebaute allein stehende Männer sind" - musste der "ARD aktuell"-Chefredakteur Kai Gniffke vor kurzem einräumen.

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