Solidarität mit den Opfern

16.11.2015

Von selektiver Trauer und neuen Fronten

Nach den Anschlägen in Paris war der Aufruhr in den Sozialen Medien vorprogrammiert. Millionen von Menschen drückten über Facebook oder Twitter ihre Trauer aus. Andere wiederum benutzten die Plattform, indem sie das Massaker instrumentalisierten und Hass verbreiteten - etwa anonyme Sympathisanten des "Islamischen Staates" (IS) oder rechte Hassprediger, in deren Reihen sich etwa auch "Skandalautor" Akif Pirincci oder "Welt"-Schreiberling Matthias Matussek finden ließen.

Gerade Hetzer derartigen Kalibers fanden mit ihren islamfeindlichen Kommentaren auch im englischsprachigen Raum zahlreiche Unterstützer - hauptsächlich anonym versteht sich. So machten etwa auf Twitter zahlreiche Äußerungen mit Hashtags wie #KillAllMuslims oder #DeportAllMuslims die Runde. Selbiges Szenario spielte sich auch nach den Anschlägen auf "Charlie Hebdo", die Anfang des Jahres stattfanden, ab.

Im Vergleich zu den damaligen Anschlägen nahmen dieses Mal jedoch Soziale Medien aktiv am Geschehen teil. Führend war hierbei Facebook, welches die Nutzer weiterhin dazu aufruft, ihr Profilbild mit einer französischen Flagge zu zieren, um Solidarität mit den Pariser Opfern zu zeigen. Facebook-Gründer Mark Zuckerberg meldete persönlich sich zu Wort und hob hervor, dass sein Netzwerk das Tool "Safety Check" bereitstelle, damit die Menschen in Paris sicherstellen können, ob ihre Freunde und Familienmitglieder nach den Anschlägen wohlauf sind.

Einfach ausgedrückt, geschieht hier folgendes: Facebook stiftet mit beiden Funktionen mehr oder weniger die Menschen dazu an, selektiv zu trauern. Wäre dem nicht so, wären wohl auch libanesische, jemenitische, afghanische, palästinensische, syrische und zig andere Flaggen präsent. Da Krieg und Zerstörung sich in den jeweiligen Regionen in den letzten Jahren rasant ausgebreitet haben, ist die Liste lang. Einen Tag vor den Anschlägen in Paris tötete der IS in Beirut über vierzig Menschen. Nun fragen sich viele Libanesen, wo ihr "Safety Check" blieb. Das Tool würde sicher auch anderswo nützlich sein, zum Beispiel im Jemen oder in Afghanistan, wo nicht nur Extremisten à la IS ihr Unwesen treiben, sondern auch US-amerikanische Drohnen.

Allein in diesem Jahr wurden im Jemen mehr Menschen von Drohnen getötet als von Al-Qaida. In Afghanistan, dem weiterhin am meisten von Drohnen bombardierten Land der Welt, fanden allein im Oktober mindestens achtzig Luft- und Drohnen-Angriffe statt. Dabei wurden mehr als zweihundert Menschen getötet. Einer dieser Angriffe traf im nordafghanischen Kunduz ein Krankenhaus der Organisation "Ärzte ohne Grenzen". Mindestens dreißig Menschen kamen dabei ums Leben. Wer sie waren, interessiert niemanden. Die Trauer ist nicht nur begrenzt, sie ist nicht einmal vorhanden.

In Anbetracht des Ausmaßes des Drohnen-Krieges bezeichnete der US-amerikanische Linguist und Philosoph Noam Chomsky die Angriffe, die vom US-Präsidenten persönlich abgesegnet werden, vor einiger Zeit als "mörderischste Terror-Kampagne der Gegenwart". Diese Terror-Kampagne hat mit den Anschlägen in Paris mehr zu tun, als viele glauben.

Zum gegenwärtigen Zeitpunkt stehen viele westliche Nationen im Wettbewerb, sich eigene bewaffnete Drohnen zu beschaffen. Politiker in Berlin, Washington, London und Paris sind weiterhin der Meinung, dass der Krieg mit den Drohnen sicherer und präziser sei, immerhin müssen dann weniger oder im Idealfall gar keine Soldaten an die Front. Stattdessen wird alles über einen Joystick und vor einem Monitor sitzend geregelt.

Die Anti-IS-Koalition im Irak und in Syrien, die von den USA, Großbritannien und seit einiger Zeit auch von Frankreich dominiert wird, führt zahlreiche ihrer Angriffe mittels Drohnen aus. Entgegen der Behauptung vieler Politiker und Generäle ist aber ein solcher Krieg, egal in welcher Region der Welt er stattfindet, weder risikofrei noch präzise. Da es sich bei der Mehrzahl von bekannten Drohnen-Opfern nach einer Untersuchung von TBIJ um Zivilisten handelt (Die mörderischste Terror-Kampagne der Gegenwart), ist das Narrativ der präzisen Drohne widerlegt. Selbiges ist allerdings auch bezüglich der Sicherheit der Fall.

Vor wenigen Monaten wurden dreißig britische Touristen in Tunesien vom IS getötet. Der IS betrachtete das Massaker als Teil seiner Vergeltung für die Bombardierungen des britischen Militärs. Nun wird im Fall von Paris selbiges Argument in den Raum geworfen. Statt den nicht vorhandenen britischen oder französischen Bodentruppen im Irak oder in Syrien ist die Zivilbevölkerung zum Ziel geworden. Plötzlich hat sich der Schauplatz verändert. Die Front wurde nicht abgeschafft, sie ist jetzt überall. Das Risiko wurde nur verlagert und vom Militär auf die Zivilbevölkerung abgewälzt. Denn Krieg ist nie risikofrei.

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