Paris und die Folgen

17.11.2015

Was jetzt? Ruhe bewahren? Vor allem: Immer daran denken, dass das alles nichts mit dem Islam zu tun hat? Ganz im Gegenteil!

Schlechte Zeiten für Pazifisten. Seit dem 13. November füllen sich die Sozialen Medien mit Eiffeltürmen, die das Peace-Zeichen ergänzen. Zugleich werden aber Forderungen laut, jetzt aber endlich mal ernsthaft etwas gegen den Terror zu unternehmen.

Wie das aussehen soll, ist natürlich für viele auch schon ausgemacht: Grenzen schließen, Moslems abschieben, syrische Städte bombardieren. Das war zu erwarten und ist insofern nicht weiter bemerkenswert. Was mich aber aufregt, ist die Reaktion der "Besonnenen" (zu denen ich mich auch meist zu zählen versuche). Die haben schon wieder die Gebetsmühlen angeworfen und sagen und schreiben das, was wir seit Monaten, wenn nicht seit Jahren hören: Keine Panik jetzt, Ruhe bewahren, das alles hat nichts mit dem Islam zu tun.

Bild: Jean Jullien/hochgeladen von Scewing/gemeinfrei

Vor allem der letzte Satz könnte verkehrter nicht sein: Natürlich hat das alles mit dem Islam zu tun. Es werden nämlich wie immer in erster Linie Moslems sein, die unter den Folgen des Terrors leiden. Die Moslems in unseren Ländern, indem sie noch stärker als ohnehin schon ausgegrenzt und unter Generalverdacht gestellt werden. Und vor allem die Moslems in jenen Ländern, die jetzt erst recht zerstört und verheert werden. So zu tun, als sei der Islam von diesen Ereignissen gar nicht betroffen, ist daher vielleicht als Beschwichtigung gemeint, aber irreführend und falsch.

Überhaupt: diese Beschwichtigungen! Bestenfalls wirken sie wie ein schaler Ausdruck von Hilflosigkeit, schlimmstenfalls wie Naivität und Feigheit. Was, wir sollen Ruhe bewahren? Stillhalten und zusehen, während das nächste Attentat geplant wird? Man braucht kein Diplompsychologe zu sein, um zu erahnen, dass man die kochende Volksseele mit derlei Vorschlägen nur noch mehr zur Weißglut und in die Arme populistischer Hetzer treibt. Die aufgeschreckten Bürger möchten nicht zur Vernunft gerufen werden, sie möchten mit Fackeln, Mistgabeln und Dreschflegeln losziehen und die Schuldigen lynchen. Und vielleicht noch ein paar Unschuldige gleich mit.

Wir sind Langweiler, wir Pazifisten

Wenn Frankreich seine Kampfjets startet, ist das also durchaus im Sinne der tief verletzten Bevölkerung. Freilich, rational betrachtet handelt es sich um blinden Aktionismus, der nicht nur nicht dazu beitragen wird, irgendetwas wieder gut zu machen, sondern ganz im Gegenteil noch mehr Todesopfer und verletzte und traumatisierte Seelen hervorbringen wird.

Der Versuch, mit Krieg den Frieden herbeizubomben, wird fehlschlagen. Aber auch das ist ein Satz, der seit Jahren gebetsmühlenartig von meinesgleichen wiederholt wird. Ja, ich weiß: Wir sind Langweiler, wir Pazifisten, wir haben immer nur den Frieden auf unserer Agenda, dabei gäbe es doch so viel Wichtigeres. Was genau das Wichtigere sein soll, ist mir jedoch ehrlich gesagt nicht ganz klar. Aber da wird mich sicher demnächst jemand aufklären.

Ich erhalte nämlich immer wieder mal belehrende Zuschriften von Lesern, die mir die Welt erklären. Mein persönliches Highlight war ein Mann, der mir tatsächlich mitteilte, so etwas wie Gut und Böse gebe es gar nicht, die beiden Begriffe seien Synonyme. Na, dann ist ja alles in Ordnung. Dann ist es natürlich auch völlig egal, ob wir alles in Schutt und Asche schießen und ganze Landstriche auf Jahrzehnte faktisch unbewohnbar machen.

Ich verstehe schon. Mit moralischen Begriffen zu arbeiten, wirkt altbacken, und dieses ständige Dagegen-Sein ermüdet auf die Dauer. Ja, einverstanden: Wir müssen unsere Beschwichtigungsrhetorik aufgeben. Wir wollen und dürfen nicht tatenlos zusehen, wie Gewalt ständig noch mehr Gewalt gebiert, wie Hass Hass fördert, wie sich die Spirale der Grausamkeit und Entmenschlichung schneller und schneller dreht.

Wenn die Politik jetzt tätig wird, wenn sie bereit ist, richtig viel Geld in die Hand zu nehmen, um noch mehr Tod und Elend in den Nahen und Mittleren Osten zu bringen, damit wir noch mehr Flüchtlinge im Dreck schlafen lassen können, damit noch mehr Kinder die Routine der Verrohung lernen, damit noch mehr junge Menschen ihre einzige Zukunftsperspektive in einem letzten "heldenhaften" Aufbäumen gegen "den Westen" sehen, dann muss doch verdammt noch mal zumindest auch ein Gegenvorschlag in den Raum gestellt werden.

Lasst die Kampfjets am Boden

Der Feind ist nicht in Syrien oder im Irak. Er ist mitten unter uns, und er ist nicht der Feind - noch ist er nicht der Feind. Noch sind es Kinder und Jugendliche, Menschen voller Träume und Hoffnungen. Gebt ihnen Chancen. Gebt ihnen Bildung. Gebt ihnen Entfaltungsmöglichkeiten. Lasst nicht zu, dass sie abgestempelt werden. Schützt sie vor sozialer und ethnischer Diskriminierung. Kümmert euch. Stellt mehr Jugendarbeiter, Sozialpädagogen und Streetworker ein und bezahlt sie anständig. Stellt Räume, Bühnen, Sportanlagen zur Verfügung, kostenfrei und für alle. Lasst die jungen Menschen kreativ und eigenständig sein, lasst sie ohne Leistungsdruck und Wettbewerb Gemeinschaft und Wertschätzung erleben. Zeigt ihnen, dass sie gewollt sind, dass sie wichtig sind, dass sie zählen. Gebt ihnen eine Stimme, gebt ihnen ein Gesicht. Gebt ihnen einen Platz in unserer Gesellschaft. Gebt ihnen, das ist vielleicht das Wichtigste, eine Zukunftsperspektive.

Und geht noch einen Schritt weiter: Tut alles in eurer Macht Stehende, dass kein Kind mehr mit Krieg und Terror aufwachsen muss. Verhandelt statt zu schießen, und das bedeutet: Verhandelt auch mit Diktatoren und Terroristen. Ihr könnt das. Bei der Auswahl eurer Verbündeten seid ihr doch auch nicht so zimperlich.

Das wird Geld kosten, viel Geld, aber im Vergleich zu dem, was eure menschenverachtenden Kriege kosten, ist das gar nichts. Und eines ist gewiss: Mit Härte und Brutalität werdet ihr, werden wir den Kampf gegen den Terrorismus nicht gewinnen. Und wir werden ihn auch nicht gewinnen, wenn wir weiterhin Menschen zu unseren Feinden machen, statt sie als Verbündete anzusehen. Deswegen hat das alles auch mit dem Islam zu tun. Und deswegen müssen wir endlich handeln: gemeinsam. Es ist höchste Zeit.

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