"Ohne die Türkei, Saudi-Arabien und Katar gäbe es keinen Terror in dieser Größenordnung"

18.11.2015

Conrad Schuhler über den IS und den Islam

Der Publizist Conrad Schuhler glaubt, dass der Westen die Massaker von Paris nützt, um in der Auseinandersetzung mit Russland über einen massiven Militäreinsatz in Syrien seine geopolitischen Interessen besser vertreten zu können. Telepolis sprach mit dem Autor des Buches Alles Charlie oder was. Religionskritik – Meinungsfreiheit oder Schmähung?.

Herr Schuhler, Ihr Buch hatte als Anlass das Januarattentat auf die Redaktion der Satire-Zeitschrift Charlie Hebdo. Am Freitag gab es nun ein weiteres schreckliches Attentat in Paris mit 129 Toten. Da es sich bereits herausgestellt hat, dass islamistische Terroristen die Urheber waren: Würden Sie an Ihrem Buch etwas ändern?

Conrad Schuhler: Die Übereinstimmungen zwischen dem Anschlag auf Charlie Hebdo am 7.1. und den Attentaten am 13.11. in Paris sind frappierend. Offenbar handelt es sich in beiden Fällen um denselben Typ von Tätern. Junge, in Frankreich sozialisierte Muslime. Und anscheinend wussten die Sicherheitsbehörden nichts von der Vorbereitung der Aktionen, um sofort danach fertige Interpretationen über Taten und Täter zu verbreiten. Bei einem der Selbstmord-Attentäter wurde ein syrischer Pass gefunden. Bei den Brüdern Kouachi im Januar war ein Pass in ihrem Auto gefunden worden. Beides ist extrem unwahrscheinlich. Ein Selbstmord-Attentäter kommt nicht mit dem Pass in der Tasche zur letzten Tat, weil er damit Hinweise auf sein Netzwerk liefern würde.

Die Kouachi-Brüder haben wie perfekte Killer-Maschinen agiert, aber ihren Pass im Auto vergessen? Das riecht sehr faul.

"Die NATO will den Vormarsch der Russen stoppen"

Welche Motive könnten hierbei Ihrer Meinung nach eine Rolle gespielt haben?

Conrad Schuhler: Mir geht es nicht um die Behauptung, die Geheimdienste hätten diese Fälle inszeniert. Vielmehr darum, dass die Verbrechen für die eigenen politischen Vorteile instrumentalisiert werden. Die Morde an den Hebdo-Mitarbeitern wurden genutzt zu einer demagogischen Offensive gegen die ausgegrenzte und oft muslimische Bevölkerung der französischen Unterschicht in den heruntergekommenen Vorstädten. Dazu werden jetzt auch die neuen Gräueltaten wieder hergenommen werden.

Diesmal sind die Einsätze fast noch höher. Man wird versuchen, jeden muslimischen Flüchtling zum potentiellen Terroristen zu erklären und damit den Stop dieser Immigration begründen. Außerdem (und vielleicht vor allem) geht es der NATO darum, freie Hand zu erhalten für eine militärische Intervention in Syrien. Die NATO will den Vormarsch der Russen stoppen, die als einzige wirklich gegen den IS kämpfen.

Die Bild-Zeitung fragte hetzerisch: Nach dem Terror in Paris – müssen wir jetzt in den Krieg ziehen? Die prinzipielle Kritik an dieser Art von Instrumentalisierung wurde also bestätigt. Die in dem Buch entwickelten Gründe für die Entstehung des Terrors und die Verteufelung des Islam bleiben gültig.

Conrad Schuhler. Foto: PapyRossa Verlag

Wäre es aber im Falle des IS-Terrors nicht dies eine Mal richtig, den Bündnisfall auszurufen und vereint mit den Russen diese brutale Terroristenbande zu bekämpfen?

Conrad Schuhler: Das vorrangige Ziel des Westens ist es nicht, den IS zu bekämpfen. Er will den Vormarsch der Russen in Syrien stoppen. Ginge es dem Westen, der NATO, um die Niederringung des IS, wäre ihm das leicht möglich. Der IS lebt davon, dass er täglich Öl im Wert von 2 Millionen Dollar vor allem über das NATO-Mitglied Türkei verkauft. Ohne die Türkei, Saudi-Arabien und Katar gäbe es keinen Terror mehr in dieser Größenordnung. Und alle drei Terrorpaten erfreuen sich politischer, militärischer und finanzieller Unterstützung durch Deutschland und andere NATO-Länder.

Denken Sie an die Resultate der militärischen Angriffe der USA und ihrer "Willigen" auf Afghanistan, auf den Irak, auf Libyen. In Afghanistan hat die Unterstützung der Taliban durch die USA gegen die sowjetgestützte Regierung in Kabul die islamistischen Terrorgruppen in dieser Dimension überhaupt erst geschaffen. Im Irak entwickelte sich in der Folge der US-Besetzung die Struktur des IS. Libyen, das mit einem Luftkrieg überzogen wurde, entwickelte sich zur stabilen Basis von IS und Al Qaida. Der IS in Syrien wurde jahrelang vom Westen unterstützt, weil mit ihm das Assad-Regime geschwächt werde. Nun ist das IS-Monster so groß geworden, dass es womöglich die Länder des Westens ins Visier nimmt.

Der Westen steckt nun in dem Dilemma, gegen den IS vorgehen zu wollen, ohne die Russen und ohne Assad zu stärken. In der Nationalen Sicherheitsstrategie der USA und in ihrem Gefolge der NATO sind die drei Hauptgefahrenherde für ihren Frieden so angegeben: der Terrorismus, China, Russland. Auf einer Ebene. Als dem Sicherheitsberater von US-Präsident Carter, Brzezinski, vorgehalten wurde, die USA hätten die islamistischen Terrorgruppen in Afghanistan erst hochgepäppelt, erwiderte er: Was wollen Sie denn, dafür haben wir die Sowjetunion ins Grab gelegt. In diesem mörderischen Spannungsfeld steckt die Militärpolitik des Westens noch heute, statt der Sowjetunion sind heute Russland und China die Feinde.

Russland und Syrien werden sich jeden Schritt einer kombinierten Militäraktion gegen den IS ebenfalls genau überlegen. Den IS zerbomben und dann eine weitere, total zerfallene Region hinterlassen, wäre das sicherste Mittel, für zukünftige militante islamistische Gruppen zu sorgen. Von Afghanistan bis Syrien sind 1,3 Millionen Menschen in diesen Kriegen ums Leben gekommen, allein im Irak-Krieg gab es 800.000 Tote. Heute geht es um eine Friedensordnung zwischen verschiedenen Ethnien und Religionen, die sich bisher als Todfeinde bekriegen, und um die Einmischung auswärtiger Kräfte, die die Ressourcen und die Ressourcentransportwege unter ihre Kontrolle bringen wollen. Der ganze Prozess der Befriedung muss beginnen mit der Austrocknung der Finanzmittel des IS – den Schlüssel dazu hat der Westen in der Hand. Die schon in Gang gesetzte Konferenz der Syrien-Parteien muss in diese Richtung weitergehen.

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