Opium - Afghanistans Exportschlager

23.11.2015

Da am Anbau jeder profitiert, sind nahezu alle wichtigen politischen Akteure mehr oder weniger daran beteiligt

In den dunklen Gassen und den abgelegenen Parks Kabuls findet man sie immer: Junkies. Junge Männer, die auf den Boden knien, abgetragene Kleidung und verschmutzte Sandalen tragen, mit einem Tuch ihr Gesicht bedecken und konsumieren. Noch bis vor einer Zeit traf man derartige Ansammlungen unter einer bekannten Brücke im Zentrum der Stadt. Da dies selbst dem Kabuler Stadtbild zu viel wurde, zogen es die Behörden vor, sie von dort zu vertreiben.

Doch einfach in Luft auflösen können sich die Drogenabhängigen nicht. Stattdessen hat sich ihre Anzahl in den letzten Jahren dramatisch vervielfacht. Schätzungen zufolge konsumieren über 4,5 Millionen Afghanen – sowohl in den städtischen als auch in den ländlichen Gebieten - Drogen. Hunderttausende von ihnen sind süchtig.

Bild: davric/gemeinfrei

Parallel zu der Anzahl der Abhängigen stieg seit 2002 auch der Opiumanbau im Land permanent an. Kurz vor dem Einmarsch der NATO, sprich, während des Höhepunkts der Taliban-Herrschaft, stammten rund fünf bis zehn Prozent des weltweiten Schlafmohns aus Afghanistan – mittlerweile sind es mehr als neunzig Prozent. Jährlich werden neue Rekordernten erwartet, wie auch die UN-Berichte der vergangenen Jahre deutlich machen. Verantwortlich für die Misere werden oftmals nur die Afghanen gemacht. Dabei wird außen vor gelassen, dass westliche Akteure beim Anstieg der afghanischen Drogenproduktion eine maßgebliche Rolle spielen.

Afghanistan war einst bekannt als Land der Granatäpfel, Melonen und Trauben. Auch andere Waren wie Lapislazuli, der berühmte, blau glänzende Stein, gehörten zu den wichtigsten Ausfuhrgütern. Diese einstigen Exportschlager sind allerdings Relikte einer vergangenen Zeit. Gegenwärtig weiß man vor allem, dass der "schwarze Afghane" aus Afghanistan stammt und dass das Land der größte Produzent und Exporteur von Opium ist.

Obwohl der Drogenanbau in Afghanistan wohl noch nie so hoch war wie zum gegenwärtigen Zeitpunkt, hat er eine lange Geschichte. Schon die süchtigen Mogul-Herrscher Indiens bezogen ihren Schlafmohn aus einigen Teilen des heutigen Afghanistans. Später, während der anglo-afghanischen Kriege, zeigten auch die Briten Interesse an der Droge. Dass die britische Krone damals viel vom Drogenhandel hielt, bewiesen unter anderem der Erste sowie der Zweite Opiumkrieg, der zwischen Großbritannien und dem Kaiserreich China ausgetragen wurde. Beide Male verließen die Chinesen das Schlachtfeld als Verlierer und wurden darauffolgend von den Briten gezwungen den Opiumhandel zu dulden

Nach dem Fall des Eisernen Vorhanges bildete sich Anfang der 1990er eine neue Regierung in Kabul, die hauptsächlich aus jenen Kriegsfürsten bestand, die noch kurz zuvor von westlichen Staaten im Kampf gegen die Sowjetunion unterstützt wurden. Da die einzelnen Warlords damit beschäftigt waren, sich gegenseitig zu bekriegen und ihre eigenen Territorien auszubauen, hielt die Regierung nicht lange. Im Laufe dieses Zeitraums wurden Städte wie Kabul nahezu vollständig zerstört, parallel dazu schoss der Schlafmohnanbau in die Höhe. Dies war alles andere als verwunderlich.

Die damaligen Akteure bereicherten sich nicht nur persönlich durch den Drogenanbau, sondern waren auf eine neue Geldquelle angewiesen. Da der Westen sich seit dem Sieg gegen die Sowjets stark zurückgezogen hatte, musste ein anderer Weg gefunden werden, um weiterhin Waffen zu beschaffen. Dies hatte zur Folge, dass allein im Jahr 1994 3.400 Tonnen Opium in Afghanistan produziert wurden. Im darauffolgenden Jahr waren es immer noch 2.300 Tonnen, was zum damaligen Zeitpunkt immer noch einen Großteil der weltweiten Produktion ausmachte.

Die Taliban führten eine der erfolgreichsten Anti-Drogen-Kampagnen der Welt durch

1996 wurde die Warlord-Regierung aus Kabul verjagt. Mullah Mohammad Omar und seine Taliban-Kämpfer rissen die Macht an sich. Der Opiumanbau nahm allerdings, entgegen der vermeintlichen Glaubensgrundsätze der Taliban, vorerst kein Ende. Wie jede andere Regierung war auch jene der Taliban auf Steuern angewiesen. Da viele dieser Steuern von Drogenbaronen stammten, zog man es vor, den Opiumanbau vorerst nicht zu verbieten, obwohl er den Regeln des Islams eindeutig widersprach. 1999 wurden über 4.000 Tonnen Opium in Afghanistan produziert. Erst nachdem die Staatskasse etwas gefüllt war und die Handelsrouten im Norden des Landes ebenfalls unter Taliban-Kontrolle standen, sagte man den Drogenbossen den Kampf an.

Im Sommer 2000 ging daraus eine der erfolgreichsten Anti-Drogen-Kampagnen der Welt hervor. Mullah Omar, der damals unter anderem auch auf Andrang der UN handelte, erklärte den Anbau von Drogen offiziell als "unislamisch" und verbannte ihn. Das Verbot zeigte sich innerhalb kürzester Zeit als äußerst effektiv. Im Jahr 2001 erreichte der Opiumanbau in Afghanistan einen Tiefpunkt von rund 200 Tonnen. In manchen Gegenden, etwa der südöstlichen Provinz Helmand, die einst zu den ertragreichsten Provinzen des Landes gehörte, wurde sogar nichts mehr produziert. Nur auf 8.000 Hektar wurde Opium angebaut.

Seit dem Einmarsch der Nato floriert der Drogenanbau wieder

Als ein Jahr später der Einmarsch der NATO begann, änderte sich dies abrupt. Die Taliban wurden gestürzt und plötzlich florierte der Opiumanbau am Hindukusch von neuem. Jahr für Jahr stieg der Anbau permanent an, 2014 wurde ein Höchststand von 224.000 Hektar an Anbaufläche erreicht. Dies hat vor allem mit der Tatsache zu tun, dass die westlichen Streitkräfte sich im Kampf gegen die Taliban mit jenen Drogenfürsten verbündeten, die schon in den Neunzigern das Sagen hatten.

Gegenwärtig stammen mehr als neunzig Prozent des weltweiten Opiums aus Afghanistan. Bedeutende Produzenten befinden sich etwa in den südlichen Provinzen Kandahar und Helmand. Über die Jahre hinweg lag der Drogenanbau in Kandahar fest in der Hand des Karzai-Clans, aus dem auch der letzte Präsident des Landes, Hamid Karzai, stammt. Einer seiner Brüder, Ahmad Wali Karzai, der 2011 durch ein Attentat getötet wurde, war ein einflussreicher Drogenboss, den man laut "New York Times" unter anderem auch auf der Gehaltsliste des CIA wiederfinden konnte.

Dass man die CIA oft mit Drogengeschäften assoziiert, ist übrigens kein Zufall. Der britische "Independent" stellte im Januar 2010 fest, dass der US-amerikanische Geheimdienst jene Flugzeuge, die hauptsächlich für die Entführung sogenannter Terrorverdächtiger benutzt wurden, auch für den Transport von Drogen verwendet hat. Im Wrack eines solchen Flugzeugs, welches 2004 in Nicaragua abgestürzt war, fand man eine Tonne Kokain.

Auch die Briten sollen während ihrer Stationierung in Afghanistan Kontakte zu Drogenproduzenten und Schmugglern gepflegt haben. Ende 2011 meinte Yousef Ali-Waezi, ein Regierungsbeamter und Berater Karzais, dass britische Soldaten maßgeblich am afghanischen Drogenhandel beteiligt seien. Konkret hob Ali-Waezi hervor, dass die stationierten Briten in Helmand den dortigen Anbau nicht nur tolerierten, sondern auch förderten. Zum damaligen Zeitpunkt wurde allein in Helmand mehr Opium angebaut als in ganz Kolumbien, Marokko oder Burma.

Demnach stammt auch das meiste Heroin auf den Straßen Europas aus dieser Region. Schätzungen zufolge sterben jährlich 100.000 Menschen an aus Afghanistan stammenden Drogen. Das Ganze erscheint in einem besonders zynischen Licht, da Großbritanniens ehemaliger Premierminister Tony Blair einst behauptet hat, dass der Kampf gegen den Drogenanbau einer der Hauptgründe für die Intervention in Afghanistan gewesen sei.

Die durch die Nato an die Macht gelangten Warlords bleiben unantastbar

Der Drogenanbau in Afghanistan wird weiterhin florieren, auch wenn er nach Angaben von UNCTAD in diesem Jahr gegenüber dem Vorjahr um 19 Prozent gesunken ist. Erstmals seit 2009 habe sich die Anbaufläche verringert, Grund für den Rückgang der Produktion um 48 Prozent ist aber offenbar vor allem der von 28.7 kg/ha auf 18.3 kg/ha gesunkene Ertrag pro Hektar, betroffen waren davon vor allem der Süden und Westen Afghanistans. Wie UNCTAD selbst anmerkt könnten auch verbesserte Erhebungsmethoden einen Einfluss gehabt haben.

Bild: UNCTAD

Überraschend wird der weiterbetriebene Opiumanbau aufgrund der gegenwärtigen Verhältnisse vor Ort weiterhin nicht sein – auch wenn westliche Gazetten dies jährlich so darstellen. Da am Anbau jeder profitiert, sind nahezu alle wichtigen politischen Akteure in Afghanistan mehr oder weniger daran beteiligt. Dies betrifft auch die Taliban, die zum gegenwärtigen Zeitpunkt zahlreiche Schmugglerrouten kontrollieren und die Schmuggler für entsprechende Summen passieren lassen.

Zum gleichen Zeitpunkt achten die Warlords, die großenteils in der Regierung sitzen oder andere hohe Ämter bekleiden, weiterhin auf ihre persönliche Bereicherung. Wie in den 90er-Jahren fördern sie auch heute den Opiumanbau maßgeblich. Das Problem ist, dass sie aufgrund der westlichen Unterstützung – durch diese kamen sie überhaupt erst an die Macht – weiterhin unantastbar bleiben werden.

Zudem gewinnt man den Eindruck, dass auch westliche Akteure ein eher profitables Verhältnis zur Drogenproduktion pflegen. Vor allem das Verhältnis der Amerikaner zu den afghanischen Drogen ähnelt jenem in einigen südamerikanischen Staaten. Der Einfluss der genannten Akteure in Afghanistan ist entscheidend und zwingt den einfachen afghanischen Bauer, Opium anzubauen.

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