Dschihadisten: Wirtschaftsminister macht falsches Elitedenken mitverantwortlich

22.11.2015

Der französische Minister Emmanuel Macron sieht in einer Gesellschaft, deren Wirtschaft Mobilität gestoppt hat, einen Nährboden für Abspaltungen und Totalitarismus

"Zumachen und Schützen" lautet die Parole nach den Anschlägen in Paris die Parole mit der größten Resonanz in Europa. Die Gefahr weiterer Terroranschläge bestimmt die nächstliegenden Reaktionen der Staaten. In Brüssel wurde das öffentliche Leben am Wochenende stillgelegt.

Die Terrorwarnstufe wurde auf die höchste Stufe gesetzt. Ministerpräsident Charles Michel erklärte, man habe Informationen erhalten, dass das Risiko eines Anschlages ähnlich wie in Paris bestehe, "möglicherweise mehrere Attentate an mehreren Orten durch mehrere Individuen".

"Seid vorsichtig, geratet aber nicht in Panik"

Die Bedrohung ist abstrakt gehalten, Konkretes wird nicht an die Öffentlichkeit gegeben, aus den bekannten Gründen, durch die Anschläge am 13. November kann sie mit dem höchsten Ernsthaftigkeitsfaktor rechnen - der ab Montag aber mit einem anderen seriösen Gewicht zu tun hat: Das normale Leben in Brüssel, das auch Hauptstadt der EU ist, soll weitergehen. "Wir werden Brüssel ökonomisch nicht lahmlegen", sagte der belgische Justizminister. Heute Nachmittag soll entschieden werden, ob die U-Bahn wieder fahren darf und welche Alarmstufe ab Wochen- und Geschäftsbeginn der Situation angemessen ist.

"Seid vorsichtig, geratet aber nicht in Panik", appellierte der belgische Ministerpräsident Michel an seine Landsleute.

(Ergänzung: Die höchste Terroralarmstufe wird beibehalten, teilte Charles Michel heute Nachmittag mit. Am Montag wird keine U-Bahn fahren, Schulen und andere Einrichtungen bleiben geschlossen. Die Gefahr eines Anschläges ähnlich wie in Paris bestehe weiter.)

Macron: Republikanisch offenes Elitedenken zugrunde gerichtet

Nicht angesprochen hat er einen anderen, psychischen Effekt, der durch die Anschläge in Paris und die darauffolgende unsichere oder verwirrende mitteleuropäische Nachrichtenlage - wie viele Terroristen sind noch flüchtig, wie sicher sind die Grenzen, wer plant zurzeit neue Anschläge, wie ernst sind Anschlagsdrohungen auch auf Deutschland zu nehmen? - verstärkt wird: das Misstrauen.

Es ist ohnehin ein kennzeichnendes Element der derzeitigen gesellschaftlichen Verhältnisse, nicht nur den Verlautbarungen der Politik, der Eliten, den Medien gegenüber, sondern auch Mitmenschen, in denen systemgetreu rasch Konkurrenten gesehen werden. Durch die Terroranschläge hat sich das Misstrauen auf andere, direkte Bedrohungen auf Leib und Leben ausgeweitet, wie auch Polizeialarme zeigen, z.B. in München durch einen Propangasbehälter und verdächtige Personen in einem Hotel oder im Zug in Hannover durch einen Ingenieur, der ein Päckchen vergaß.

Das Misstrauen in der Gesellschaft hat nun der französische Wirtschaftsminister Macron als mitverantwortlichen Faktor für das Gedeihen des Dschihadismus herausgestellt. Seine Äußerungen dürfte manche in Frankreich aufregen. Gegen den augenblickliche Mainstream argumentiert Macron für eine Öffnung der Gesellschaft, besonders auch gegenüber muslimischen Mitbürgern.

Versammlung in Caen, nach dem Anschlag in Paris. Foto: Benoit-caen/CC BY-SA 4.0

Macron sprach das Thema Eliten und Chancengleichheit an und bemerkte, dass "ein Bart oder ein Name mit vielen Konsonanten, der auf einen Muslim schließen lasse, als Vorwand genüge", damit derjenige gegenüber anderen Bewerbern nur ein Viertel der Chancen habe, um ein Bewerbungsgespräch zu bekommen". Die Gesellschaft müsse sich öffnen. Man habe das Elitedenken, das eigentlich "republikanisch offen" angelegt sei, und jedem eine Chance zu Weiterkommen erlaubt habe, zugrunde gerichtet. Die Mobilität der Gesellschaft sei zum Halten gekommen.

Von dieser Situationseinschätzung schlägt Macron die Brücke zum Dschihadismus:

Wir tragen eine Mitverantwortung, weil dieser Totalitarismus sich vom Misstrauen nährt, das wir in unserer Gesellschaft sich einnisten haben lassen. Der Totalitarismus nährt sich von diesem Aussatz, der das Denken der Gemeinschaftsmitglieder spaltet. Wenn wir nicht aufpassen, werden die Spaltungen noch schlimmer.

Freilich betonte er, dass er diese Entwicklungen und Elemente nicht als primäre Ursache des Dschihadismus sehe, da spielten Wahnsinn mit, Totalitarismus und Manipulationen, aber es gebe diesen Nährboden, für den man zuständig sei. Zum Beispiel die Abschottungen und Chancen-Verriegelungen im Wirtschaftsleben.

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