IS: Nicht Moscheen, sondern Freundeskreise sind die Anwerber

26.11.2015

Der Westen muss ein paar Illusionen aufgeben. Sonst überlässt er das "nächste große Ding" Al Furqan Media und Co

Die Radikalisierung geschieht nur selten in Moscheen, erklärt der US-Anthropologe Scott Atran, und noch seltener durch Unbekannte. Zwei Drittel der ausländischen Dschihadisten würden sich dem IS anschließen, weil sie durch Freunde und Altersgenossen, soziale Bezugsgruppen dazu ermuntert würden.

Ein Fünftel würde durch Familienmitglieder auf den Trip gebracht. Einige der Rekruten aus christlichen Familien würden zu den "wildesten Kämpfern" gehören, referierte der Anthropologe, der sich mit Religionswissenschaft beschäftigt und mit der Psychologie von Selbstmordattentätern, aus seiner Arbeit. Sie beruht auf Gesprächen mit Mitgliedern des IS und der Nusra-Friont.

Wie er seine Zahlen ermittelt hat, geht aus der Berichterstattung zu seinem von der UN initiierten Vortrag nicht hervor. Der Independent liefert obendrein zur Veranschaulichung der Zahlen einen Infotainment-Kuchen, der die 100%-Fassung sprengt.

"Pullfaktor wie die französische Revolution"

Aber auch das passt zu seinem Thema, das vorgefertigte Fassungen sprengt. Zahlen bestätigen das Scheitern. Atran führt das am ganz großen Exempel vor: Die Angriffe am 11.09.2001 haben al-Qaida etwa eine halbe Million Dollar gekostet, in den USA habe man seither zwischen 4 und 5 Billionen Dollar für die security response" investiert und man sei "schlechter dran als zuvor". Das ist ein wenig banal für einen Wissenschaftler.

Mudschahedin im Traumland

Allerdings ging es Atran bei seinem Vortrag wohl um mehr als exakte empirische Forschung und da wird es interessant. Er unterstellt zweierlei: Erstens gehe es beim Phänomen IS um einen Pullfaktor, den er der revolutionären Zugkraft während der französischen Revolution im 18ten Jahrhundert, der russischen Revolution Anfangs des 20ten und dem Aufstieg Nazi-Deutschlands gleichsetzt.

Zweitens, so Atran, laufen westliche Konterbotschaften ins Leere. Die Dschihadisten wüssten, wie sie den rebellischen Geist und den Idealismus der Jugend effektiv ansprechen. Das zeige sich im Gebrauch der sozialen Netzwerke, wo 15 bis 24-Jährige geschickt angesprochen würden.

Im Westen habe man bislang kein ebenso wirksames Gegenkonzept entwickelt und solange man sich an Erklärungen wie "Gehirnwäsche" u.ä. für die Attraktion der Dschihadisten-Gruppen begnügt, sei die Gefahr groß, angesichts kommender Generationen auf verlorenem Posten zu stehen.

Die Revolution der Salafisten

Es ist eine ziemlich plakative Rede. Man kann man sich an der Banalität der Aussagen stören. Aber das verstellt möglicherweise den Blick. In Frankreich wird derzeit das Phänomen Salafismus mit einer gewissen Tiefenschärfe debattiert. Es wird unterschieden zwischen quietistischen, dschihadistischen bzw. Takfiri- Strömungen; es gebe deutliche Unterschiede in der Gewaltbereitschaft innerhalb der fundamentalistischen Schulen.

Man erinnert sich an das Bild eines quietistischen Salafisten, der nach den Anschlägen am 13. November, seine Trauer mit der Niederlegung eines Blumengebindes zum Ausdruck brachte. Es gab Reportagen und Berichte aus Zirkeln von salafistischen Kreisen in Frankreich, die sich gegen Pauschalurteile wehrten. Das ist die eine Seite.

Salafi-Humor. Screenshot der Webseite SLF-Magazine

Die andere kam gestern zum Vorschein, als der Dokumentar-Film "Les Salafistes" im französischen TV-Sender iTele vorgestellt wurde. Darin kommen Salafisten aus Nordafrika und aus Mali zu Wort. Der Film ist an Ort und Stelle in mehrjähriger Arbeit entstanden. Die Aussagen der Salafisten, darunter bislang unbekannte spirituelle Wortführer, so der "Maqdisi der Sahara", werden unkommentiert, also ohne Interpretation übermittelt. Auch sie räumen mit Illusionen auf.

In Nordafrika und in den Staaten der Sahelzone hat sich eine revolutionäre Stimmung unter Islamisten breitgemacht, darin lassen die Filmemacher und die Experten keinen Zweifel erkennen.

Der Dschihadismus ist eine Strömung des Salafismus, ihn als bloße Abweichung zu begreifen, der mit dem Salafismus nichts zu tun habe, sei ein Fehler, warnt der französische Dschihad-Experte, Romain Caillet. Man könne die beiden nicht einfach gegenüberstellen.

Man darf sich auch nicht darüber hinwegtäuschen, dass für jede Art salafistischer Strömung gilt, dass die Demokratie eine Häresie ist.

Leben im Actionfilm. Abbildung aus dem IS-Propaganda-Magazin, Dabiq

Herausgehoben wurde von der französische Expertenrunde weiter, dass man zum Beispiel die salafistische Strömung in Tunesien lange unterschätzt habe (vgl. Tunesien: "Weltweit größter Exporteur von Dschihadisten") und gezeigt wurde, wie die neue salafistische Generation einen attraktiven Lifestyle auf der Höhe der Zeit propagiert, westliche Marken, Filme, Trends, neueste Ernährungstipps u.a. werden in die radikale Ideologie eingebaut.

Wie etwa die Webseite eines tunesischen Salafisten, dasSLF-Magazin (mittlerweile vom Netz genommen), vorführt, ist neue Generation der radikalen Fundamentalisten nicht unbedingt von den Abstinenzhaltungen der vorhergehenden geprägt. Die trockene Anti-Terror-Propaganda auf westlicher Seite ist dagegen bieder wie eine Sonntagspredigt aus dem 19.Jahrhundert.

Leben im Kinoplakat. Israfil Yilmaz, der sein IS-Dasein auf Tumblr bewirbt, Q&A Sessions, incl.

710 Videos für die große revolutionäre Familie

Vieles laufe über Familie, Freunde, Gruppen diagnostiziert auch der bekannte, französische Religionswissenschaftler Olivier Roy, der das Phänomen der Radikalisierung mit dem Begriff einer Revolte umschreibt.

Die Terroristen sind nicht Ausdruck einer Radikalisierung der muslimischen Bevölkerung, sondern spiegeln eine Revolte der jüngeren Generation wieder, die eine präzise Kategorie der Jugend anspricht

Das haben die Medienmacher des Islamischen Staates schon vor der Analyse Roys verstanden. Das Medienangebot für diese Jugend, die der Islamische Staat liefert, ist umfassend, wie man sich im Kalifat aktuell rühmt.

Man kann davon ausgehen, dass die 710 Videos, die nach Angaben des IS, im letzten Jahr veröffentlicht wurden, die 1.787 Fotoreportagen und die 14.523 Bilder, ziemlich genau treffen, was sich die Salafi-Fan-Gruppen vom Revolutions-Kalifat erwarten.

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