"Speziell die Öffentlich-Rechtlichen können Druck von außen gebrauchen"

16.12.2015

Fritz Wolf zu seiner medienkritischen Untersuchung für die Otto Brenner Stiftung

Vielen Journalisten und Redaktionen werde es nicht gefallen, aus ihren alten Rollen herausgeholt zu werden, sagt Fritz Wolf im Interview mit Telepolis. Der Journalist, der für die Otto Brenner Stiftung die Studie "Wir sind das Publikum!" ausgearbeitet hat, macht deutlich, dass es bisher in den Medien eine "kommunikative Einbahnstraße" gegeben habe, sprich: Die Medien haben gesendet, die Mediennutzer empfangen. Doch mittlerweile, so erklärt es der Journalist, gibt es "Gegenverkehr." "Das Publikum in seiner neuen Rolle ist da, es bleibt da und es wird sich nicht wieder in seine passive Rolle zurückziehen", sagt Wolf.

In Ihrer Studie schreiben Sie: "Fakt ist: Die Medien und ihr Publikum liegen miteinander im Streit." Wie erklären Sie sich diesen Streit?

Fritz Wolf: Da gibt es mehrere Faktoren. Die Rolle des Publikums hat sich verändert. Über das Internet und die sozialen Medien haben die Mediennutzer ganz andere Handlungsmöglichkeiten im Vergleich zu früher. Heute ist es nicht mehr der Oberstudienrat, der einen Leserbrief schreibt. Jeder hat heute im Internet die Möglichkeit, zu publizieren, was er möchte.

Des Weiteren ist über die Jahre eine gewisse Medienverdrossenheit herangewachsen, die ich auch im Zusammenhang mit einer Politikverdrossenheit betrachte. Die wiederum hängt mit der Politik der großen Koalition zusammen. Und schließlich sind viele Themen umstritten: Die Ukraine-Krise, Griechenland, die Flüchtlingspolitik usw. Die Zahl der Themen, an denen sich die Menschen reiben, nimmt stark zu. Die Medien reagieren darauf nur zum Teil angemessen, teilweise überhaupt nicht oder zu wenig.

Nun heißt Ihre Studie ja "Wir sind das Publikum!", das heißt: Sie sprechen im Titel bereits das neue Selbstbewusstsein an, über das die Rezipienten von heute verfügen. Wie gehen die Medien mit diesem Verhalten um?

Fritz Wolf: Ich würde in diesem Zusammenhang das Wort Rezipienten nicht nutzen. Wir beobachten ja gerade, dass das Publikum, der Zuhörer, der Zuschauer, der Leser, stärker aktiv wird und vom bloßen Rezipieren hin zum Teilnehmen geht und wir sehen, wie die Medien damit umgehen.

Aber noch ein Wort zu der Formulierung die Medien. Die Medien gibt es nicht, so wenig wie es das Publikum gibt. Es gibt verschiedene Medien, die auch unterschiedlich auf die neue Situation reagieren. Mein Augenmerk innerhalb der Studie lag auf den öffentlich-rechtlichen Medien.

Dabei habe ich festgestellt, dass vor allem die Fernsehsender politisch zu langsam und zu ungeschickt agieren,, im Umgang mit dem sich stärker einmischenden Publikum noch nicht wirklich geübt sind. Natürlich sind die Sender ständig mit dem Publikum beschäftigt, Stichwort: Quoten! Aber sie haben es noch nicht wirklich geschafft, die Zuschauer, die Zuhörer nicht nur als Konsumenten, sondern als Staatsbürger wahrzunehmen. Da dürfte noch einiges an Arbeit auf die Sender zukommen.

Gilt das für alle öffentlich-rechtlichen Sender?

Fritz Wolf: Man muss differenzieren. Die ARD-Tagesschau hat einen sehr lebendigen Publikumskontakt. Die Redaktion bekommt tausend Mails am Tag. Neue Berufe entstehen: Social-Media-Redakteure und Multimedia-Redakteure. In anderen Redaktionen bewegt sich im Zusammenhang mit dem Publikum deutlich weniger.

Es gibt oft absurde Vorstellungen bis hin zu Verschwörungstheorien

Bleiben wir mal bei der Partizipation und beim Mediennutzer, der sich einmischt. 
Wenn man sich die Kommentare in den Foren der großen Medien anschaut, ist immer wieder ein ziemlicher Unmut festzustellen. Können manche Medien mit der geäußerten Kritik nicht wirklich konstruktiv umzugehen?

Fritz Wolf: Alle müssen dazu lernen. Die Entwicklung, über die wir hier sprechen, hat sich zwar nicht von heute auf morgen ergeben, ist aber doch medienhistorisch gesehen eine sehr neue Situation. Bisher hatten wir eine kommunikative Einbahnstraße - hier senden, da empfangen. Da herrscht jetzt plötzlich Gegenverkehr. Die Sender und Redaktionen sind das nicht gewohnt. Sie müssen lernen, damit auf eine konstruktive Weise umzugehen.

Sie dürfen sich natürlich auch nicht verrückt machen lassen von den vielen unangenehmen Begleiterscheinungen, denken Sie an Hassmails und Trolle. Aber die Redaktionen müssen das lernen, um verlorenes Vertrauen wenigstens zum Teil wieder zurückzugewinnen.

Wie könnten die Medien das tun?

Fritz Wolf: Bei allen Beteiligten müssen sich Haltungen ändern. Die Sendern müssen lernen, stärker auf das Publikum zuzugehen. Formate wie der ARD-Check oder der WDR-Check sind vielleicht ein erster Schritt, aber sie sind nicht ausgereift. Das wirkt sehr zögerlich, ängstlich und von oben herab. Aber immerhin sind solche Formate schon mal ein Signal. Die Sender müssen sich aber Formate einfallen lassen, die es ihnen erlauben, besser als bisher mit ihrem Publikum ins Gespräch zu kommen und im Gespräch zu bleiben.

Wichtig ist die Ebene der Medienpolitik. Ich schlage vor, dass man sich an der Schweiz ein Vorbild nimmt und bei allen Sendern Ombudsleute einsetzt, die als unabhängiger Kontakt zwischen Sendern und Publikum fungieren können. In ihren Leitlinien sollten die Sender die Entwicklung der Beziehungen zum Publikum explizit als Aufgabe formulieren. Das ist bisher nicht der Fall.

Das sagt dann ja auch einiges über das Selbstverständnis dieser Medien. Gehandelt wird nach dem Motto: Wir senden und damit hat es sich.

Fritz Wolf: So war es es ja auch in den letzten 50 bis 100 Jahren. Das ändert sich jetzt.

Wie sieht es mit den Mediennutzern aus?

Fritz Wolf: Ein taz-Kollege, der sich selbst als User sah, hat zu der Berichterstattung über die Attentate in Paris mal den Spieß umgedreht und geschrieben, sie, die User, sollten sich selbst im Umgang mit den Medien qualifizieren. Die User sollten sich selbst darüber informieren, wie Medien überhaupt arbeiten. Hier gibt es oft absurde Vorstellungen bis hin zu Verschwörungstheorien. Es fehlt an Verständnis darüber, wie Medien funktionieren.

In Ihrer Studie schreiben Sie, dass bestimmte Themen auf eine sehr einseitige Art behandelt werden. Sie erwähnen beispielsweise den NSU. Diesbezüglich seien die Medien zu sehr der staatlichen Lesart gefolgt. Sie führen eine Studie der Otto-Brenner-Stiftung von Virchow/Thomas/Grittmann aus dem Jahr 2015 an und schreiben: "Es zeigte sich, dass angebliche Erkenntnisse der Ermittlungsbehörden und die Interpretation des Geschehens durch die Polizei weitgehend unkritisch übernommen wurden."

Das Publikum wird sich nicht wieder in seine passive Rolle zurückziehen

Fritz Wolf: Nicht nur in Sachen NSU ist eine einseitige Berichterstattung zu erkennen. Nehmen Sie die Berichterstattung zu Griechenland. Viele Wirtschaftsjournalisten sind neoliberal ausgebildet und denken so. Das muss man natürlich kritisieren, das gehört zum politischen Meinungskampf.

Und an dieser verengten Berichterstattung stößt sich der Mediennutzer.

Fritz Wolf: Ja, natürlich. Das merke ich, das merken Sie, das merken viele andere.

Nochmal zum konstruktiven Weg. Wie kann das Verhältnis zwischen Medien und Mediennutzern verbessert werden? Sie haben bereits das Beispiel der Ombudsleute gebracht.

Fritz Wolf: Das ist ein Beispiel. Ombudsleute könnten tatsächlich eine Schlüsselfunktion zwischen Sender und Publikum einnehmen. Sie könnten auch dafür sorgen, dass die Sender aus ihrer Verteidigungsposition und ihrer Angst vor Medienkritik herauskommen.

Es gibt aber auch andere Formen, mit seinem Publikum in Kontakt zu treten. Die Schweizer TagesWoche, eine kleine linke Zeitung, hat im vorigen Jahr ein schönes Experiment gemacht. Sie hat ihr Publikum zum Dialog aufgefordert. Unter der Überschrift "Das Publikum weiß mehr als wir" hat die Redaktion fünf Thesen formuliert. Gemessen an den Verhältnissen dieses kleinen Blattes gab es eine enorme Reaktion des Publikums und eine spannende Diskussion. Es konnten natürlich nicht alle Probleme gelöst werden, aber es wurde deutlich, was die Leser über Medien denken, was sie sich von ihnen wünschen, was sie nicht bekommen. Das war sehr viel qualifizierter als das, was ARD-Check oder WDR-Check geliefert haben.

Formate, die eher etwas von einer Show-Veranstaltung hatten, oder?

Fritz Wolf: So kann man das sehen. Jedenfalls: Die Sender müssen auf eine interessante und kluge Weise auf ihr Publikum zugehen. Das Beispiel mit der TagesWoche habe ich auch in der Studie erwähnt, um aufzuzeigen, dass man die Diskussion mit dem Publikum durchaus konstruktiv und intelligent führen kann.

Natürlich wird es vielen Journalisten und Redaktionen nicht gefallen, aus ihrer alten Rolle herausgeholt zu werden - auch in ihren Überzeugungen, die Wahrheit gepachtet zu haben und die Gatekeeper der Informationen zu sein. Aber es wird ihnen nichts anderes übrig bleiben. Sie müssen sich damit beschäftigen. Das Publikum in seiner neuen Rolle ist da, es bleibt da und es wird sich nicht wieder in seine passive Rolle zurückziehen.

Insofern gibt es eben auch ein Feld der Auseinandersetzungen, zwischen Neuankömmlingen und Alteingesessenen. Es geht auch um die Frage, wie viel Autorität die Medien noch besitzen. Und da beobachte ich, dass es einen gewissen Autoritätsverlust gibt. Der trifft die Medien auch ökonomisch. Es ist schwer zu sagen, wie diese Entwicklung weitergehen wird. Klar ist nur: Einen Weg zurück zu den "guten alten Zeiten", wo die Medien alles wissen und das Publikum den Medien zu glauben hat, wird es nicht geben.

Klingt das pessimistisch?

Fritz Wolf: Nein, ich bin gar nicht pessimistisch. Ich glaube, wir können einen Lernprozess beobachten, der gerade erst angefangen hat. Die Medien werden lernen, mit der neuen Rolle des Publikums umzugehen. Das Publikum lernt gerade, dass es von den Medien etwas verlangen und auch tatsächlich erreichen kann. Am Ende steht dann etwas, wie Dialog, und vielleicht partiell so etwas wie Partizipation, jedenfalls ein anderes Verhältnis zu Medien und Medienpolitik als das Verhältnis, das wir die letzten 50 Jahre hatten.

Anregungen dazu gebe ich in meiner Studie. Beispielsweise könnte man prüfen was sich auf dem Feld des Politischen tut, in der Stadtplanung etwa oder der kommunalen Finanzplanung. Hier gibt es Wege der Partizipation, geglückte und misslungene, von oben, also von der Verwaltung gesteuert oder von unten, durch Bürgerinitiativen gesteuert.

Warum soll das bei den Medien nicht auch versucht werden? Gerade letzteres scheint mir wichtig. Ich glaube, speziell die Öffentlich-Rechtlichen können Druck von außen gebrauchen, damit sie sich bewegen.

Ich bin kein Freund der Anonymität

Sie haben vorhin auch Hassmails und Trolle angesprochen. Was halten Sie davon, dass Redaktionen darauf drängen, User nur noch mit ihrem Klarnamen freizuschalten?

Fritz Wolf: Ich befürworte das. Ich selbst diskutiere mit niemandem, der mir seinen Namen nicht sagt.

Aber ist das nicht gerade im Rahmen der Internetöffentlichkeit ein Problem? Nehmen wir an, ein Mediennutzer gibt ein politisches Statement unter seinem Klarnamen ab. Dies kann dann überall im Netz eingesehen werden und mit ihm, mit seinem Namen, in Verbindung gebracht werden.

Fritz Wolf: Dann muss das Statement halt so formuliert sein, dass es haltbar ist. Gut, wenn jemand im Lauf der Zeit seine politischen Auffassungen ändert, kann das ein Problem werden. Aber es ist auch ein Problem, wenn man sich hinter Pseudonymen versteckt. Das Schreiben unter Pseudonymen hat Tür und Tor für ein unzivilisiertes Verhalten geöffnet, das man unter normalen Bedingungen seinem Gegenüber nie an den Tag legen würde.

Das ist sicherlich richtig. Aber nochmal: Man muss sich überlegen, was es heißt, wenn man von jedem Mediennutzer, der in einem Forum etwas posten oder kommentieren möchte, seinen Klarnamen verlangt. Die Öffentlichkeit des Internets ist weitreichend. Wenn früher ein Leser einen Leserbrief an seine Lokalzeitung geschickt hat und der Brief abgedruckt wurde, dann war sein Name in aller Regel nur einmal im Zusammenhang mit dem, was er geschrieben hat in einem begrenzten öffentlichen Raum, den seine Lokalzeitung herzustellen vermochte, zu vernehmen. Eine Einlassung im Internet ist hingegen auch noch nach vielen Jahren für jeden einsehbar.

Fritz Wolf: Da haben sie sicherlich völlig Recht. Das kann ein Problem sein. Es muss aber eben auch gesagt werden, dass der Umgangston grob, obszön und unanständig geworden ist. Das sind alles ungeklärte Fragen. Ich bin jedenfalls kein Freund der Anonymität.

Dass der Ton die Grenzen des Anstandes überschreitet ist nicht zu bestreiten. Ist es aber nicht so, dass Medien Hassmails und Trolle vielleicht auch ganz gelegen kommen? Man schiebt die Hassbotschaften etc. vor, stellt sie in den Vordergrund, bauscht sie auf, und verdeckt dadurch die Tatsache, dass es neben den vielen schlimmen Mails und Äußerungen, aber auch reichlich fundierte, kluge und im positiven Sinne: kritische Kommentare gibt.

Fritz Wolf: Genau darauf will ich ja auch mit meiner Studie hinaus. Die Redaktionen sollen sich nicht blockieren lassen durch Hassmails und Trolle. Ich kann gut verstehen, dass es nicht einfach für die Kollegen ist, wenn sie unflätig beschimpft werden. Mag auch sein, dass der eine oder andere vielleicht auch versucht, mit Hassmails und Trollen Politik zu machen, um so berechtigte Ansprüche des Publikums abzuwehren. Bei den Öffentlich-Rechtlichen sehe ich das nicht, zumindest nicht in bedeutendem Maßstab. Es geht jedenfalls darum, dass die Redaktionen das demokratische Potenzial wahrnehmen und nutzen, das in dieser neuen Form von Medienkritik auch liegt - wozu eigentlich die Öffentlich-Rechtlichen auch verpflichtet sind, schließlich werden sie aus der Haushaltsabgabe bezahlt.

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Hg. Florian Rötzer
Medien im Krieg
Krise zwischen Leitmedien und ihren Rezipienten
Als eBook bei Telepolis erschienen

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