Real Virtuality

20.12.2015

Eine neue Ära der islamistischen Propaganda

Dezember 2015, Syrien: ein etwa elfjähriger Junge läuft mit einer automatischen Pistole im Anschlag zu bedrohlicher grollenden Klängen durch eine antike Ruinenstadt. In hochauflösenden Breitwandbildern entfaltet sich das Geschehen. Gehetzt späht der Junge in Eingänge und Fenster, bis er in der Dunkelheit fündig wird: Gefesselt sitzt ein junger Mann auf dem Boden. Herzschläge erklingen auf der Tonspur. In einem kleinen Insert sehen wir den Mann vor einer weißen Wand sprechen, eine Botschaft in arabischer Sprache.

Dann legt der Junge an und drückt ab. Der Mann fällt zur Seite weg und liegt mit blutender Kopfwunde auf dem Boden. Der Junge schießt ein zweites Mal. Stoßweise atmet das Opfer, die Augen flirren. Selbst als die dritte Kugel den Schädel endgültig aufsprengt, ist dieses Flirren nicht verschwunden. Blut rinnt aus den Tränenkanälen. Mit diesem am 7. Dezember 2015 im Internet verbreiteten Propagandafilm über die Ausbildung kindlicher Rekruten durch den "Islamischen Staat" erreicht die Inszenierung von realen Hinrichtungen in Hochglanzoptik eine endgültige Stufe der Drastik - und zu diesem Zeitpunkt ist der Film erst zur Hälfte absolviert.

Bereits Anfang Februar 2015 veröffentlichte die Terrormiliz des "Islamischen Staates" im Internet ein Video, das die Lebendverbrennung des gefangenen jordanischen Kampfpiloten Maas al-Kassasbeh zeigt. Wie die anderen IS-Opfer zuvor, trägt auch er eine symbolträchtige Kleidung: den ikonischen orangenen Overall, wie er von den Gefangenen der Gefängnisse von Abu Ghraib und Guantánamo Bay bekannt ist.1

Zunächst läuft er wie betäubt durch das Militärlager, in dem schwarz-maskierte IS-Kämpfer Aufstellung genommen haben. Man sieht in einer Montage Opfer von Bombardierungen aus Syrien, die offenbar als Rechtfertigung für die folgende Hinrichtung dienen sollen. Dann wird ein schmaler Stahlkäfig herantransportiert. Auf der Tonspur wird in unermüdlicher Folge ein melodiöser, sakraler Gesang skandiert. In der finalen Sequenz des Videos befindet sich der Gefangene in diesem Käfig ohne Tür. Wir sehen, dass er mit Benzin oder anderem Brandbeschleuniger getränkt ist, der als Spur vom Käfig weg führt.

Spätestens an dieser Stelle wird die Inszenierung für einen reflektierten Betrachter zusätzlich irritierend, denn nun bemüht sich die Inszenierung um eine Spannungsinszenierung gemäß den Konventionen des narrativen Spielfilms: Ein maskierter Mann mit einer brennenden Fackel nähert sich - der Henker. Auf der Tonspur hören wir Herzschläge. Die Musik ist verstummt.

In Zeitlupe nähert sich der Henker der Benzinspur vor dem Käfig und setzt diese in Brand. In quälender Langsamkeit breiten sich die Flammen über den Boden aus und entfachen schließlich den Körper des Gefangenen im Käfig, dem Fassungslosigkeit ins Gesicht geschrieben ist. Sehr schnell hüllt ein Feuerball den zuckenden Mann ein, wozu wir wieder den bekannten Gesang hören. Während der Minuten, in denen der Körper verbrennt, das Fleisch förmlich schmilzt und verkohlt, werden arabische Schrifttafeln eingeblendet. Nach der Verbrennung wird der Käfig von einem Bauvehikel überrollt.

Was an diesem Video so schockiert, ist nicht nur die minutiöse Drastik, mit der ein qualvolles Sterben betrachtet wird, sondern die schamlos ausgestellte Inszenierung dieses Geschehens, das sich eines realen Todes bedient, um ein Höchstmaß an Spannung und Aufregung im Publikum zu evozieren - und damit zugleich eine deutlich formulierte Botschaft zu propagieren. Das Verbrennungsvideo des IS ist Propagandafilm, Musikvideo, Werbeclip und Snuff-Film in einem.

Wie eine zynische Gegennarrative zum konventionellen Hollywoodkino benutzt es dessen seduktive Mechanismen (Verlangsamung, Melodramatisierung, Retardierung, Exzess, Spektakel), um sein ideologisch geneigtes Publikum zu vereinnahmen, und das feindliche Publikum in ein Höchstmaß an Schrecken zu versetzen.2 Hierbei ist sowohl die Identifikation mit den Tätern als auch dem Opfer möglich und gewünscht - eine Mehrfachcodierung, die im fiktionalen Kino ein Ambivalenzerlebnis garantiert, hier aber als kalter Zynismus entlarvbar wird.3

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