Die Polis und wir

25.12.2015

Nach 11/13 werden die Freiheiten des Bourgeois beschworen, aber kaum die politische und geistige Reife: Kopfkratzen mit Rousseau

Wir sehen dem Terror ins Auge. Europa ist anders seit dem 13. November, es wird niemals mehr dasselbe sein. Bleiben wir denn etwa dieselben? Normalität, Sicherheit und Staatlichkeit lassen sich nicht herbeibomben, das lehren uns die Irrtümer unserer eigenen, der westlichen Politik. Insofern sind die Berliner Loyalitätsbekundungen, die geradewegs in einen neuen Krieg führen, geradewegs verkehrt, aber zusätzlich bigott.

Die neuen Kriege mit bundesdeutscher Beteiligung à la Afghanistan bedeuten nicht Friede auf Erden, im Gegenteil, sie produzieren neue Wellen von Hass, Flucht und Vertreibung und haben uns im Endeffekt das beschert, was wir gerade erleben. Und wir sind gerade dabei, die Aushöhlung unserer Demokratie Schritt für Schritt zu billigen; das gespenstische Gesicht des Terrors und die permanente Berieselung durch Expertenstimmen, TV-Talk-Runden und eine geölte Polit-PR-Maschinerie tun ein Übriges, um uns auf Spur zu bringen oder zu halten.

Europa ist am Ende, wenn wir den Kalaschnikows nicht mehr entgegenzusetzen haben als Radaraufklärung, noch so gut gemeinte Trauerrituale, verlogene Durchhalteparolen und ansonsten Unterwerfung unter eine unaufgeklärte Politik, die es sich leistet, uns zynisch wie Unmündige zu behandeln. Aber wir sind auch nicht lediglich darum "frei", um jederzeit ins Café oder Fußballmatch unserer Wahl gehen zu können; wir sind Bürger und Teilhaber der Polis, einer Polis, die immer stärker zusammenwächst und die uns etwas abverlangt, wenn sie eine Zukunft haben soll. Dieses "Etwas" sollte aber nicht falsch verstandene Loyalität sein. Es hat etwas mit Mündigkeit zu tun.

Wie dachte Rousseau?

Sehen wir uns das mal etwas näher an.

Jean-Jacques Rousseau (1712-1778), der übrigens im Pariser Panthéon, der nationalen Ruhmeshalle der französischen Republik, seine letzte Ruhestätte fand, beklagt im Contrat Social (Le contrat social, 6. Kapitel, 1. Buch) das politische Selbstverständnis seiner Zeitgenossen: Die Leute, so Rousseau, verwechselten Stadt (Ville) und Polis (Cité), Städter (Bourgeois) und Bürger (Citoyen).

Das trifft es ziemlich genau: Auch wir erleben Städter, aber wir vermissen Bürger. Was zeichnet einen Bürger (den Citoyen) aus, im Unterschied zum Städter? Lassen wir Rousseau das selbst erklären:

Der Citoyen ist ein höchst politisches Wesen, das nicht sein individuelles Interesse, sondern das gemeinsame Interesse ausdrückt. Dieses gemeinsame Interesse beschränkt sich nicht auf die Summe der einzelnen Willensäußerungen, sondern geht über sie hinaus.

Jean-Jacques Rousseau: Le contrat social

Nennen wir ihn, diesen Citoyen, ruhig "den aufgeklärten Europäer". Sein Handlungsraum, die Polis, wird idealerweise bevölkert von Wesen mit einem klaren Bewusstsein ihrer Rechte und Pflichten, schlicht gesagt mit einer Haltung; auf jeden Fall aber mit dem Anspruch auf eine mehr als bloß private Sittlichkeit, eine mehr als bloß individualistische Freiheit.

Freiheit - oder Freizeit?

Wo steckt er, dieser aufgeklärte Homo politicus? Wohl gibt es den Vorzeigebürger, der in Expertenrunden sitzt (sehr gefragt: der Terror-Experte), es gibt die üblichen Interessenvertreter und Lobbyisten aus Politik, aus Verbänden und Kommerz, sicher, es gibt Journalisten, berufsmäßige Analysten und Kommentatoren, aber wir vermissen den eigentlich politischen Menschen, den Selbstdenker, den mündigen Bürger, den Citoyen, der sich seiner bürgerlichen Rechte und Pflichten bewusst ist: Den tragenden Teil der Community, so, wie Jean-Jacques Rousseau ihn sah.

Geht es uns um die politischen Freiheiten, oder einfach um die banalen Freiheiten des Alltags? Denn, leider - bis auf martialische Gestik und vielleicht noch verständlichen Symbolismus ist wenig an intelligentem Austausch und substanzieller Solidarität zu finden im winterlichen Europa. Leider obsiegen auch wieder die Nationalismen.

Im Fernsehen begucken wir Menschen, die die Marseillaise singen, aufgedrehte Medien servieren uns Interviews mit Passanten direkt von europäischen Straßen und Plätzen, auch aus deutschen Metropolen; nach 11/13 wurden wir mit Statements berieselt, in denen vor laufender Kamera von Verbundenheit und Zusammenrücken die Rede war. Vehement werden nach Paris aber hauptsächlich die Freiheiten des Städters (Bourgeois) beschworen, auffällig selten dagegen die politischen und geistigen Freiheiten des Bürgers (Citoyen).

Aufklärung! Aufklärung?

Ja, leider: Es geht höchst unpolitisch weiter. Und jetzt, fügen wir uns zu allem Überfluss auch noch in die Rolle von bereitwilligen Waffenbrüdern. Jetzt, in den "umsatzstarken Wochen", sind wir schließlich alle abgelenkt, sind uns einig im eingeübten Rollenklischee, funktionieren als Konsumenten in einer allerdings immer grotesker werdenden Feierlaune. Die Tornados stehen derweil in den Startlöchern, sie dienen der "Aufklärung", wie man uns sagt. Was für ein Treppenwitz!

Die hoch technisierte Aufklärung im Kriegsgebiet erfüllt die Aufgabe einer möglichst präzisen Zielerfassung, damit wird "Aufklärung" zu einem unmittelbaren Teil des Kampfgeschehens im zerfallenden Staatsgebilde namens Syrien.

Aufklärung! Der globale Terror der Unaufgeklärten ist längst Teil des Alltags geworden, unseres Alltags. Unser Alltag, der sollte aufgeklärt sein! Nach Paris horchen wir auf, ja. Aber wir ge-horchen nicht blindlings! Wo trotzt jemand der politischen und diplomatischen Konzeptionslosigkeit, demonstriert gegen kulturelle Beschränktheit in diesen Tagen? Warum ertönt kein lauter Schrei nach vertrauenswürdiger politischer Verantwortlichkeit, nach staatskluger Praxis in dieser Zeit der Halbherzigkeit, der vorsätzlichen Lügen, der billigen Appelle und faulen Kompromisse?

Friede auf Erden?

Kalaschnikows sind ungeeignet im interkulturellen Prozess, aber halbherzig vertretene Werte und bloß rührselige ebenso wie auch zynisch-orwellsche Rituale sind es auch. Friede auf Erden? Weihnachten war immer schon ein abergläubisches Fest, das mit echten Werten und Überzeugungen nicht viel am Hut hat - beseelte Atempause im öden Weltgetriebe. In Wahrheit scheinfrommes Brauchtum ohne sittliche, kulturelle oder gar spirituelle Kraft. Aus den seligen Feiern entfaltet sich nie ein widerständiger Geist, ein Ethos, eine Kraft zu wirklicher Veränderung. Alles bleibt beim Alten.

Was nicht hilft noch tröstet, sind die automatischen Riten und kindischen Märchen an Tagen wie diesen. Ja, wir sollten jeden gehaltlosen Tröstungsversuch entschieden zurückweisen. Kluge, vorausschauende Politik wäre ein Erfordernis, Verstand und Reife wären gefordert, die souveräne Kraft wirklicher Werte - nicht irgend ein müder oder kruder Abklatsch, nicht die billigen Ausflüchte im religiösen oder - gleich gefährlich - im patriotischen Gewand.

11/13 kann uns wachrütteln. Wir sind schließlich gemeint.

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