Der künftige Strom-Markt - ein Automaten-Casino?

27.12.2015

Einzelne Entwicklungen im Energiemarkt zeigen ihren Sinn und Zweck erst im größeren Zusammenhang

Obwohl die Mehrheit der Bevölkerung die Installation eines Smart Meters für ihren privaten Stromverbrauch ziemlich einmütig ablehnt - und obwohl auch viele Stromversorger nur wenig Vorteile in einer sekundengenauen Verfügbarkeit der Verbrauchsdaten ihrer Privatkunden sehen, wird das Ziel, die Smart Meter flächendeckend zu installieren, dennoch unentwegt weiterverfolgt.

Dem Hintergrund für Maßnahme lässt sich auf die Spur kommen, wenn man beachtet, dass sich in Folge der im Jahre 1998 begonnen Liberalisierung des Strommarktes eine Aufspaltung der Stromversorgung in zwei Ebenen ergeben hat. Auf der einen Seite sind die Stromerzeuger, die Netzbetreiber und die Kunden, die einen physikalischen Strombedarf haben. Auf der anderen Seite ist der Stromhandel, der davon ausgeht, dass Deutschland eine Kupferplatte ist und Strom verlustlos und ohne Transportengpässe zwischen Stromerzeugern und Endverbraucher transportiert werden kann.

Die Idee vom Europäischen Binnenmarkt folgt dieser Vorstellung gerne auch für die gesamte Union. Der Preis für Strom bildet sich in der Folge gleichmäßig über den gesamten Markt ohne Rücksicht auf spezifische regionale Besonderheiten. Mit den geforderten Stromautobahnen zwischen Nord- und Süddeutschland sucht man der Idee der Kupferplatte für den schnellen Stromaustausch zwischen den windenergiereichen Regionen Norddeutschlands und den künftig nicht mehr von den dortigen Kernkraftwerken versorgten Verbrauchszentren Süddeutschlands ein wenig näher zu kommen.

In der Praxis wird der Strompreis dann doch wieder regional differenziert. Dies geschieht über die sogenannten Netzentgelte, mit welchen die Endverbraucher für den Netzbetrieb und -ausbau in ihrer Region bezahlen. Auch der regionale Kraftwerkszubau wirkt sich preistreibend und dabei umso stärker aus, je dünner das Versorgungsgebiet besiedelt ist. Wir haben es im Strommarkt inzwischen faktisch mit zwei Märkten zu tun, der regionalen physikalischen Bereitstellung von Strom für die realen Stromverbraucher und dem Händlermarkt auf der virtuellen Kupferplatte.

Stromhandel als automatisiertes Casino

Im Handelsbereich tendiert die Entwicklung hin zu immer kurzfristigeren Kontrakten. Waren die Ein-Stunden-Kontrakte in der Vergangenheit die kürzesten handelbaren Verträge, so wurden vor vier Jahren die ersten 15-Minuten-Kontrakte handelbar, die zwei Stunden vor dem Lieferzeitpunkt der jeweils zugrunde liegenden Stunde öffnen und 45 Minuten vor dem Start des Lieferzeitpunkts der Viertelstunde schließen. Inzwischen gehen die Überlegungen hin zu 5-Minuten-Kontrakten, mit welchen man kurzfristige Änderungen im Stromangebot infolge des Ausbaus der Erneuerbaren besser berücksichtigen will.

Eine Herausforderung bei den reduzierten Kontraktzeiten liegt in der Bewältigung der immer größeren Anzahl von einzelnen Kontrakten, die gehandelt werden. Aus einem einfachen Vorzeichenfehler wird im Ergebnis schnell ein sechsstelliger Verlust. Und dies geschieht nicht so selten wie erhofft. Da kein Handelsunternehmen sich die für den immer schnelleren Handel benötigte zusätzliche Zahl von qualifizierten und zuverlässigen Händlern leisten will, werden immer mehr Handelsaufgaben von Algorithmen übernommen. Somit wird der Stromhandel zunehmend automatisiert.

Der Idee von einem möglichst liquiden Markt folgend, sucht man im Stromhandel eine Churn-Rate von 20 zu erreichen - d.h. der Strom wechselt zwischen Erzeuger und Verbraucher zwanzigmal den "Eigentümer". In diesem Handelsumfeld wird die Verfügbarkeit stabiler und effizienter Algorithmen sowie leistungsfähiger Rechner und entsprechende finanzielle Mittel für den Erfolg zunehmend wichtiger. Damit besteht die Möglichkeit, dass wendige Finanzinvestoren künftig den Strommarkt stärker dominieren als die alteingesessenen Stromversorger.

Der Smart Meter als automatisierte Datenquelle

Im Zusammenhang mit den automatisierten Handelsgeschäften macht die ebenfalls automatisierte kurzfristige Datengewinnung und Informationsbereitstellung dann durchaus Sinn. Je genauer die Daten erfasst und ihre weitere Entwicklung vorausgesehen werden kann, desto größer die Chancen, dass man den erwünschten Profit aus seinem Kontrakt zieht. Die für die spezifischen Prognosen benötigten Daten muss irgendjemand in das System eingeben und da erscheint es für die Marktbeteiligten durchaus sinnvoll und nützlich, die Aufgabe erst einmal den privaten Haushalts-Stromkunden zuzuordnen und auch den Aufbau der für die Übermittlung der Datenströme benötigten Infrastruktur hinsichtlich der Kosten den privaten Endkunden zuzuordnen. Diesen verkauft man derweil die Illusion, von möglichen Schnäppchen beim Stromeinkauf für die nächste Ladung Kochwäsche und dem optionalen Komfortgewinn, wenn der aus der Ferne seinen aktuellen Stromverbrauch zuhause auf dem Smartphonedisplay ablesen kann.

ACER als neue EU-Aufsichtsbehörde für den Stromhandel im Binnenmarkt

Damit sich mit den steigenden Handelsfrequenzen kein unkalkulierbares Risiko für die Sicherheit der Stromversorgung entwickelt, will die EU hier künftig regulierend eingreifen. Dafür hat man 2010 in der slowenischen Hauptstadt Laibach die Agency for the Cooperation of Energy Regulators (ACER) gegründet. Sie soll sicherstellen dass aus dem Stromhandel in Zukunft kein reines Automaten-Glücksspiel wird, das niemand mehr nachvollziehen kann.

Seit dem Herbst 2015 müssen alle Handelskontrakte im Strombereich an ACER geschickt werden. Dort sollen sie gesammelt und ausgewertet werden. Anschließend sollen auf der Basis der Informationen, die aus den übermittelten Verträgen gewonnen werden Vorschläge für eine weitere Regulierung des Strommarktes an die EU-Kommission geschickt werden. Künftig soll dann auch der Gasmarkt auf den gleichen Weg wie der Strommarkt geführt werden.

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