Worauf die Welt gewartet hat

29.12.2015

Gibt es eine neue Form von Demokratie? — Und ist sie wirklich das, was man mit dem Namen "Klickokratie" bezeichnet?

Zunächst mal ist das Wort — "Klickokratie" —gewiss nicht neu. Es ist sogar schon bis nach Schweden durchgedrungen, siehe hier. In Holland war es 2012 noch neu. In Deutschland ist "Klickokratie" im Jahr 2015 präsent, aber ungeliebt.

Jedoch, dass die Klickokrateure sich selber als das total Gelbe vom Ei feiern, nimmt tatsächlich langsam überhand. (Was ein "Klickokrateur" sei, weiß Google indessen noch nicht so recht und fragt zurück: "Klitschko? Küchenkräuter?")

Also nehmen wir z.B. eine Körperschaft wie die "Avaaz"-Organisation, die schon in der oben verlinkten niederländischen Quelle aufscheint. "Avaaz" — ausgesprochen wie das Deutsche "Ach, was!" — ist ein persisches Wort für "Stimme" und erinnert damit ein wenig an den Namen der alten kommunistischen Zeitung "Our Voice": "(Unsere) Stimme." Wessen Stimme hier im konkreten Fall gemeint sei, war mir zunächst nicht sonderlich klar.

Es kam mir aber vor wie eine Form unlauterer Anmaßung, ein Reisen unter falscher Flagge, so wie die "National-Sozialisten" sich einst auch eben unter der Bezeichnung "Sozialisten" an die deutsche Arbeiterklasse anbiederten, die sich zum Teil eher als Teil der sozialistischen "Internationale" empfand. Ein Täuschungsmanöver der Nazis, das aber große Zahlen brachte — große Wählerbeteiligung.

"Our Voice" hat, als sozialistischer Markenname, auch im Westen, eine lange und durchaus ehrenwerte Tradition.

Aber gut, ich will nicht unbedingt bei jeder Gelegenheit die Nazi-Keule schwingen, umso mehr, als ja viele Leute heutzutage durchaus auf Nazi stehen (oder auf Nazi-Ästhetik) und sich gar nichts weiter dabei denken —siehe die schicken SS-Uniformen, und die Linie, die man durch "Hugo Boss" bis direkt zu "Darth Vader" ziehen kann.

Also dachte ich, vielleicht handelt es sich bei "Avaaz" lediglich um eine in den USA beheimatete Baha’i-Organisation. Oder etwas in dieser Art. Gebildete, moderne Menschen mit einer gewissen Menge an flüssigem Geld. Schließlich muss das Betriebskapital ja von irgendwo her kommen, selbst für völlig überzogene Projekte, wie z. B. die hängenden Gärten von Semiramis, will sagen, von Haifa. Hier ein You-Tube Filmchen dazu.

Wie auch immer: Warum ich diese Organisation und andere ihrer Art als "Klickokrateure" bezeichne, hängt damit zusammen, dass sie sich in unregelmäßigen Abständen bei einem melden, und einen auffordern, zu einem weltbewegenden Thema seinen "Klick" abzugeben, also: Name, Email-Adresse und möglicherweise auch eine Geldspende.1

Avaazer und Avaazerinnen

Vor nicht allzu langer Zeit schrieb mir eine der gesichtslosen Avatare dieser Körperschaft — obwohl "Avaaz" ja kaum greifbar ist, daher eher als ektoplasmatische Maske, denn als echte Körperschaft zu bezeichnen — es schrieb mir also die vermutlich weibliche Echtperson Emma Ruby-Sachs: "Dies ist der Moment, auf den unsere Welt gewartet hat" — das klingt doch nach Baha’i, oder? Jedenfalls religiös - quasi-religiös.

Aber nein, nicht "Moment" — sondern "Movement" stand da — ich hatte mich verlesen. "Dies ist die Bewegung, auf die unsere Welt gewartet hat." Die "Bewegung", von der hier die Rede ist, ist im Amerikanischen üblicherweise eine von der Sorte, die man wahlweise als "den Dadaismus", "die Arbeiterbewegung" oder "Beatlemania" titulieren kann. Hier nun bezeichnet sich "Avaaz" selbst als eine "Bewegung", die eben Menschen in Bewegung bringt, oder bringen kann, einschließlich der eigenen Mitgliederschar. Diese Avaaz-bewegten Menschen bezeichnet Frau Ruby-Sachs als "Avaazers" (so, auf Englisch; auf Deutsch müssten sie wohl "Avaazer und Avaazerinnen" heißen.) Von denen soll es nun rund um den Globus bereits 41 Millionen geben.

Diese Zahl setzt sich vermutlich — da weiß auch Wikipedia nichts genaueres — aus den einzelnen "Klicks" zusammen, die von deutlich separaten Internetadressen abgefeuert wurden, weswegen auch ich als ein "Avaazer" zu gelten habe, da ich doch wenigstens einmal mich bei "Avaaz" eingeklinkt habe. Man kann sich auch andere Statistiken vorstellen, wer da alles, wann und zu welchem Thema einen "Klick" abgegeben hat — und diese Daten könnte man dann , sagen wir mal, gegen hauseigene Muster bei "Facebook" oder sonst einer Marketing-Organisation, finanziell abgleichen. So besehen weiß Frau Emma Ruby-Sachs sicher mehr über ihre 41 (wahlweise 42) Millionen "Avaazer" oder Mit-Klickateure, als wir über sie wissen.

Dass sie oder die "Avaaz"-Bewegung amerikanischen Ursprungs sei, hatte ich bis eben einfach nur mal geraten.

Denn dass sich eine weltbewegende Menge sicherlich freundlich und nett gesonnener Menschen sich irgendwo in Europa in den Sattel schwingt, ist eher unwahrscheinlich. Sind nicht "Apple", "Facebook", "Amazon" oder "Google" alle amerikanischen Ursprungs? Oder "Wikipedia"? Dort, bei Wikipedia, erfährt man über "Avaaz"übrigens auch nur relativ wenig. Ich sagte es schon: Es gibt kein Foto der Hauptgeschäftsstelle, keine Portraits irgendwelcher Mitarbeiter, die besagt Frau Ruby-Sachs scheint auch nirgends auf.

Aber drei Dinge erfährt man dort doch. Erstens, "Avaaz" ist wirklich ein persisches (aber auch ein indisches und arabisches) Wort. Also vielleicht nicht Baha’i, aber muslimisch getönt.

Was man sich heute unter einem CEU vorstellt

"Avaaz" zum Zweiten: der CEO der Organisation heißt Ricken Patel, wozu ich nur sagen kann, dass z. B. in Neuseeland scheinbar 90 Prozent aller Inder mit Nachnamen "Patel" heißen, gleichgültig, ob sie Vegetarier oder Rindfleischesser sind. Es scheint einfach der verbreitetste Gujurati-Name auf Erden zu sein (mehr dazu hier - d. Red.).

Für mich ist der grausige Aspekt hier, dass der Chef einer wohlmeinenden, humanitären Organisation bei "Wikipedia" unter dem Titel "CEO" erscheint — eben als "Chief Executive Officer" — worunter man sich heute allgemein ein "neoliberales Super-Arschloch" vorstellt. Wenn Mick Jagger eines Tages als "CEO der Rolling Stones" auftreten sollte, der uns "I Can’t Get No Satisfaction" vorträllern möchte, wird man die Musik schon beim ersten Riff abschalten. Der Begriff "CEO" ist einfach nicht vertrauenserweckend2, jedenfalls nicht in diesem Kontext.

Aber bitte: Auf der Avaaz-Homepage findet man sowieso keinen Hinweis auf Herrn Patel oder seinen firmeninternen Status. Gibt man bei Google den Namen "Ricken Patel" ein, purzeln Dutzende Fotos eines locker lächelnden jugendlichen amerikanischen Firmenchefs heraus. Und hier findet sich sogar eine ganze Webseite, die gegen Patel und seine Organisation massives Geschütz ins Feld führt. Wer also gutwillig bei "Avaaz" Aktionen mitklicken möchte, sollte hier zuerst einmal kurz Halt machen.

Das dritte Detail bei Wikipedia war die interessante Mitteilung, dass sich "Avaaz" nur von Mitgliederbeiträgen ernährt, nicht von korporativem Geldsegen. Das stimmte ja schon bei "Wikipedia" selber nicht so ganz. Über "Avaaz" liest man hier nun: "Seit 2009 wird Avaaz ausschließlich von seinen Mitgliedern finanziert, wobei niemand mehr als 5.000 € spenden darf." Dieser Satz erinnert mich daran, dass auch in Europa immer mehr Gebrauchtwagen auf den Straßen fahren, in Österreich z. B. siehe hier.

Ich selber fahre ein Auto Jahrgang '92. Wenn mir jemand von "Avaaz" zusichern würde, ich dürfte maximal 5.000 € spenden, müsste ich mir an die Stirn tippen. "Für wen haltet Ihr mich? Bin ich Krösus?" Ganz offensichtlich aber gibt es Leute, die solche Summen lockermachen können. Da muss ich doch nicht lange fragen, ob das die Mitglieder der Arbeiterklasse sind, die hier "ihre Stimme" durchs Megaphon vervielfältigen lassen wollen.

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