"Die Ausbreitung des saudischen Einflusses wird verheerende Folgen nach sich ziehen"

22.12.2015

Begegnungen mit Peter Scholl-Latour

Peter Scholl-Latour erwartete mich in der Hotel-Bar, in der wir uns verabredet hatten. Mit dem erwünschten Buch in der Tasche, hatte ich mich auf den Weg gemacht. Peter Scholl-Latour stand am Tresen, als ich den Raum betrat und empfing mich lächelnd. Wir waren die einzigen Gäste.

Ein strahlender Kellner kam und sagte, in Richtung seines prominenten Gastes gewandt: "Meine Mutter hat alle Ihre Bücher gelesen." Peter Scholl-Latour schaute kurz auf und antwortete: "Ach, die Arme!" Dann bestellte er einen Whisky, ich entschied mich für einen Cappuccino. "Alle Welt trinkt heute Cappuccino, ich bleibe beim Whisky, aber immer erst nach 17 Uhr!"

Peter Scholl-Latour wirkte auf mich frisch und energiegeladen. Es fiel mir schwer zu glauben, dass er erst kürzlich seinen 87. Geburtstag gefeiert hatte. Er trug ein helles Jackett zum blauen Hemd. In den vergangenen Monaten hatte er zum Sammeln von Erkenntnissen einige ausgedehnte Reisen unternommen, von Lateinamerika bis in die Volksrepublik China. Jetzt waren die Länder Nordafrikas und der Levante das Ziel.

Peter Scholl-Latour und Ramon Schack im Sommer 2013. Bild: R. Schack

"Sie müssen bitte entschuldigen", sagte er, "dass ich Sie nicht bei mir in der Wohnung empfangen habe, aber dort herrscht ein schreckliches Chaos. Meine Frau und ich sind gerade aus dem Nahen Osten zurückgekehrt, die nächste Reise steht unmittelbar bevor. Und heute Abend bin ich noch in einer dieser TV-Talk-Shows zu Gast, wo ich mich wieder als Unke präsentieren darf, im Gespräch mit anderen Gästen, die von nichts eine Ahnung haben!"

Wir lachten beide. Scholl-Latour nippte an seinem Whisky-Glas, während ich ihm das gewünschte Buch übergab. "Was für ein Mensch ist dieser Robert Baer eigentlich? Sie sind ihm ja begegnet", fragte er mich, während er in dessen Werk blätterte. Ich antworte, dass es sich um einen äußerlich eher unauffälligen Menschen handelte, dem man nicht unbedingt ansehen würde, dass er einst undercover im Irak tätig war und den Auftrag hatte, Saddam Hussein zu liquidieren. "Seine Thesen sind auf jeden Fall stichhaltig, aber bei ehemaligen Geheimdienstlern sollte man sehr misstrauisch sein!", merkte mein Gegenüber an.

Schließlich erkundigte sich Scholl-Latour danach, wann ich zum letzten Mal mit ihm Kontakt gehabt hatte, worauf ich antwortete, dass wir kürzlich ein Telefon-Interview geführt haben. "Dann müssen Sie jetzt damit rechnen, dass Ihr Telefon abgehört wird, aber das kann Ihnen bei Telefonaten mit mir auch passieren", fügte er lachend hinzu. Wir kamen auf Saudi-Arabien zu sprechen. Ich berichtete Scholl-Latour von meiner Begegnung mit dem saudischen Botschafter in Berlin. Peter Scholl-Latour hörte aufmerksam zu.

Bei diesem Bankett waren auch die Botschafter Kuweits, Bahreins, der Vereinigten Arabischen Emirate, die Botschafterin Omans sowie der saudische Botschafter anwesend. Schließlich fragte ich den Botschafter Saudi-Arabiens, er war mein Tischnachbar, ob es denn wahr sei, Robert Baer hatte das mir gegenüber geäußert, dass amerikanische Journalisten kein Visum für das Königreich erhalten würden, worauf dieser antwortete: "Nein, nein, nur jüdische Amerikaner bekommen bei uns kein Visum!"

Peter Scholl-Latour stellte sein Glas auf den Tresen. "Wissen Sie, das ist eine Tragödie. Da ist unsere Regierung angeblich so besorgt über den gar nicht vorhandenen Antisemitismus im Iran, wo Juden im Parlament sitzen, und boykottiert dieses Land, während in Saudi-Arabien aufgerüstet wird, bis zum geht nicht mehr."

Scholl-Latour erzählte mir daraufhin, dass er in Saudi-Arabien die Protokolle der Weisen von Zion als Bettlektüre in Hotels entdeckt hatte, in denen er damals abgestiegen war und dass er von einem hohen saudischen Würdenträger als Deutscher darauf hingewiesen wurde, dass Saudis und Deutsche angeblich einen gemeinsamen Feind hätten, den Zionismus. "Wenn wir unsere Außenpolitik gegenüber dem Nahen Osten nicht bald ändern und die Vorzugsbehandlung Saudi-Arabiens fortführen, werden wir die Folgen bald zu spüren bekommen. Die Ausbreitung des saudischen Einflusses, welche sich unter unserem Schutz vollzieht, wird verheerende Folgen nach sich ziehen, das ist schon seit Jahrzehnten zu beobachten."

Es sei höchst suspekt, dass so viele amerikanische Nahost-Experten über ausgezeichnete Kenntnisse des Orients verfügen, aber deren Mahnungen und Warnungen am Potomac unerhört verhallen, fuhr Scholl-Latour fort. Einer dieser erwähnten amerikanischen Wissenschaftler habe neulich den Mut gehabt die öffentliche Wahrnehmung zu hinterfragen und angemahnt, dass der Westen sich nicht darauf beschränken dürfe, den Fall der Mauer und das Ende der Sowjetunion zu zelebrieren. Vielmehr sei das Jahr 1979 die Zäsur, welche einen profunden Umschwung in die Wege leitete, einen historischen Prozess, der bis heute anhält. Lediglich die vernichtende Niederlage der vereinten arabischen Armeen im Sechstagekrieg gegen Israel im Jahr 1967 sei als historischer Meilenstein damit vergleichbar.

Scholl-Latour nahm einen Schluck aus seinem Whisky-Glas zu sich und fuhr dann fort: "1967 verblasste dann nicht nur der Mythos des ägyptischen Präsidenten Gamal Abdel Nasser, sondern auch die romantische Vorstellung von der geeinten arabischen Nation, welche von den Gestaden des Atlantischen Ozeans bis zum Persischen Golf reichen sollte, der "Ummat el arabyia". Spätestens seit diesem Zeitpunkt ertönte der Schlachtruf "Der Islam ist die Lösung" immer lauter in den Straßen der arabischen Welt.

Laut Scholl-Latour an diesem Nachmittag während unseres Gespräches an der Hotel-Bar war das Jahr 1979 durch drei Ereignisse geprägt, die den gesamten Nahen-und Mittleren Osten nachhaltig verändern sollten. Zum einen die Revolution im Iran durch Ayathollah Khomeini, dessen Ausstrahlungskraft doch auf die Schiiten begrenzt blieb, im Irak, Libanon und Afghanistan. Dann der Einmarsch der Roten Armee in Afghanistan, im Dezember jenes Jahres, der zehn Jahre andauern sollte, was damals niemand ahnen konnte, und den Verfall der Sowjetunion nach dem Rückzug der russischen Besatzungstruppen vom Hindukusch. Schließlich der Aufruhr in Saudi-Arabien, der im November jenes Jahres in der Erstürmung der heiligen Stätten von Mekka gipfelte, welche von einigen Fanatikern besetzt wurden, die sich gegen die Prunksucht der saudischen Herrscher aufgelehnt hatten. Diese Revolte war keineswegs schiitisch oder gar marxistisch motiviert, so Scholl-Latour, sondern wurde von einem 27-jährigen Zeloten angeführt, einem gewissen Mohammed el-Qahtani, der zu den Dogmen des Früh-Islams zurückfinden wollte.

Mohammed el-Qahtani war ein Saudi, kein Ausländer, der eine Menge von Menschen um sich scharte, alles sunnitische Araber. Heute würde man diesen Aufstand als salafistisch definieren. Was Scholl-Latour nachträglich am meisten an diesem Ereignis verwunderte, war die Tatsache, dass die saudische Armee nicht in der Lage war, diesen Widerstand zu brechen, weshalb sich Riad verzweifelt an Frankreich wandte und um den Einsatz der Antiterror-Spezialisten der GIGN bettelte. So kam es denn dazu, dass Ungläubige aus dem Abendland den Hütern der Heiligen Stätten des Islams bei der Niederwerfung dieses salafistischen Aufstandes zur Seite standen. Seit dem 10. Jahrhundert, als die ketzerischen Qarmaten die heiligen Stätten zerstörten, hatte keine solche Entweihung mehr stattgefunden.

Seit jenen Tagen, so dozierte Scholl-Latour, war eine stärkere Hinwendung des Hauses El Saud zu einer fundamentalistischeren Interpretation der islamischen Gesetzgebung zu beobachten. Die fanatische wahhabitische Rechtsprechung führte zu einer beklemmenden Intoleranz, welche sogar die Taliban in Afghanistan inspiriert haben dürfte. Die Einnahmen, welche den Saudis aufgrund ihres Petroleumreichtums zur Verfügung stehen, werden in den Dienst einer weltweiten Missionierung gestellt, welche den Charakter des Islams weltweit zum negativen verändert hat, argumentierte er.

Man orientiert sich dabei an den Jüngern des Koranpredigers, Ab del-Wahhab aus dem achtzehnten Jahrhundert, dessen Sippe der Saud in der Wüstenregion Nedjd zu den Verkündern einer überspannten islamischen Botschaft wurde. In deren Namen wird heute Hass geschürt, von Bosnien bis Indonesien, der Bau unzähliger Moscheen vorangetrieben, um dem Heiligen Krieg weltweit ein solides Fundament zu verleihen.

Scholl-Latour machte einen Sprung und wies daraufhin, dass die Terroranschläge von 9/11 nicht einem einzigen Afghanen angelastet werden können, sondern dass es sich um ein nahezu ausschließlich saudisches Unternehmen gehandelt habe, was man in Washington auch schnell begriffen hatte, auch wenn man es in der öffentlichen Darstellung falsch vermittelte. In Saudi-Arabien, so Scholl-Latour, ist man sich bewusst, dass man sich dank des immensen Potentials an Erdöl für die USA unentbehrlich gemacht hat und von Washington von den sonst üblichen Ermahnungen zur Einführung von Demokratie und Menschenrechten verschont geblieben ist.

Scholl-Latour schaute auf die Uhr und sagte: "Ich muss jetzt gleich aufbrechen!" Er fasste in die Innenseite seines Sakkos und zog ein zusammengefaltetes Schriftstück hervor. "Ich wünsche Ihnen einen spannenden Aufenthalt in der Ukraine. Bitte informieren Sie mich anschließend über Ihre Reise." Wir umarmten uns zum Abschied.

Als ich am nächsten Tag im Flugzeug nach Kiew saß, las ich das Dokument, welches Scholl-Latour mir übergeben hatte. Es handelte sich um einen Text von Michael Scott Doran, einem der führenden Nahost-Experten der Princeton University. Bezüglich der Beziehungen Washingtons zu Riad schrieb er:

"Die Situation ist kritisch, weil die USA über geringe Mittel verfügen, der antischiitischen und antiamerikanischen Strömung entgegenzuwirken. Der Wahhabismus ist die Grundlage eines gesamten politischen Systems. Jeder, der vom Status quo profitiert, wird sich um dieses System scharen, falls es von außen angetastet wird. Den Vereinigten Staaten bleibt keine andere Wahl, als die fälligen demokratischen Reformen im Irak und in Saudi-Arabien energisch voranzutreiben. Doch jeder Versuch, eine liberale politische Ordnung zu schaffen, wird zusätzlichen Disput auslösen. Die antiamerikanische Stimmung würde angeheizt. Bei seinem Bemühen, die Demokratie im Mittleren Osten zu fördern, wird Washington wieder einmal feststellen müssen, dass seine engsten arabischen Verbündeten gleichzeitig seine erbittertsten Feinde sind."

Ich klappte das Schriftstück wieder zu, wir befanden uns im Landeanflug auf Kiew.

Der Text ist Ramon Schacks Buch: "Begegnungen mit Peter Scholl-Latour. Ein persönliches Portrait von Ramon Schack" (3 Seiten Verlag, 288 Seiten, 16,99 EUR) entnommen.

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