Krieg der Zukunft schon gestern im Kino

02.01.2016

Die Entwicklung letaler autonomer Drohnen ist weit fortgeschritten. Massenkulturell hat man entsprechenden Waffensystemen schon seit langem den Boden bereitet

Das militärisch geförderte Unterhaltungsprodukt Stealth imponierte schon 2005 mit pseudomoralischen Diskursen über unbemannte Waffensysteme und autonome "elektronische Entscheidungskompetenzen"

Die Beteiligung an der Ermordung von Menschen mittels modernster Militärtechnologie und aus "anonymer" Distanz macht gerade jene Soldaten krank, die sich noch ein hohes Maß an Autonomie und seelischer Gesundheit bewahren konnten.

Die Bedienung einer auch sonst im Alltag vertrauten elektronischen Tastatur bzw. eines "Joysticks" soll verschleiern, dass man Leiden verursacht und Verbrechen ausführt. Dieser Lüge kann auf Dauer jedoch nur ein Mitarbeiter des Kriegsapparates Glauben schenken, der sich chemisch oder auf andere Weise betäubt. Bei zunehmender Aufklärung gibt es für die Betreiber des militärischen Mordkomplexes nur einen Ausweg: Die "Maschinen" selbst müssen entscheiden, welche menschlichen Personen als Mordopfer ausgewählt werden.

Die Entwicklung letaler autonomer Waffensysteme ist zur Stunde bereits sehr weit fortgeschritten (Autonome Kampfroboter: Wettrennen zwischen Ingenieuren und Diplomaten) Christoph Marischka zitiert in einem aktuellen IMI-Beitrag Experten, die die rasante Entwicklung von Waffen mit sogenannter "Künstlicher Intelligenz" geradezu für unausweichlich halten. Der Weg hin zu "autonomen Drohnen" etc. sei nicht mehr zu stoppen.

Das Kino bereitet schon seit langem den Boden für Akzeptanz

Massenkulturell hat man den Boden für entsprechende Waffensysteme schon seit langem bereitet (Krieg als Computerspiel). Ein vergleichsweise junges Kinobeispiel aus dem letzten Jahrzehnt ist der Film Stealth (USA 2005). Das Produktionsbudget lag bei 130 Millionen US-Dollar. Auf unterhaltsame Weise sollte dieses Werbeprodukt für die U.S. Navy den Zuschauern vor allem die Utopie einer omnipotenten Militärmaschinerie schmackhaft machen.

Zu diesem Zweck setzte man der Technologie aus den Zukunftswerkstätten des Krieges vorauseilend auch eine moralische Tarnkappe auf. Die nachfolgende Vorstellung dieses Militainment-Titels ist weitgehend dem Telepolis-Buch Bildermaschine für den Krieg (2007) entnommen.

Der Vorspann des Films benennt vorab Bedrohungsszenario und strategisches Lösungsangebot:

U.S. Naval Air Force in naher Zukunft: Um die wachsende Bedrohung durch den Terrorismus zu bekämpfen, wurde ein neues Projekt entwickelt mit hochentwickelter, modernster Technologie (with the most advanced and experimental technology). Seine Aufgabe besteht darin, den Feind zu vernichten, wo auch immer er auf der Welt operiert.

Die Notwendigkeit eines starken militärisch-industriellenKomplexes steht außer Frage. Über 400 Piloten bewerben sich für dieses Projekt der Navy. Ausgesucht werden schließlich Ben Gannon, die Karrierefrau Kara Wade und der "Afroamerikaner" Henry Purcell. Das Trio besteht aus jungen, modernen und lebensfrohen Soldaten, die ihre digitalen Hausaufgaben mit Leichtigkeit bewältigen.

In der Wüste Nevada absolvieren sie in Stealth-Bombern rasante Überschallflüge. Die Trainingsoperationen unterscheiden sich im Bild kaum von den Simulationen eines Videospiels und umfassen auch die Zerstörung unterirdischer Terroristenhöhlen. Cocktailbar, moderne Medientechnologie, Musik und sportliche Fitness gehören zur privaten Freizeitgestaltung der Elitepiloten.

Der "Tinman" als neues Teammitglied

In der entscheidenden Projektphase wird dem Team vom vorgesetzten Einsatzleiter Captain George Cummings ein neues Mitglied der Staffel vorgestellt. Es ist "die Zukunft der digitalen Kriegsführung": ein unbemannter hypermoderner Stealth-Überschallflieger, ausgestattet mit der allerneuesten Tarnkappentechnologie und gesteuert durch das Superhirn eines Quantenprozessors. Die Überlebensfähigkeit dieses Wunderwerks der Elektronik stellt alles Bisherige in den Schatten. Offiziell heißt der Tarnkappenbomber, der seine Technik selbst bedient, EDI (Extreme Deep Invader). Die Piloten nennen ihn aber "Tin Man".

Die Übersetzung mit "Blechbüchse" in der deutschsprachigen Filmfassung verdeckt, dass der Tinman an die zentrale Sympathiegestalt in Lyman Frank Baums "Der Zauberer von Oz" erinnert. Der Blechmann ist in diesem Märchen auf der Suche nach seinem Herzen und weiß nicht, dass er es doch immer schon in sich beherbergt.

Im Song Remember The Tinman von Tracy Chapman taucht der Blechmann auch als Symbol für eine verwundete und deshalb gepanzerte Männlichkeit auf, die erlöst werden muss. Referenzen an den "Wizard of Oz" erweist übrigens auch der Film Sky Captain And The World Of Tomorrow (USA 2004), in dem es ebenfalls unbemannte Kriegsmaschinen in der Luft gibt.

Dass EDI (bzw. der Tinman) eine bislang unbekannte Stufe künstlicher Intelligenz repräsentiert, scheint den Piloten anfänglich nicht bewusst zu sein. Ben kommentiert die Kommunikationsfähigkeit des neuen Wingman z.B. so: "Na, ein Freund von mir hat einen BMW, der spricht auch."

"Antiterrorkrieg" der USA: Präzisionsangriff ohne "Kollateralschäden"

Operationsbasis für die Erprobungsphase von EDI ist der Flugzeugträger USS Abraham Lincoln. Beim ersten Testflug der Staffel mit dem unbemannten Begleiter überzeugen dessen unglaubliche Flugkünste: "Das ist total geil!" (That’s hot!) Das laufende Planspiel wird wegen eines Notfalls unversehens zur ernsten Sache. Die CIA hat gerade erfahren, dass sich die führenden Köpfe von drei terroristischen Zellen in 24 Minuten in Myanmar (Birma bzw. Burma) treffen.

Sie planen einen Angriff auf US-amerikanisches Territorium. Genauer Treffpunkt der arabischen und asiatischen Terroristen ist das in Bau befindliche neue Verteidigungsministerium in der Stadt Rangun. Dieses Hochhaus ist zwar noch unbewohnt, liegt aber mitten in der Innenstadt. Der Computer zeigt an, dass ein Angriff eine Opferzahl in vierstelliger Höhe bedeuten würde.

Doch nun kommt die rettende Technologie von EDI ins Spiel. Sämtliche Terroristen werden aus der Luft mit Kameras digital gescannt und durch einen Abgleich mit allen vernetzten Datenbanken von der unbeteiligten Menschenmenge geschieden. Der Computer identifiziert u.a. Shag El Hoorie aus Saudi-Arabien, Soon Kit Din aus Malaysia und einen Mansur Khan Shamsuddin.

Zur präventiven Tötung der potentiellen Attentäter gilt es, ein mehr als vier Meter dickes Gebäudedach zu durchdringen. (Der Zuschauer erfährt im Vorbeigehen, warum weiterentwickelte "Bunkerbrecher" gebraucht werden.) Zum Einsatz kommt nach Weisung von EDI eine im Sturzflug abgeworfene "Implosionsbombe", nach deren Zündung das Hochhaus sauber in sich - nur nach innen! - zusammenfällt.

Der Ertrag dieser Präzisionsarbeit beweist: US-Technologie kann mit "null Kollateralschaden" den Feind zu 100 % identifizieren und eliminieren. Die gesamte Operation ist geradezu als Gegenstück zum Terroranschlag auf das World Trade Center in Szene gesetzt. Man sieht zwar eine ähnliche Zerstörungsorgie, erfährt jedoch zugleich, dass kein einziger Unschuldiger sein Leben verloren hat.

Sogar Captain Marshfield, der als oberster Befehlshaber auf dem Flugzeugträger dem Einsatz der neuartigen Technologie nicht wohl gesonnen ist, zeigt sich beeindruckt. Nachzutragen bleibt, dass Condoleezza Rice bei ihrem Amtsantritt als US-Außenministerin das besagte Myanmar zu den sechs "Vorposten der Tyrannei" gerechnet hat.

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