Irak: Rückeroberung von Ramadi

28.12.2015

Der nächste Sieg gegen den IS, wer ihn sich anheften darf, und die Spaltung der Sunniten

Die irakische Flagge ist auf den Regierungsgebäuden im Zentrum Ramadis gehisst: "Ein weiterer Sieg für den Irak und die nächste Niederlage für den IS", freuen sich Beobachter.

Die östliche Vororte, al-Soufija und al-Sijarija sollen noch unter Kontrolle des IS stehen, aber mit der Eroberung des tagelang umkämpften Gebäudekomplexes, der das Hauptquartier der Polizei beherbergt, den Sitz der Regierung der Provinz und des Bürgermeisters der Provinzhauptstadt, steht Ramadi offiziell wieder unter Kontrolle der irakischen Truppen. Die Hauptstadt der mehrheitlich von Sunniten bewohnten Provinz Anbar war am 17. Mai dieses Jahres vom IS eingenommen worden (Irak: IS arrondiert sein Herrschaftsgebiet in der Provinz Anbar).

Hatte man vor gut einem halben Jahr noch befürchtet, dass schiitische Milizen, die die irakische Regierung zur Rückeroberung als notwendig erachtete, Spannungen verschärfen könnten (Ramadi: schiitische Milizen greifen ein), so liegt diesmal das dringendste Problem nach der Rückeroberung woanders.

Sunnitische Stämme könnten Racheaktionen gegen andere Stämme oder Stammesmitglieder begehen, die mit dem IS in Ramadi kooperieren, Stammeschefs sollen von Listen mit Kollaborateuren gesprochen haben, heißt es in Kurzmeldungen mit Verweis auf ähnliche Vorfälle nach der Rückeroberung von Tikrit.

Auch wenn solche Mitteilungen kein Nachrichten-TÜV-Gütesiegel haben, haben sie einige Plausibilität. Der IS verfährt bekanntlich gnadenlos mit Eroberten, an denen die Dschihadisten Exempel statuieren, um sich Gehorsam zu verschaffen. Das weckt wiederum Rachegelüste der neuen Sieger an denen, die ein solches Regime unterstützt haben.

Die Beteiligung der schiitischen Milizen

Von solchen Folgeerscheinungen nach der Eroberung ist in der westlichen Presse entweder nur spärliches oder gar nichts zu erfahren, die Erfolgsbotschaft ist das wichtigste.

So gibt es auch nur wenig Informationen über schiitische Milizen, die an der Rückeroberung beteiligt waren. Laut dem US-Magazin Long War Journal wurden schiitische Milizen der populären Mobilisierungseinheiten (Popular Mobilization Units - PMU) von der letzten Eroberungsaktion zurückgehalten - was suggeriert, dass sie bei den Vorbereitungen zum final push doch eine gewisse Rolle gespielt haben.

Zudem sei ihre Präsenz in der Umgebung, im Korridor zwischen Falludscha und Ramadi unübersehbar, heißt es dort. Ein Bericht der iranischen Nachrichtenagentur Farsi meldet hingegen, dass die schiitische "Freiwilligen-Miliz" Hashd al-Shaabi eine wichtige Rolle bei den Ramadi-Militäroperationen gespielt habe.

Inwieweit die USA bei alledem im Hintergrund operiert haben und ihren Einfluss in Bagdad dahingehend geltend zu machen versuchten, um die Rolle der von Iran unterstützten Milizen möglichst klein zu halten, lässt sich am Farsi- Bericht "über Bande" herauslesen. Dort wird den Amerikanern die Schuld daran gegeben, dass sich die Eroberung Ramadis so lange verzögerte. Allerdings mit einer steilen These.

Der Kommandeur des Imam Khamenei Battalions, Haidar al-Hosseini al-Ardavi, berichtete Farsi davon, dass US-Staatsangehörige - wer genau wird nicht erläutert - "anscheinend beabsichtigten, wichtige Führer des ISIL in aller Heimlichkeit (mit Helikoptern) aus Ramadi zu evakuieren". Die Meldung taucht auch bei Sputnik auf, wo sie den Spekulationen einen bestimmten Dreh gibt: "Die US-Armee rettet IS-Spitzen", passend zur kursierenden Vereinfachungsschablone, wonach die USA Schöpfer des IS seien.

Man versucht mit Gegenpropaganda auf die Kriegs-Kommunikation der USA zu reagieren. In US-Berichten wird die Rolle der irakischen Armee herausgestellt und dazu die Einbindung der irakischen Stämme, worin die sunnitische Awakening-Bewegung aus dem letzten Jahrzehnt aufscheint.

Dazu wird in Berichten, die in westlichen Leitmedien kursieren, auf die Vorarbeit der US-Luftwaffe verwiesen, die den Angriff der Bodentruppen seit Wochen schon mit "gezielten Bombardements" vorbereiteten. Akteure, die nicht ganz in dieses Bild passen, wie die schiitischen Milizen, werden ausgeblendet, ebenso die Spannungen, die es zwischen sunnitischen Gruppierungen gibt.

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