Der Krieg der Türkei und Europas Schweigen

01.01.2016

Während der Westen hartnäckig schweigt, scheint das Erdogan-Regime bis zum Äußersten gehen zu wollen, um den kurdischen Widerstandswillen zu brechen

Glaubt man der durch staatliche Repression weitgehend gleichgeschalteten türkischen Presse, scheinen die Siege türkischer Armee-Einheiten und staatlicher Todesschwadrone in den Kurdengebieten der Türkei kein Ende nehmen zu wollen.

In einer Entwicklung, die an die Frühphase des syrischen Bürgerkrieges erinnert, werden die rasch anschwellenden Leichenberge im Südosten des Landes von den Presseorganen des Regimes als militärische Erfolgsmeldungen verkauft. Hunderte von "Terroristen" der PKK wollen die türkischen Militärs bei ihrer "Säuberungsaktion" ausgeschaltet haben.

Die erste große Lüge dieses abermals aufflammenden Bürgerkrieges findet sich somit schon in all den Schlagzeilen, die - etwa auf der Internetpräsenz der Tagesschau vom 25. Dezember - über "mehr als 200 tote PKK-Kämpfer" zu berichten vorgeben. Denn tatsächlich operieren die Guerillas der PKK bislang gar nicht in den Städten der Türkei. Die Führung der Kurdischen Arbeiterpartei hat immer wieder betont, dass ihr militärischer Arm, die Volksverteidigungskräfte HPG, bislang in die Kämpfe in den seit Wochen belagerten Städten gar nicht eingegriffen hat.

Ein verzweifelter Jugendaufstand

Die Soldateska des Erdogan-Regimes geht tatsächlich gegen die Einwohner der von dieser Strafexpedition betroffenen Kurdengebiete vor, gegen "kurdische Jugendliche, die ohne Chance auf eine Arbeit sind und ohne Perspektive", wie es die Frankfurter Allgemeine Zeitung formulierte. Es ist ein verzweifelter Jugendaufstand, angefacht durch die beständigen Provokationen der Staatsmacht, der mit brutalsten Mitteln von dem türkischen Militär in Blut erstickt werden soll.

Die Patriotisch revolutionäre Jugendbewegung (YDG-H) gilt als eine weitgehend autonom agierende Vorfeldorganisation der PKK, als ihre inoffizielle Jugendorganisation. In der YDG-H sammeln sich oftmals die Jugendlichen, die in den 1990er Jahren während des Bürgerkrieges als Kinder den Staatsterror des türkischen Militärs durchzustehen hatten und Mord, Vertreibung, Folter und brutalste Unterdrückung erleben mussten.

Bei den Jugendlichen handele es sich um ein neues Prekariat, das ökonomisch marginalisiert sei und deswegen kaum etwas zu verlieren habe, führte die FAZ aus:

Oft waren die Eltern dieser Jugendlichen vor zwei Jahrzehnten aus ihren kurdischen Dörfern vertrieben worden, als die Armee sie niederbrannte, oder ihre Väter waren bei Kämpfen getötet worden. Die Dörfer sind seither entleert. Eine Stadt wie Cizre wuchs seither von 40.000 auf 250.000 Einwohner. Auch in anderen Städten landeten die Vertriebenen, wo ihre Kinder unter erbärmlichen Bedingungen aufwuchsen. Sie bilden ein neues Prekariat - schlecht ausgebildet und ohne Chance auf Arbeit. Diese neue Generation ist radikaler als frühere Generationen es waren. Davor hatte der kurdische Politiker Serafettin Elci gewarnt, der 2012 im Alter von 74 Jahren verstarb. Er sagte kurz vor seinem Tod, seine Generation sei die letzte der Kurden, mit denen man habe sprechen können.

Zehntausende Menschen fielen dem in den 1990ern tobenden Bürgerkrieg im türkischen Teil Kurdistans zum Opfer, wobei es sich größtenteils um kurdische Zivilisten handelte, die in unzähligen, bis heute kaum aufgearbeiteten Massakern türkischer Armee-Einheiten oder Todesschwadrone ermordet wurden.

Die Killerkommandos der "Esedullah Timleri"

Damals schwieg der Westen weitgehend zu diesen Massenmorden des geschätzten "NATO-Partners" Türkei, die von extralegalen staatlichen Sondereinheiten wie der berüchtigten Killertruppe JITEM ausgeführt wurden, wie Die Zeit 2009 berichtete:

Wer verdächtigt wurde, mit der PKK zusammenzuarbeiten, den besuchte das Kommando.

JITEM erledigte die "Drecksarbeit für die Armee", erklärte ein Aussteiger gegenüber der Wochenzeitung. "Mal waren Bauern die Opfer, mal ein auffälliges Liebespärchen, mal Kinder." Laut Schätzungen wurden so 15000 Menschen von diesem staatlichen Killerkommando ermordet. "Die Operationen von JITEM endeten mit dem Tod, ausnahmslos."

Bei der aktuellen Repressionswelle kommt eine neue Todesschwadron zum Einsatz, die mit der massenmörderischen "Dreckarbeit" betraut wird, die einstmals JITEM erledigte. Um die Killerkommandos der "Esedullah Timleri", die "verurteilte Kriminelle" und "Personen, die mit dem "Islamischen Staat" in Verbindung" stünden, rekrutieren würden, rankten sich ebenfalls viele "Gerüchte", berichtete die Frankfurter Allgemeine Zeitung:

So setzen die Sicherheitskräfte, wenn sie in die Städte vordringen, als Vorhut die als besonders brutal geltenden "Esedullah Timleri" ein, über denen ein Schatten des Geheimnisvollen liegt. Sie dringen in die Häuser ein, zerstören, töten.

Die Ausrufung der Selbstverwaltung, der Aufbau von Barrikaden und das Ausheben von Gräben durch die Jugendlichen der YDG-H in ihren Stadtteilen, die in Reaktion auf die Kriegserklärung Erdogans an die kurdische Freiheitsbewegung erfolgten, verfolgen somit auch ein ganz praktisches Ziel: Sie sollen die Städte vor den Übergriffen der staatlichen Killerkommandos schützen, wie die FAZ ausführte.

Die YDG-H tauchte in den Untergrund ab "und nahm den bewaffneten Kampf gegen die staatlichen Sicherheitskräfte auf, insbesondere gegen die "Esedullah Timleri". Sie errichten Straßenkontrollen, bauen Barrikaden und ziehen Gräben, um Stadtviertel zu schützen und Razzien zu verhindern".

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