Feuerwerk

31.12.2015

Elysium des Warensurplus

"118-Schuss-Batterie 'Titanium'" (Lidl. Feuerwerkskörper Onlineprospekt, 29.12.2015)

Discounter im Preiskampf ließen in den letzten Jahren, vielleicht wie nie zuvor, mit einem gewissen pädagogischen Anspruch ihr Luxuswarenangebot von technischen Redakteuren in der Werbung feinjustiert beschreiben. Zum Beispiel stellt die Lidl-Kette dabei das vormalig mittelständische Wohlstandssymbol Wein mit Hilfe von Mastersommeliers in den Massenmarkt, wobei Konkurrent Aldi mit dem größten Absatz auch die größte Schule für neue Weinkenner sein dürfte.1

Die Sprache der Prospekte aber lässt sich nur bis zu einem gewissen Grad für die feinen Unterschiede nochmals verfeinern, gerade dann, wenn diese Unterschiede bereits fallen oder noch fallen sollen. Der Verständlichkeit also den Anschlussmöglichkeiten wegen wird eine langue der Pseudo-Kennerschaft produziert. Geschmack, in direkter Relation zur als Kaufkraft bezeichneten "Geldsumme, die einem Wirtschaftssubjekt real zur Verfügung steht"2, so die These, wird entlang der Revenues ausgebildet, die den notwendigen Warenkorb übersteigen. Er ist eine Kategorie des Sorgenlosen. Wird die Ware verwohlfeilert, wird die Aufmerksamkeit der Adressaten auf die Differenzen der Produkte am Markt gelenkt, und das, so die Kalkulation, beschleunigt im Marketing die Akkumulation von Kapital.

Das kurzlebigste Konsummittel (und in der Zeitlogik des Privat-Events Signal zugleich äußerster und mit Hilfe der Ware verbreitetster Einmaligkeit) muss für eben diese Zwecke des Ereignisses im knappen "Gut", der Zeit, beworben werden. Es lässt nach der Kulturtheorie der Ware das alte Hochkulturgut absinken und neue Käuferschichten zumindest stilistisch aufsteigen. Soziale Mobilität und Habitus manifestieren sich aber im emanzipierten Konsumbegriff nicht am Luxus, sie werden durch diesen aktiv für die Subjekte generierbar und bleiben unter geltenden Bedingungen doch außerhalb ihres jeweils eigenen Vermögens, auch Konsum-Kompetenz genannt, allein an die Realisierung des Preises gebunden. Sinkt dieser im Durchschnitt, steigt auch die Kompetenz des Einzelnen im Durchschnitt.

Brenndauer des Glücks ohne eigene Ästhetik

Ein solch einmaliges, privates wie gesellschaftliches Ereignis, das darum umso teilbarer und vervielfältigter erscheint und den vermutlich höchsten Verbreitungsgrad besitzt, ist der Jahreswechsel. Ausgerechnet in den ungreifbaren Momenten der Rückstellung des Ordnungs-Maßstabes der Zeit auf Null wird das Empfinden für die soziale Taktung deutlich, weil diese enthoben, zusammengezogen und darum kurz sichtbar wird, bevor die Taktung wieder gilt. Es handelt sich um den berühmten ewigen Moment. Vor 2016 werden in E-Prospekten beinahe unübersehbare Raketen- und Böllerangebote in metaphernreicher Sprache beschrieben.

Der große Feuerwerksverkauf mit im Trend stetig steigenden Umsätzen3 reagiert auf einen fabulistischen Neigung im großen Narrativ der Distinktionen. Nicht nur nehmen Produktvideos die Ansicht des Verbrauchs vorweg und lassen das Gekaufte 'virtuell' vorkosten4, das Geschriebene im Prospekt ahmt quasi die Kompetenz vor, nicht nur den Aufstieg über das Selbstverständnis als Liebhaber und schließlich als Kenner zu schaffen und damit sozialen Aufstieg zu erzählen. Kenner wissen und sind Teil der Bildung, deren Popularisierung durch hohe Stückzahlen voranschreitet.

Lidl Produktvideo, 29.12.2015

Der Aufstieg wird im Vokabel-Realismus der Sinneseindrücke vorab (pro-spekt) schon jetzt greifbar. Das "Inferno mit herrlich extralautem Qualitäts-Riesenblitzknall, gefolgt von Buketts wuchtig-intensiver Brokat-Gold-Wolken, finalisierend laut in Orange" (Text hier gesamplet) vollzieht aber olfaktorische Finesse in der Linie feudaler und dann später nachahmend bügerlicher, man kann sagen uneigener Ästhetik der Nachmoderne nach.

Das Glück, das keinen wirklichen Ort benötigt, es sei denn für wenige "brillante" Augenblicke, einer Brenndauer von 125 Sekunden vielleicht, lässt diese Zeitdauer zu diesem überirdischen Ort werden. Die eigentliche Ware mit ihrem Gebrauchswert scheint dabei weniger der Verbrauch von Stoffen zu sein als das ideelle und überhöhte Zeitmomentum. Nichts thematisiert die gesellschaftliche Frage von Status und seiner 'falschen' Aneignung so wie Feuerwerkskörper. Wobei die Schusszahlen der erwerbbaren Batterien sogar noch die messbare Masse angeben könnten, welcher Scheinreiche sich in welcher Größe die "Overtüre" und die "Beatbox"5 oder das Elysium6 orgiastisch zu eigen macht.

Der FreifunkDithmarschen ‏twitterte am 28. Dezember 2015 noch:

"Spart das Geld für #Feuerwerk, kauft euch einen Router und flasht ihn mit der @FreifunkNord Software."

Was als praktischer Ansatz für die Realisierung offener Netzen gelesen werden soll, liest sich aber auch wie eine Variante des moralischen "Brot statt Böller". Das muss chancenlos bleiben. Denn Feuerwerk übertrifft die hier implizierte Relation von individuellem Besitz und Umverteilung. Weil jeder Schuss und Sound und Lichteffekt die tägliche Reproduktion an Sensation zwanghaft nur toppen kann. Schießen und Krach wären in diesem Fall - und das ist keine neue Deutung - halb-automatisierte ekstatische Erfahrung, deren Wahrnehmungs-Effekte die wirkliche soziale Position im Überschuss transzendieren sollen.

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