Ab Januar wieder auf dem Markt: Hitlers "Mein Kampf"

31.12.2015

Je näher das Ende der Schutzfrist kommt, desto lauter werden die Rufe nach einem Verbot des Buches

Zum 1. Januar 2016 endet die Urheberschutzfrist eines stark mystifizierten Buches: Adolf Hitlers "Mein Kampf" wird gemeinfrei. Damit kann das Buch im kommenden Jahr neu verlegt werden. Die Justiziminister der Länder wollen nicht kommentierte Neuauflagen verbieten lassen.

Die landläufige Meinung lautet, "Mein Kampf" sei in Deutschland verboten. Dabei ist lediglich der Nachdruck des Buches seit 1945 untersagt. Denn der bayrische Freistaat besitzt als Rechtsnachfolger des Eher-Verlags die Urheberschutzrechte und verhinderte bislang Neuerscheinungen auf dem deutschen Markt. Ende diesen Jahres – 70 Jahre nach dem Todesjahr von Adolf Hitler – erlischt nun das Copyright.

Ausgabe von 1942. Bild: F.R.

Je näher das Ende der Schutzfrist kommt, desto lauter werden die Rufe nach einem Verbot des Buches. Die Justizminister der Länder kündigten etwa auf einer Zusammenkunft im Juni 2015 an, jede nicht kommentierte Neuauflage verbieten zu wollen. Der bayrische Justizminister Winfried Bausback, auf den die Initiative zurückgeht, argumentierte mit der besonderen historischen Verantwortung Deutschlands. "Die Weltöffentlichkeit beobachtet genau, wie wir mit dieser menschenverachtenden Schrift umgehen." Man wolle alle vorhandenen Mittel des Strafrechts konsequent ausschöpfen, um "Mein Kampf" zu verbieten. Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden, erklärte kürzlich seine Unterstützung für das Unterfangen: "Die Strafverfolgungsbehörden sollten mit aller Konsequenz gegen die Verbreitung und den Verkauf des Buches vorgehen."

Bundesbildungsministerin Johanna Wanka ließ ihrerseits verlauten, sie befürworte eine Auseinandersetzung mit dem Text in der Schule. Dabei bezog sie sich auf die kommentierte Ausgabe von "Mein Kampf", die dieser Tage durch das Münchener Institut für Zeitgeschichte (IfZ) veröffentlicht wird. Ein Team von Historikern hat drei Jahre lang den Text Hitlers seziert und mit über 3500 Fußnoten versehen. Die kritische Edition umfasst 2000 Seiten und kostet knapp 60 Euro – nicht zuletzt deswegen richtet sie sich vor allem an ein Fachpublikum. Für den Leiter des IfZ, Andreas Wirsching, ist "Mein Kampf" "eine zentrale Quelle zum Verständnis des Nationalsozialismus". Die Kommentierung sei notwendig, um zu verstehen, wie Hitler propagandistisch mit Halbwahrheiten und Lügen hantiert habe. "Dafür braucht man gewissermaßen eine kritische Anleitung", unterstrich er die Wichtigkeit des Editionsprojektes.

"Blick in das Innere des Gehirns Adolf Hitlers"

Wegen des De-facto-Verbots ist die Auseinandersetzung mit dem antisemitischen Wälzer hierzulande wenig ausgeprägt. Dabei ist "Mein Kampf" ein Schlüsseltext zum Verständnis des Nationalsozialismus und der Rolle Hitlers darin. Das Buch avancierte nach seiner Veröffentlichung im Juli 1925 schnell zu einem viel diskutierten Bestseller, auch wenn nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs kaum einer "Mein Kampf" gelesen haben wollte. Bis 1945 wurden mehr als zwölf Millionen Exemplare verkauft und in jedem dritten Haushalt im Dritten Reich fand sich eine Kopie. Hitler wurde durch sein Buch, das er während seiner Haft nach dem Putschversuch von 1923 verfasste, zum reichen Mann.

Die Lektüre von "Mein Kampf" langweilt, der Text ist ausgesprochen schlecht geschrieben. Aber entgegen weit verbreiteter Meinungen ist "Mein Kampf" weder wirr noch banal. Das Denken Hitlers, das sich in dem Buch ausdrückt, ist systematisch und seine politische Programmatik – das hat die Geschichte leider bestätigt – war durchaus visionär. Laut Barbara Zehnpfennig, Autorin verschiedener Untersuchungen zu Adolf Hitler, spiegeln sich in dem Buch die Grundpfeiler von Hitlers Denken wider. "'Mein Kampf' ist ein Buch, das einen Blick in das Innere des Gehirns Adolf Hitlers ermöglicht", sagt die Politologin und bemerkt: "Es ist erschreckend, wie viel er von dem, was er angekündigt hat, umgesetzt hat." Die Lektüre des Buches helfe zu erkennen, was Adolf Hitler getrieben hat und wie sich daraus der Nationalsozialismus entwickeln konnte.

In den beiden Bänden von "Mein Kampf" breitet Hitler allerlei antisemitische, verschwörungstheoretische, rassistische und antidemokratische Ressentiments aus. Im ersten autobiografischen Band ("Eine Abrechnung") beschreibt er seinen eigenen Werdegang, der zweite Teil ("Die nationalsozialistische Bewegung") schildert die Genese der NSDAP. Dabei wird deutlich, wie eng Hitlers Hass auf die Juden mit der Ablehnung der Moderne verbunden ist. In seiner wahnhaften Ideenwelt macht er die Juden für die Erfindung von Liberalismus, Sozialismus und Kosmopolitismus verantwortlich und behauptet, sie zersetzten den deutschen "Volkskörper". Wenngleich der Holocaust keine explizite Erwähnung findet, so ist er die folgerichtige Konsequenz des Geschriebenen. Hitlers Äußerungen zum bedingungslosen Kampf gegen das Judentum und der Notwendigkeit der "Reinigung des arischen Volkes" konsequent zu Ende gedacht, wiesen schon 1925 den Weg zum späteren industriellen Massenmord.

"Aura des Verbotenen"

In der aufkommenden juristischen Debatte fragen Juristen nach der Machbarkeit von Verboten. Christian Bickenbach, Professor für Verfassungsrecht an der Universität Potsdam, äußerte sich in einem Gespräch mit der Bundeszentrale für politische Bildung kritisch zu einem möglichen Verbot nach Paragraph 86 Strafgesetzbuch (StGB), der die Verbreitung von Propagandamitteln verfassungswidriger Organisationen verbietet.

Bickenbach verweist auf ein Urteil des Bundesgerichtshofs aus dem Jahr 1979, nach dem "Mein Kampf" sich nicht direkt gegen die freiheitlich-demokratische Grundordnung der BRD richte, weil es vor deren Gründung verfasst wurde. "Damit 'Mein Kampf' unter den Paragraphen 86 fällt, müsste dem historischen Buch irgendetwas hinzugefügt sein – zum Beispiel ein Vorwort, eine Umschlaghülle oder andere Ergänzungen, die auf die heutige Demokratie zielen", führt der Staatsrechtler aus. Eine historische Ausgabe oder ein unveränderter Nachdruck seien mit diesem Paragraphen nicht greifbar. Anders verhalte es sich mit dem Volksverhetzungsparagraphen (130 StGB). Dieser sei bei "Mein Kampf" eindeutig erfüllt, erläutert Bickenbach. "Es war bekanntlich das Buch der NS-Ideologie." Übereinstimmend äußerte sich Hannes Ludyga von der Universität des Saarlandes kürzlich in der Monatszeitschrift "Juris".

Jenseits der öffentlichen Aufregung über das Buch und mögliche Verbotsszenarien lässt sich fragen, welchen Sinn Verbote von Büchern in Zeiten des Internets machen. Denn heutzutage lässt sich sowieso kein Buch mehr von der Öffentlichkeit fernhalten. Im Ausland ist "Mein Kampf" auch jetzt schon in Buchform allgegenwärtig; außerhalb von Deutschland wurde das Lizenzrecht jeher nur vereinzelt geltend gemacht, so etwa in der Türkei, wo 2005 der Verkauf einer populären Neuauflage unterbunden wurde. Und selbst in Deutschland war "Mein Kampf" antiquarisch in den letzten 70 Jahren verfügbar.

Wegen dieser komplizierten Gemengelage umgeben das Buch viele Mythen und eine "Aura des Verbotenen". Zu den Befürwortern einer veränderten Herangehensweise zählen Künstler wie der Kabarettist Serdar Somuncu, der über viele Jahre Passagen aus "Mein Kampf" satirisch überspitzt vorgetragen hat. "Warum nicht auch in Deutschland einen souveräneren Umgang mit dem Buch wagen? Ich traue das den jungen Menschen zu", kommentierte er in der Talkshow "Anne Will" vor einiger Zeit. Man müsse Schluss machen mit der "Ehrfurcht vor einem Text, der es nicht verdient hat, dass man ihn auf einen Sockel hebt", schrieb er an anderer Stelle. Erst das Verbot mache diesen literarisch-ideologischen Schund zur Devotionalie.

Anstatt "Mein Kampf" weiterhin zu verteufeln und zu verbieten, bietet sich jetzt die Chance, einen offensiven und selbstbewussten Umgang mit seinen Inhalten zu finden. Denn eine demokratische und streitbare Gesellschaft muss es aushalten, dass unliebsame, ja vollkommen falsche und verletzende Aussagen getätigt werden. Im Idealfall legen nicht Gesetze fest, wo die Grenzen des Sagbaren sind, sondern die zivilgesellschaftliche Auseinandersetzung. Denn klar ist: Verbote sind nicht geeignet, um Geisteshaltungen zu verändern. Bücher können zwar verboten werden, von der Bildfläche verschwunden sind sie deswegen aber noch lange nicht. Das zeigt nicht zuletzt das Beispiel von "Mein Kampf".

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