Türkei: Die Instrumentalisierung der Turkmenen

Geopolitische Interessen im Konflikt zwischen Russland und der Türkei

Syrien ist für Russlands geopolitische Strategie von enormer Bedeutung. Die russische Flotte im syrischen Tartus sichert die strategische Präsenz im Mittelmeer und im Atlantik. Die Verbindung mit dem Assad-Regime in Syrien gewann als Folge des Libyenkrieges 2011 an Bedeutung: Russland hatte unter großen Bauchschmerzen einer UN-Flugverbotszone über Libyen zugestimmt.

Die NATO, speziell Großbritannien und Frankreich, hatten dieses Mandat überdehnt und mit ihrer Luftwaffe aktiv Partei ergriffen und den Regimechange in Libyen unterstützt. Heute ist Libyen ein failed state mit starker IS-Präsenz. Eine ähnliche Entwicklung wollte Russland in Syrien von Anfang an verhindern.

Die USA und die NATO versuchten ebenfalls von Anfang an, den russischen Einfluss in Syrien so weit wie möglich einzudämmen. Sie setzten dabei auf ihre regionalen Verbündeten Türkei, Saudi-Arabien und Katar. Aufgrund ihrer eigenen islamistischen Orientierung hatten und haben diese Länder keinerlei Interesse, eine multiethnische und multireligiöse Lösung herbeizuführen und setzten einseitig auf sunnitische, dschihadistisch und salafistische Allianzen - je nach eigener Präferenz mehr auf al-Qaida, IS oder die Muslimbrüder.

Konfessionell-sektiererische Dimensionen

Erst am 28.12.2015 wurden bei der Offensive der SDF (Syrian Democratic Forces) gegen den IS beim Tishrin-Damm am Euphrat (Erfolg der Kurden gegen den IS stört türkische Interessen) angeblich an den Jemen adressierte saudische Waffen sichergestellt. Es ist kein Geheimnis, dass im Hegemonialkrieg im Jemen zwischen Saudi-Arabien (mit NATO-Unterstützung) und Iran salafistische Gruppen, die dem IS und al-Qaida nahestehen, mit Waffen gegen die schiitischen Huthi-Rebellen versorgt und aus der Luft von saudischen Kampffliegern unterstützt werden.

Deutlich wird die sektiererische Dimension der saudischen Politik auch in der Gründung einer islamischen Militärallianz, der 33 muslimische Staaten angehören sollen (zumindest Libanon und Pakistan dementieren von ihrer angeblichen Mitgliedschaft zu wissen), während schiitisch dominierte Staaten wie Irak und Iran, aber auch Syrien aktiv ausgeschlossen sind (Saudi-Arabien ruft neue islamische Anti-Terror-Koalition aus).

Die genannten Staaten sind alle entweder selbst NATO-Mitglieder oder ihre engen Verbündeten, auch die USA und die NATO setzten in Syrien und im Irak auf taktische Bündnisse mit dschihadistischen Gruppen. Dies machte den Aufstieg des IS überhaupt erst möglich.

Zwangsläufig entstanden hier Widersprüche: Während die USA zu einer Neuaufteilung des Mittleren Ostens im Rahmen des "Greater Middle East Projects" (Entstehung und Ziel des "Greater Middle East"-Programms) tendieren, hält die Türkei immer noch an ihrem neo-osmanischen Projekt fest. Beobachter gegen davon aus, dass vermutlich Aktivitäten des IS längere Zeit geduldet wurden1 Gleichzeitig gebärdet sich die Türkei als Teil einer Anti-IS-Koalition.

Das direkte militärische Engagement Russlands hat die Kräfteverhältnisse in Syrien verändert. Russland möchte seinen Einfluss in der Region mit oder ohne Assad wahren und Syriens Zukunft mitgestalten. Als Folge der Pariser Attentate und der Flüchtlingskrise in der EU gab es auf dem G-20-Gipfel in Antalya eine Annäherung über eine gemeinsame Strategie zwischen den von Russland und den USA geführten Kräften.

Offensichtlich haben Erdogan und Davutoglu diesen Annäherungsprozess als Zurückdrängung ihres eigenen Einflusses empfunden, der stark auf Kooperation mit diversen islamistischen Milizen beruht. Der Abschuss des russischen Kampfjets unterbrach diesen Annäherungsprozess erst einmal.

Turkmenen und neo-osmanische Ansprüche

Zu diesen islamistischen Milizen gehören auch turkmenische Milizen im türkisch-syrischen Grenzgebiet, südlich des Hatay (siehe auch Geopolitische Interessen hinter dem Konflikt zwischen Russland und Türkei). Dass Russland auch viele turkmenische Milizen als Gegner betrachtet, hat seine guten Gründe, da diese ein Bindeglied der türkischen Politik zu dschihadistischen Banden bilden und eng mit den al-Qaida-Vertretern in Syrien, Jabhat al-Nusra und Ahrar al-Sham, zusammenarbeiten.

Die Turkmenen in Syrien machen ca. 100.000 bis 200.000 Menschen aus. Sie leben hauptsächlich in den Städten Aleppo, Damaskus, Homs und Latakia sowie im Gebiet zwischen Euphrat und Tigris in Rojava.

Nach dem verlorenen russisch-osmanischen Krieg zwischen 1877 und 1878 siedelten die Osmanen einen Teil der Kriegsflüchtlinge in Syrien an. Die heutigen Turkmenen sind die Reste der osmanisch-türkischen Bevölkerung, die nach dem Zusammenbruch des Osmanischen Reiches in Syrien verblieben sind. Sie haben keine direkte Verbindung zu Turkmenistan und außer dem Namen nur wenig mit den Bewohnern der mittelasiatischen Republik Turkmenistan gemeinsam.

Französische Karte aus dem Jahr 1935 über die Verteilung religiöser und ethnischer Minderheiten in Syrien und im Libanon. Bild: Wikimedia/Institut français du Proche-Orient/gemeinfrei

In Syrien wurden sie von den Osmanen bewusst bei Damaskus angesiedelt, weil sie als besonders loyal galten. Daran knüpft die faschistische türkische MHP an, welche die Ideologie vertritt, alle Turkvölker in einem gemeinsamen Reich zu vereinen. Für diese Ideologie, die Vereinigung der Turkvölker, sind die Turkmenen besonders empfänglich. Die nationalistische Propaganda der Türkei wirkt hier, denn die türkische Provinz Hatay wurde von Frankreich 1939 aus Syrien herausgelöst und an die Türkei übertragen, mit dem Argument, dort leben viele Turkmenen (Geopolitische Interessen hinter dem Konflikt zwischen Russland und Türkei).

Die junge türkische Republik von Atatürk hatte die Maxime der faschistischen Jungtürkenbewegung übernommen, wonach die Turkmenen ihre Brüder und Schwestern seien - im Sinne eines großtürkischen Reiches. In Syrien unter Assad wurden die Turkmenen indes genauso unterdrückt und diskriminiert wie die Kurden und in den kurdischen Gebieten zwangsangesiedelt, um den Einfluss der Kurden einzudämmen.

Die Türkei hingegen versucht, die Turkmenen für sich zu vereinnahmen. So bemühte sich der türkische Geheimdienst MIT in Syrien, sie als Verbündete gegen Assad und die Kurden zu gewinnen. Was auch teilweise gelang. Viele Turkmenen kämpfen heute an der Seite von al-Nusra im Norden Syriens bei Jarabulus. Aber es gibt auch Einheiten, die auf Seiten der YPG/YPJ bzw. der SDF kämpfen, da sie verstanden haben, dass sie von der türkischen Politik instrumentalisiert werden.

Die Türkei bemüht sich, im Irak, in Iran, in Georgien - und in Russland bei den Krimtartaren - Einfluss zu nehmen. Gerade die vom Assad-Regime unterdrückten Turkmenen um Idlib empfinden Sympathien für die islamistische al-Nusra-Front, die auch von der türkischen Regierung unterstützt wird. Auch der türkische Geheimdienst versuchte, sich bei den Aktivitäten der Turkmenen einzumischen, und konnte auf eine gewisse Attraktivität für nationalistisches Gedankengut zurückgreifen.

Die turkmenische Bevölkerung im Irak, vor allem in Mosul, diente der Türkei lange dazu, neosmanische Ansprüche zu rechtfertigen. Wie schnell sich das Blatt jedoch wenden kann, wurde deutlich, als die türkische Regierung die turkmenische Bevölkerung von Mossul praktisch stillschweigend dem IS überließ.

Die sunnitische Karte

Mitte Dezember versuchte die türkische Regierung durch die Stationierung von 2.000 türkischen Soldaten mit schwerer Artillerie bei Mosul ihre Machtposition im sunnitischen Zentrum des Iraks auszubauen. Auch hier scheint weniger die turkmenische, als die sunnitische Karte eine Rolle zu spielen.

Nach Angaben der kurdischen Online Plattform lekolin kam es zu einem Treffen einer sechsköpfigen Delegation aus Vertretern des türkischen Geheimdiensts MIT, des saudi-arabischen Geheimdiensts GIP und dem Stellvertreter Masrour Barzanis, des Vorsitzenden des Sicherheitsrats der kurdischen Autonomieregion der südkurdischen KDP, mit dem "Emir" des IS von Mosul im Dorf Bezan am 12. Dezember.

Dabei sei angeblich diskutiert worden, dass die irakische Regierung mit iranischer und russischer Luftunterstützung eine Operation gegen Mosul vorbereitet. Bevor dies geschehe, solle der IS die Stadt Mosul den in der Türkei trainierten sunnitischen Milizen, den türkischen Soldaten und den KDP-Peschmerga übergeben. Als Gegenleistung sollen die Kräfte des IS in die sunnitischen Milizen integriert werden und der IS seine de-facto-Macht in der Region schützen können. Bekannte IS Mitglieder sollen laut dem Bericht in die Türkei ausgeschleust werden und dort bleiben können.

Ob diese Informationen zutreffen, ist verlässlich nicht zu beurteilen. Bekannt ist, dass die irakische Regierung nach der Befreiung von Ramadi angekündigt hat, Mosul sei das nächste Befreiungsziel. Dass dies mit Interessen der sunnitischen Allianz um die Türkei und Saudi Arabien kollidiert, ist aber kein Geheimnis. Auch über Kooperationen mit IS-Kräften, nicht nur aus Syrien, waren immer wieder Hinweise zu lesen.

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