Die ersten Bauern tranken keine Milch

Der lange Weg nach Europa - Neue Erkenntnisse über die neolithische Revolution

Als die Jäger und Sammler begannen, den Boden zu bebauen und Siedlungen zu gründen, setzte das eine nachhaltige kulturelle Entwicklung in Gang, eine umfassende Veränderung, die in den Jahrtausenden ihre Spuren auch in den Genen hinterließ.

In der Jungsteinzeit findet die neolithische Revolution statt. Getrieben möglicherweise von lokalen klimatischen Veränderungen, lassen sich zum ersten Mal in der Menschheitsgeschichte vor etwa 12.000 Jahren Jäger und Sammler nieder und beginnen Felder anzulegen und zu bepflanzen. Das geschah vermutlich an mehreren Orten im Gebiet des Fruchtbaren Halbmondes mehr oder weniger gleichzeitig, wobei nicht auszuschließen ist, dass die ersten Bauern miteinander auch über weite Distanzen in Kontakt standen, um Erfahrungen und Pflanzen austauschten.

Grab eines erwachsenen Mannes aus der Salzmünder Kultur (Saalekreis, Sachsen-Anhalt) ca. 5400-5100 v. Chr. Seine genetischen Daten sind in die Studie mit eingeflossen. Foto: Juraj Lipták, LDA Sachsen-Anhalt

Frühe Landwirte lebten in der sogenannten Natufien-Kultur im Nahen Osten, im heutigen Syrien, Jordanien, Israel und im Westjordanland in Palästina. In Jordanien wurde vor ein paar Jahren ein 11.000 Jahre alter Kornspeicher entdeckt. Aber es gab sehr früh auch Ackerbau im Zagros-Gebirge im heutigen Iran und Irak (autonome Region Kurdistan), wie Ausgrabungen in letzter Zeit erwiesen).

Dort fanden die Ausgräber fast 12.000 Jahre alte Spuren des Anbaus vieler wilder Vorfahren von späteren Kulturpflanzen, wie Wildgerste, das Wildgras Aegilops (Vorläufer des Weizens) und Linsen. Vor knapp 10.000 Jahren ernteten diese Pioniere bereits domestizierten Emmer-Weizen auf ihren Äckern.

Heute sprechen viele Experten eher von einer neolithischen Evolution, weil es sich tatsächlich um einen sehr langfristigen Prozess des grundlegenden kulturellen Wandels handelte. Große Anlagen, Tempel und Gebäude bauten schon die Jäger und Sammler, wie nicht zuletzt die Entdeckung von Göbekli Tepe in Südanatolien beweist (Ältester Tempel gibt Rätsel auf).

Aber mit dem Ackerbau beginnt die Sesshaftigkeit, Dörfer und Städte entstehen. Der Mensch domestizierte verschiedene Haus- und Nutztiere, machte das Land urbar und formte ganze Landschaften um, töpferte sich Geschirr und Idole. Die Bevölkerung nahm rapide zu, die Bauern lebten in größeren Gruppen zusammen und es bildeten sich verstärkt Arbeitsteilungen und zunehmend soziale Schichten. Ein gigantischer Kulturwandel, der Jahrtausende dauerte.

Debattiert wird in der Wissenschaftswelt noch darüber, ob der Krieg zwischen einzelnen Gruppen durch das Verteidigen oder die Eroberung im Neolithikum begann. Sicher ist, dass einige grausige Funde von Massengräbern aus der Zeit kriegerische Auseinandersetzungen belegen.

Der lange Weg nach Europa

Es dauerte lange, bis die Landwirtschaft in Mitteleuropa ankam. Und es dauert nochmals lange, bis sie sich wirklich durchsetzt. Zumal die bäuerliche Lebensweise zunächst verstärkt Mangelernährung, und durch das enge Zusammenleben mit den Tieren neue Krankheiten zur Folge hatte. Sie ermöglichte aber auch eine viel höhere Bevölkerungsdichte.

Erst vor rund 7.500 Jahren startete im Zentrum Europas die neolithische Revolution, aber noch Jahrtausende lang lebte parallel eine Jäger- und Sammlergesellschaft weiter. Lange gab es einen wissenschaftlichen Streit unter den Anthropologen darüber, wie der Siegeszug des Bauerntums sich Bahn brach.

Das Kulturdiffusions-Modell beschreibt den Übergang von der Wildbeutergesellschaft zur bäuerlichen Lebensform durch die Vermittlung von Wissen, das sich durch Nachbarschaften und deren jeweilige Kulturtechnik-Aneignung ausbreitet.

Das andere Modell geht davon aus, dass Gruppen von Zuwanderern den Anbau von Feldfrüchten und die Viehzucht direkt in immer neue Regionen brachten, wo sie sich durch intensiven Kontakt und Vermischung mit der einheimischen Bevölkerung vor Ort durchsetzten. Lokale Jäger und Sammler wurden sozusagen durch gelebtes Vorbild und in der Folge zudem durch Familienbande zu Bauern, die fortan in dörflichen Gemeinschaften lebten.

Die Paläogenetiker haben in den letzten Jahren vielfach belegt, dass das Migrationsmodell stimmt; die frühen Bauern wanderten mit ihrem Vieh und ihren Pflanzen ein und veränderten die Lebenswelt der Einheimischen grundlegend. Zuerst bewiesen die Forscher, dass die ersten mitteleuropäischen Bauern nicht von den dort lebenden Jägern und Sammlern abstammten (Die ersten europäischen Bauern waren Migranten).

Dann stellten sie fest, dass diese Vorreiter aus Vorderasien stammten, über Anatolien und den Balkan waren sie die Donau hinauf gezogen (Die ersten Bauern in Mitteleuropa stammten aus dem Nahen Osten). Zuletzt erwies der analytische Blick in die Gene, dass heutige Europäer sowohl von ihnen als auch von den ursprünglichen Nomaden abstammen - ein gemeinsamer Genpool (Genetische Mixtur).

Die bäuerlichen Pioniere brachten nicht nur eine neue Lebensform, sondern auch ihr Saatgut und ihre Tiere mit - auch das erwies sich durch genetische Untersuchungen. Moderne Rinderrassen stammen nicht vom in Mitteleuropa damals heimischen Auerochsen ab, sondern von Wildrindern im Nahen Osten. Schafe und Ziegen stammen ebenfalls aus Vorderasien - selbst das Schwein hatten die Einwanderer in seinem Gepäck.

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