Libyen: IS-Offensive auf Öl-Hafen

04.01.2016

Aus as-Sidr werden Kämpfe zwischen IS-Milizen und der Bewacher-Miliz des Öl-Verladeterminals gemeldet

IS-Milizen haben laut Berichten einer Nachrichtenagentur und Augenzeugen eine Offensive auf den libyschen Ölhafen as-Sidr (bzw. El-Sider) gestartet. Die Dschihadisten liefern sich Kämpfe mit der Ibrahim al-Jathran-Miliz, die sich seit längerem zum Bewacher der Ölanlagen erklärt hat und englisch unter dem Namen Petrol Facilities Guard firmiert.

In as-Sidr an der tripolitanischen Mittelmeerküste, gelegen zwischen Sirte und Brega, befindet sich ein großes Öl-Verlade-Terminal, nur wenige Kilometer davon entfernt ist Ras Lanuf, mit einem Ölhafen und einer großen Erdölraffinerie.

Laut Informationen des libyschen Journalisten Mohamed Eljahr wurde in as-Sidr mindestens ein Öltank in Brand gesetzt. Nach Kenntnisstand des Journalisten, der u.a. für das US-Magazin Foreign Affairs tätig ist, sollen verschiedene bewaffnete Einheiten der oben genannten obskuren Miliz "Petrol Facilities Guard" (vgl. dazu US-Energiepolitik in Libyen) im Kampf gegen den IS helfen.

Auftakt einer größeren Offensive?

Die Aussichten, dass der IS beide Orte, as-Sidr und Ras Lanuf tatsächlich erobert, sind nach seiner Einschätzung, geringer als befürchtet. Bestätigt wird dies vom Journalisten Sami M. Berriwen: Die Petrol Facilities Guard behalten im Augenblick die Kontrolle.

Öl- und Gasfelder, Pipelines und Raffinerien in Libyen. Bild: Amt für Energiestatistik (EIA), USA; gemeinfrei

Nach Berriwens Informationen handelt es sich bei dem IS-Angriff um eine größere Offensive, was allein an der Namensgebung abzulesen sei. Die IS-Operation sei nach einem früheren IS-Führer in Libyen benannt, der im Propaganda-Magazin Dabiq die Offensive auf wichtige Ölanlagen in Libyen angekündigt habe.

Auch Eljahr geht davon aus, dass der IS nicht nur einen spontanen singulären Angriff unternimmt, sondern versucht, Kontrolle über die Ölhäfen und die Raffinerie zu erlangen.

Delikater Zeitpunkt

Mit Sicherheit lässt sich derzeit nur sagen, dass der Zeitpunkt für den Angriff gut gewählt ist. Die Einheitsregierung ist noch nicht im Amt und wie es derzeit aussieht, steht der UN-Sonderbeauftragte Martin Kobler unter großen Zeitdruck, die großen Hindernisse auszuräumen, die der vereinbarten Bildung der Einheitsregierung im Weg stehen. Feierlich vereinbart wurde diese am 17.Dezember, binnen 30 Tagen sollte sie gebildet werden (Libyen: Rivalisierende Lager unterzeichnen UN-Friedensplan).

Doch zeigt sich, dass Kobler vor großen Widerständen steht. In beiden Lagern, die zusammengeführt werden sollen, die GNC-Regierung in Tripolis und der HoR-Regierung in Tobruk, gibt es Kräfte, die den politischen Prozess blockieren.

Sichtbar wurde der Widerstand einmal, als Kobler vor wenigen Tagen eine Pressekonferenz abhielt und von einem Repräsentanten des GNC (General National Congress) abrupt an der Weiterführung gehindert wurde, mit der Begründung, dass die Pressekonferenz nicht erlaubt sei. Auch dass Kobler mit seiner UN-Entourage seinen Sitz nicht immer nicht in der Hauptstadt Tripolis einnehmen darf, spricht Bände über die Zähigkeit des politischen Prozesses.

Für die Absicht des IS, Kontrolle über Ölanlagen zu erlangen, gab es schon länger Hinweise. Die Frage ist, wie sich westliche Länder, etwa die USA, deren Unternehmen dort tätig sind, darauf reagieren.

Schon bei der Konferenz in Rom zu Libyen verdichteten sich Hinweise darauf, dass die Bildung einer Einheitsregierung mit einer Bitte um internationale Unterstützung einhergeht. Dass also mit der Legitimation einer international anerkannten Regierung eine erneute militärische Intervention in Gang gesetzt würde. Rom und Paris sendeten bereits entsprechende Signale.

Vorbereitungen zu einem internationalen Militäreinsatz

Laut Informationen der britischen Zeitung Daily Mail haben die Pläne in Großbritannien bereits konkrete Ausmaße angenommen. Die Zeitung beruft sich auf Regierungsquellenmit der Behauptung, dass eine Offensive mit 6.000 US-amerikanischen und europäischen Soldaten geplant sei und bereits britische Spezialeinheiten nach Libyen gesendet wurden.

Ob die Informationen der Boulevardzeitung verlässlich sind, bleibt allerdings abzuwarten. Tatsächlich erscheint die Annahme ziemlich gewagt, dass die USA und die Europäer Bodentruppen nach Libyen schicken würden. Zudem braucht es dafür ein UN-Mandat.

Der UN-Sonderbeauftragte Kobler sprach gegenüber einer deutschen Sonntagsboulevardzeitung davon, dass sich Deutschland an der Ausbildung von Sicherheitskräften in Libyen beteiligen könnte - "sobald die Sicherheitslage in dem Land besser ist".

Einen internationalen Militäreinsatz zur Bekämpfung des IS wie in Syrien schloss Kobler nicht aus.

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