Russenverschwörung mit Rundfunkgebühren

05.01.2016

Die Tatort-Episode "Fegefeuer" - eine Fortsetzung der Tagesschau mit anderen Mitteln

In Zeiten des Kalten Krieges kamen die Russen in der ARD nicht gut weg. Aber so haarsträubende Machwerke, wie sie der westdeutsche Gebührensender am Freitag und am Sonntag sendete, wären damals schwer vorstellbar gewesen.

"Der ganze zeitgeistige Quatsch einer seichten Talkshow- und Feuilleton-Soziologie hat im 'Tatort' seine Abladestelle gefunden" konstatierte die Neue Zürcher Zeitung 2009. Seitdem hat sich nichts gebessert, aber viel verschlechtert. Über den "Fegefeuer" betitelten aktuellen Krimi aus der Sendereihe befindet sogar Spiegel Online: "Das mag man alles hanebüchen finden und hölzern, unterkomplex oder einfach peinlich - Kein Wunder, es ist öffentlich-rechtliches Unterhaltungsfernsehen".

Das Elend fängt schon bei der Wahl der Darsteller an: Wo früher Schauspieler wie Helmut Fischer oder Fritz Eckhart die sozialen Milieus der Figuren, die sie verkörperten, so genau studierten, dass Zuschauer die Dialoge als nur ganz fein zugespitzte Realität genießen konnten, taugen Promis wie der fistelnde Schönling Til Schweiger oder die Schlagerdrossel Helene Fischer allerhöchstens als Selbstdarsteller. Engagiert hat man sie anscheinend nach den gleichen Kriterien, nach denen man Teilnehmer an Kochshows auswählt: Hauptsache prominent, das bringt Quoten.

Wo man nur mit Promi-Namen nach Quoten fischt, kommt es auf die Drehbüchern nicht an - die kann man dann sogar von Leuten wie Christoph Darnstädt schreiben lassen. Der erzählt dem Zuschauer allen Ernstes, dass der Russische Geheimdienst FSB ein paar Tschetschenen engagiert hat, die im gestürmten Tagesschau-Studio Islamisten mimen und einen Kurden-Mafioso freipressen wollen, der Jezide ist und den Verkauf des Hamburger Hafens an einen russische Oligarchen verhindern könnte.

Wegen der Tagesschau-Szene verschob die ARD die Ausstrahlungstermine der beiden zusammenhängenden Episoden "Der große Schmerz" und "Fegefeuer", die ursprünglich fünf und neun Tage nach den Anschlägen von Paris laufen sollten, auf den 1. und den 3. Januar 2015. Man hatte möglicherweise Angst, dass der geistig vielleicht nicht mehr ganz rege ÖRTV-Zuschauer nicht mehr so genau zwischen Realität und Fiktion unterscheiden kann, wenn er die Tagesschau-Sprecherin Judith Rakers in einem Krimi sieht, an dessen Schluss Thomas Roth von den Tagesthemen mitspielt. Um so bemerkenswerter ist, dass man ausgerechnet diesem Publikum die Russen als Hintermänner einer Verschwörung präsentiert. Und dass man ursprünglich den Tatort-Vorspann weglassen und übergangslos von der Tagesschau zur fiktionalen Tagesschau-Geiselnahme schalten wollte.

Bild: NDR/Gordon Timpen

Der russische Inlandsgeheimdienst [sic] FSB kann im Tatort in einer deutschen Großstadt ungehindert mit Hilfe von Hubschraubern morden und hat unter anderem den Innensenator in der Hand. Kein Wunder, dass sich Schweiger (der im echten Leben in Talkshows fordert, Demonstranten eine Nacht lang einzusperren, damit sie nicht mehr demonstrieren) den Weg mit einer Panzerfaust freiräumen und seiner Tochter das Schießen beibringen muss. Im Trailer zur Fortsetzung, die zuerst im Kino laufen soll, sieht man ihn mit einem Mähdrescher durch Moskau fahren. Die FAZ meinte dazu nur: "Klingt das überdreht? Unglaubwürdig? Von allen guten Geistern verlassen? So ist es."

Til Schweiger ist da ganz anderer Meinung. Auf seinem Facebook-Profil lobt er "Fegefeuer" als "kompromisslos, atemlos, viril" und "phantastisch für das schmale Geld", das andere für "zwei moppelige Kommissare" ausgeben, "die 'ne Currywurst verspeisen, oder ein Bier vor einem bayrischen Imbiss zocken [sic]". Sein Regisseur, so Schweiger, habe "Non Stop Action" [sic] in diese 90 Minuten [gebracht], in denen sonst meistens dummes Zeug gelabert wird", deshalb feiere er ihn "jetzt mal richtig derbe ab!!!" Was dann folgt, könnte paraphrasiert nur einen unzureichenden Eindruck davon vermitteln, wie es im Kopf von Til Schweiger zugeht, und wird deshalb ohne Korrekturen und andere Eingriffe wiedergegeben:

Weil.... ich als Filmemacher/Schauspieler/Produzent/Writer/Cutter/Composer.... viel mehr Ahnung.... ich habe viiiieel mehr Ahnung von der Craft( Materie)....KUNST.... als die meisten von diesen Trotteln, die darüber schreiben!!!!.... Wenn sie ehrlich wären, würden sie zugeben, dass du was aussergewöhnliches geschaffen hast!! Das kriegen sie aber nicht hin, weil sie schwach und klein sind! Deswegen sage ich, als einer der es besser weiß, weil ich vom Fach bin: Mit allen Schwaechen, die dieserTatort hatte, ist er der bahnbrechendste seiner Art!!! Ich bin unendlich stolz auf dich und was wir gemeinsam erreicht haben!!Du bist der Größte!!!! Deine Arbeit ist unglaublich stark!!!!Ich bin meeega stolz auf dich!!!!ps: Deutschland bleibt das Land der Neider....und am Rande bemerkt... der vierte Teil ist NiCHT wegen mir nicht ausgestrahlt worden, sondern wegen dem NDR..!!!!!"

Wie man russische Geheimdienstler ästhetisch ansprechender als Strippenzieher einer umfassenden Verschwörung darstellt, zeigt die fünfte Staffel der (nicht durch Zwangsgebühren finanzierten) US-Serie Homeland, die überwiegend in Berlin spielt. Auch hier ist der Plot nicht unbedingt glaubhaft - aber deutlich unterhaltsamer umgesetzt, was unter anderem an den sehr viel besseren Darstellern liegt. Für die Figuren aus der Whistleblower- und Hacker-Szene hat man sich in dieser Staffel so gründlich aus realen Geschehnissen bedient, dass sich ein Anwalt wiedererkannte.

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