Kurssturz in China

06.01.2016

Tektonische Erschütterungen im globalen Finanz-Tsunami

Die Schließung der Shanghaier Börse am 3. Januar 2016 erfolgte aufgrund einer erst seit Jahresbeginn geltenden Verfügung, den Börsentag zu beenden, sobald die Aktienkurse um mehr als 7 Prozent nachgeben. Sie folgt aber auch auf eine Periode von Eingriffen in den Aktienmarkt durch die Regierung und die Zentralbank, die weltweit nicht ohne Parallelen sind.

Der chinesische Aktienmarkt wird seit dem Sommer künstlich hochgehalten

Nach den Aktiencrashs vom Juli und vom August 2015 griff die für Wertpapierkäufe im Auftrag des Staates zuständige "China Securities Finance Corporation" (CSF) mit umfangreichen Ankäufen in den Aktienmarkt ein, um nach einem Kurssturz von 30 Prozent innerhalb von drei Wochen weitere Einbrüche an den Börsen von Shanghai und Shenzhen zu verhindern. Insgesamt verfügt die CSF über Mittel in Höhe von 2,5 bis 3 Billionen Yuan (etwa 400 bis 500 Mrd. US-Dollar) - in etwa zwei Drittel der Summe, über die der ESM verfügt.

Außerdem wurde Großaktionären wie den milliardenschweren Pensionsfonds ein Verkaufsverbot erteilt, während laufende Börsengänge ausgesetzt wurden. Der staatliche Ölkonzern kaufte in großem Umfang eigene Aktien auf, um seinen Kurs zu stabilisieren. Kleinanlegern wurde gestattet, die eigene Immobilie als Wertpapierkredit zu hinterlegen. Die chinesische Zentralbank senkte ihren Leitzins, um Investoren mit billigem Geld zu locken.

Sämtliche Maßnahmen dienten ausschließlich dazu, die Krisensituation so schnell wie möglich unter Kontrolle zu bringen - ohne jede Rücksicht auf die langfristigen Folgen. Diese aber haben das Land nun eingeholt: Der Crash zum Jahresanfang erfolgte wenige Tage vor der Aufhebung der Notmaßnahmen vom Sommer vergangenen Jahres und spiegelt die Angst vieler Investoren vor einem noch größeren Crash wider.

Analysten schreiben den Einbruch der Kurse einerseits den schlechten Wirtschaftsdaten - einem Rückgang der chinesischen Produktion im zehnten Monat in Folge - und andererseits den dramatischen Vorgängen um den eskalierenden Konflikt zwischen Saudi-Arabien und Iran zu. Beide Phänomene können aber nur als Auslöser der jetzigen Krise gelten. Deren tiefere Ursachen sind in einem Phänomen zu suchen, das China seit der Krise von 2008 mit dem Rest der Welt teilt: Der kreditgetriebenen Aufblähung des Anleihen-, Aktien- und Immobilienmarktes.

Der Motor der Kurssteigerungen: Kredit und Manipulation

Zwar nimmt China innerhalb der Weltwirtschaft eine Sonderrolle ein. Es hat als Handelspartner von etwa 120 Ländern inzwischen die USA, Handelspartner von etwa 70 Ländern, längst überrundet. Seine Produktionskapazitäten sind die größten der Welt. Seine Währung, der Yuan, hat zwar noch nicht annähernd die Bedeutung des US-Dollars, wird jedoch weltweit immer wichtiger. Der Beschluss des IWF, den Yuan in diesem Jahr in seinen Währungskorb aufzunehmen, beweist diese Entwicklung.

Wichtiger als all diese Sachverhalte ist jedoch die Tatsache, dass die chinesische Wirtschaft wie alle übrigen Wirtschaften der Welt seit der Krise von 2007/2008 vollständig von der sich jeder Kontrolle immer stärker entziehenden Finanzindustrie beherrscht wird und dass die Politik aus reinem Selbsterhaltungstrieb heraus versucht, sämtliche ihrer Forderungen zu erfüllen, um einen Kollaps des Systems zu verhindern.

Nach dem Zusammenbruch von Lehman Brothers, der Übernahme von Bear Stearns durch JPMorgan Chase und der Verstaatlichung einer Reihe internationaler Finanzinstitute brauchten die großen Finanzinstitutionen 2008 dringend frisches Geld, um überleben und die Märkte weiter beherrschen zu können. Die Staaten reagierten, indem sie die Zentralbanken anwiesen, riesige Mengen an Geld zu drucken und dieses den großen Investoren zu immer niedrigeren Zinsen zur Verfügung zu stellen. Deren Bedarf war damit aber noch lange nicht gedeckt. Da die Realwirtschaft nicht wieder auf die Beine kam (da im Finanzsektor schnellere und höhere Gewinne zu erzielen waren) und die Krise sich trotz aller anders lautenden Aussagen seitens der Politik und der Mainstream-Journalisten weiter verschärfte, begannen die Zentralbanken, Staatsanleihen zur Stützung taumelnder Staaten aufzukaufen und auch in die Aktienmärkte einzugreifen.

Ein Ausstieg ist nicht mehr möglich

Durch diese Manipulation aber wurde eine Spirale in Gang gesetzt, aus der ein Ausstieg nun nicht mehr möglich ist. Da das weltweite Finanzkasino fast ausschließlich schuldengetrieben ist, müssen die Kurse, allein um die Zinszahlungen auf diese Schulden bedienen zu können, ständig nur in eine Richtung gehen - nach oben. Fallen die Kurse in größerem Ausmaß, müssen die Zentralbanken sofort wieder aktiv werden und frisches Geld ins System pumpen - ein sich selbst verstärkender Mechanismus, der schlussendlich zum Zusammenbruch des gesamten Systems führen muss, da er sich nicht umkehren, ja noch nicht einmal vorübergehend anhalten lässt.

Wie die Nachrichtenagentur Bloomberg meldet, hat die chinesische Regierung nach dem Crash vom 4. Januar durch staatlich kontrollierte Fonds in großem Still Aktien aufgekauft und das seit dem Sommer geltende Verkaufsverbot für Großinvestoren verlängert. In anderen Worten: Sie hat die Folgen der Marktmanipulation durch erneute und noch stärkere Manipulation als bisher übertüncht und damit bereits die Grundlagen für einen späteren, noch gewaltigeren Crash gelegt.

Wie weit fortgeschritten die durch derartige Manipulation bewirkte Entgleisung des Systems mittlerweile auf internationaler Ebene fortgeschritten ist, zeigt die Tatsache, dass die Zentralbanken es nicht mehr schaffen, trotz der gewaltigen Geldinjektionen den Prozess der Inflation voranzutreiben. Diese wird dringend gebraucht, denn einzig eine Inflation kann den Schuldenberg zumindest in Ansätzen schmelzen lassen. (Während Preise, Produktionskosten und Steuereinnahmen steigen, würden die Schulden konstant bleiben, also in Relation zum übrigen Preisniveau sinken.)

Zusätzlich angefacht wird die Gefährlichkeit dieses Teufelskreises durch Derivate (Finanzprodukte ohne Bezug zur Realwirtschaft). Mit Leerverkäufen (Wetten auf fallende Kurse) oder Kreditausfallversicherungen (Wetten auf die Zahlungsunfähigkeit von Marktteilnehmern) lassen sich im Finanzsektor auch bei fallenden Kursen und Unternehmens-Zusammenbrüchen Unsummen verdienen. Dass in diesem Bereich riesige Beträge investiert sind, macht die Aufrechterhaltung des Systems zur Überlebensfrage. Ein Zusammenbruch eines einzigen großen Marktteilnehmers würde allein im Bereich der Kreditausfallversicherungen eine Kette von Zahlungsfälligkeiten auslösen, die das System als Ganzes nicht überleben könnte.

Der Kurseinbruch in Shanghai ist also nicht nur ein Alarmzeichen für die globalen Finanzmärkte. Er zeigt auch, wohin die kreditgetriebenen Märkte (also alle Aktien-, Anleihen- und Immobilienmärkte) auf unserem Planeten treiben und welche weiteren tektonischen Erschütterungen in dem vor uns liegenden Finanz-Tsunami zu erwarten sind.

Ernst Wolff ist freier Journalist und Autor des Buches "Weltmacht IWF - Chronik eines Raubzugs", erschienen im Tectum-Verlag, Marburg.

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