Silvester: Häufung der Strafanzeigen im Nachgang der Kölner Übergriffe

07.01.2016

In Düsseldorf formiert sich eine Gruppe, die zum "Aufpassen" mobilisiert

Nach dem Bekanntwerden der massiven sexuellen Übergriffe, Einschüchterungen, Beleidigungen und Diebstähle in der Silvesternacht am Kölner Bahnhof (Köln: "Völlig neue Dimension der Gewalt") berichtet die Polizei nun auch aus anderen Städten von Aggressionen gegen Frauen und Anzeigen, die im Nachhinein bekannt oder eingereicht wurden.

Hamburg: Phänomen Ringbildung nur teilweise bekannt

So meldete die Hamburger Polizei gestern, dass Hamburg-St. Pauli in der Silvesternacht mehrere Frauen von Männern sexuell belästigt und teilweise Opfer eines Raubes oder Diebstahls wurden. Bis zum Nachmittag hatte die Polizei 27 Taten registriert. Seitdem seien 26 weitere angezeigt worden.

Unter den 53 Fällen beklagten 39 eine sexuelle Belästigung, die anderen 14 angezeigten Taten beinhalten zudem einen Raub oder einen Diebstahl. Laut Polizeivizepräsident Fallak, den die Springer-Zeitung Hamburger Abendblatt zitiert.

Bemerkenswert sind in dem Bericht widersprüchliche Aussagen zum "Gruppenphänomen", der Ringbildung der Männer um ihre weiblichen Opfer. So wird der Betreiber einer Bar an der Großen Freiheit mit der Beobachtung wiedergegeben, wonach er bereits Anfang November von Gästen gehört habe, "dass sie auf St. Pauli von Gruppen abgedrängt, begrapscht und auch bestohlen wurden". Hingegen gab die Polizei der Zeitung gegenüber an, dass sie das Phänomen in dieser Form bislang nicht kannte.

Wie in Köln auch sah sich die Polizei angesichts der großen Feiermenge - "zeitweilig mehrere zehntausend Menschen" - mit der Präsenz von zwei Hundertschaften in der Nacht auf dem Kiez vor Problemen.

Stuttgart: "Schwierig, die Sachverhalte zu differenzieren"

In Stuttgart war zunächst lediglich die Rede von einem Fall in der Silvesternacht - ebenfalls ein Raubüberfall mit Ringbildung. 15 Männer, so der Polizeibericht, hätten zwei junge Frauen "umringt, am Weitgehen gehindert und unsittlich berührt" und, wie sie später bemerkten, bestohlen. Ihre beiden Mobiltelefone waren weg. Täterbeschreibung: "Südländer arabischen Aussehens mit schwarzen Haaren im Alter von 30 und 40 Jahren."

Die Anzeige erfolgte am 2.Januar. Am gestrigen Mittwoch hieß es dann von der Polizei, dass weitere Anzeigen von Frauen eingegangen seien, "eine Hand voll" am Dienstag. Als Tatort wurde laut SWR ebenfalls der Schlossplatz angeben, es sei ihnen Ähnliches widerfahren wie im oben genannten Fall.

Insgesamt hätten sich bis Donnerstagmittag 19 Frauen aus ganz Baden-Württemberg gemeldet und Anzeige erstattet. Genauere Angaben zu diesen Anzeigen stehen noch aus.

Es sei schwierig, die "Sachverhalte, die in den Anzeigen geschildert werden, zu differenzieren", ein Polizeisprecher gegenüber der Stuttgarter Zeitung.

Die Polizei gehe davon aus, dass die Zahl der Anzeigen oder Meldungen deshalb weiter ansteige, "weil die Berichterstattung in den Medien immer umfänglicher wird".

Düsseldorf: "Besser aufpassen"

Der Polizeisprecher in Bielefeld, Achim Ridder, teilte der Lokalpresse mit, dass man das Phänomen der "Antanzdiebe" auf dem Bielefelder Boulevard gut kenne. Sie würden sich dort jedes Wochenende befinden - "fast ausschließlich Algerier und Marokkaner, meistens in kleineren Gruppen". In der Silvesternacht habe man drei festgenommen, "nachdem sie bei Umarmungen zwei Handys und eine Handtasche erbeutet hatten".

Ohne die massiven Ausschreitungen in Köln wäre dies keine überregionale Nachricht. So werden auch die Übergriffe, die in Düsseldorf berichtet - insgesamt elf Frauen sollen Anzeigen wegen sexueller Nötigung und zum Teil auch wegen Diebstahls gestellt haben - mit Blick auf Köln kommentiert: Die Art der Delikte sei vergleichbar, so ein Sprecher der Düsseldorfer Polizei, allerdings deutlich geringer in Ausmaß und Umfang.

Zu den Tätern gibt es im WDR-Bericht keine Angaben, aber wiederum Bemerkenswertes zum "Antanztrick". Der Sprecher der Düsseldorfer Polizei kommentiert dazu, dass diese Art der Delikte, welche die Frauen zur Anzeige gebracht haben, "recht neu" und nicht mit dem vielzitierten "Antanztrick" zu vergleichen sei. Da hätten es männliche Täter nämlich auf Männer abgesehen.

In Düsseldorf zeigte sich eine Parallele zu den anderen genannten Städten, nämlich dass der Großteil der Anzeigen - acht von elf - erst "im Zuge der Berichterstattung zu den Vorfällen in Köln" erstattet wurde. Im Verhältnis zu den über 100 Anzeigen in Köln ist das relativ wenig und hätte ohne den Kölner Skandal nur begrenzt Aufmerksamkeit erlangt.

Doch wollen jetzt Düsseldorfer Bürger "besser aufpassen". Die Rheinische Post meldet die "Bildung einer Bürgerwehr". Ein starkes Wort zur Beschreibung einer Gruppe, die auf Facebook beachtlichen Zulauf bekommt.

Immerhin spricht die Gruppe auf ihrem Account aber von "mobilisieren". Dem folgt eine harmlos gehaltene Beschreibung des Vorhabens:

Die Idee ist gemeinsam an Wochenenden bzw. An diversen Veranstaltungstagen durch die Stadt zu ziehen um mit Präsenz und Gewaltlosigkeit den Menschen klar zu machen das so etwas in unserer schönen Stadt absolut nicht toleriert wird!

Altväterlich klingt die Selbstbeschreibung der Absichten der Gruppe, wie sie die Rheinische Post übermittelt. Demnach geht es dem Organisator darum, die Stadt "für unsere Damen sicherer" zu machen.

Wie die Aktivitäten und der Auftritt der Gruppe, die nach eigenen Angaben "weder politisch noch gewalttätig" sein will, in der Praxis aussehen, wird sich laut Bericht bereits am Wochenende zeigen: Am kommenden Samstag "möchte sich die erste Schicht zum Rundgang formieren".

Frankfurt: Noch keine Bewertung der Vorfälle

In Frankfurt wurde zunächst seitens der Polizei berichtet, dass die Silvesternacht "im Großen und Ganzen ruhig verlaufen" sei: "Man kann es unter silvestertypisch zusammenfassen."

Doch meldeten sich laut dem Polizeibericht vom gestrigen Mittwoch "nach der aktuellen Berichterstattung über die Vorfälle in Köln und anderen Städten" auch dort "drei junge Frauen im Alter von 20 und 21 Jahren, die Opfer sexueller Nötigungen durch mehrere bislang unbekannte Männer geworden sind".

Demnach wurden "drei Frauen auf dem Eisernen Steg von drei Männern unsittlich berührt". In einem zweiten Fall seien drei Frauen aus Südhessen von etwa zehn Männern umringt und "massiv unsittlich berührt worden". Die Polizei geht laut Frankfurter Rundschau davon aus, "dass es weitere Übergriffe gegeben hat und die Opfer sich bislang noch nicht gemeldet haben".

Nähere Angaben zu den Tätern gibt es von der Frankfurter Polizei dazu nicht. Man wolle die Vorfälle noch nicht bewerten.

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