Mit Katzenfotos gegen das Hungern

10.01.2016

Nicht nur im syrischen Madaya sterben Menschen

Eine Suppe aus Blättern, ausgemergelte Kindergesichter, ein schreiendes Katzen-Baby: Mit emotionalen Bildern berichten Medien weltweit über das Schicksal der Menschen im syrischen Madaya. Doch die zweite Hälfte des Leides ignorieren sie.

Catcontent funktioniert immer, lautet eine Internetweisheit. Wer auch immer deshalb auf die Idee kam, ein Foto eines schreienden Katzenbabys mit Klinge am Hals auf Twitter zu stellen, hat alles richtig gemacht. "In #Madaya essen die Leute ihre Hunde und Katzen" steht unter dem Tweet, der zurzeit hundertfache Verbreitung findet. Andere Posts zeigen abgemagerte Kinder, die Leiche eines alten Mannes, eine Suppe aus nichts als Blättern.

Weltweit berichten Medien zurzeit über das Hungern und Sterben in der syrischen Kleinstadt Madaya. Darüber, dass Assad und die Hisbollah die Stadt abgeriegelt haben, dass Hilfslieferungen die Bevölkerung nicht erreichen. 12 Tote habe es in den letzten Wochen gegeben, 100 sind es an anderer Stelle. Berichte über Babys, die nicht gestillt werden können, gebe es. Menschen sollen in ihrer Not Gras gegessen haben.

Fast immer stehen die Aussagen im Konjunktiv. Fast nie folgen Fakten, Einordnungen, oder Erklärungen, was genau an diesem Ort eigentlich vor sich geht, den vor einer Woche niemand kannte und der BILD an ein "Konzentrationslager" erinnert. Stattdessen jene Fotos von Twitter mit traurigen Kindern und Katzen - meist verbunden mit dem Hinweis, dass man deren Echtheit nicht nachprüfen konnte.

Die Menschen in Madaya leiden schon lange

Daran, dass viele der 40.000 Bewohner Madayas von Unterernährung, Gewalt und Tod bedroht sind, besteht kein Zweifel. Seit Monaten warnen Aktivisten und Hilfsorganisationen vor einer humanitären Katastrophe in dem Ort und seiner größeren Schwesterstadt Zabadani. Seit Jahren leiden die Menschen dort unter Krieg und einer katastrophalen Versorgungslage - wie sowieso der Großteil der syrischen Bevölkerung.

Der Niedergang der beiden Städte am Rand des Anti-Libanongebirges, die Syrern zu Friedenszeiten als Urlaubsorte dienten, begann im Januar 2012. Kämpfer der oppositionellen Freien Syrischen Armee brachten Zabadani und seinen Vorort Madaya unter ihre Kontrolle. In den folgenden Jahren wechselten sich Rebellen und Regime immer wieder mit der Kontrolle der Stadt ab - oder von dem, was die kontinuierlichen Kämpfe von ihr übrig ließen.

Während Zabadani meist von Syrischer Armee und der mit ihr verbündeten Hisbollah-Miliz kontrolliert wurde, entwickelte sich Madaya zum Stützpunkt der islamischen Ahrar al-Sham-Miliz und damit zum Anlaufpunkt für Waffentransporte und Kämpfer aus dem nur sieben Kilometer entfernten Libanon. Erst im Juli vergangenen Jahres schließlich etablierte sich eine Machtverteilung, die bis heute gilt: Mit einer Großoffensive vertrieben Syrische Armee und Hisbollah die letzten Islamisten aus Zabdani. Ihr letzter Zufluchtsort: Madaya.

Als Madaya ein Zeichen der Hoffnung war

Seitdem seien die Menschen in Madaya von der Außenwelt abgeschnitten, schreiben nun viele Medien, unter anderem die Nachrichtenagentur dpa. Doch das ist falsch. Denn die Offensive endete nicht nur mit der Teilung von Zabadani (Regime) und Madaya (Rebellen), sondern auch mit einem Abkommen, das neben der Freilassung hunderter oppositioneller Kämpfer auch vorsah, die Versorgungslage der Zivilbevölkerung zu verbessern.

Ein Bündnis aus UN, dem Internationalen Roten Kreuz, dem Syrischen Roten Halbmond und der türkischen Hilfsorganisationen IHH versucht seitdem, das Leid der Menschen in Madaya und Zabadani zu lindern. Und das zumindest mit kleinen Erfolgen: Ein Blick auf die Website der UN zeigt, dass der letzte Konvoi nach Madaya nicht ein halbes Jahr - wie in den meisten Medien berichtet - zurückliegt, sondern nur anderthalb Wochen. 125 Kranke und Verwundete konnten am 28. Dezember von dort evakuiert werden. Im Oktober brachten 21 LKW Hilfsgüter in das zerstörte Madaya.

Eine vereinzelte Aktion und viel zu wenig für zehntausende Einwohner. Doch nach fast vier Jahren kontinuierlicher Kriegshandlungen sei dies dennoch als Erfolg zu bewerten, meint der UN-Syrien-Gesandte Staffan de Mistura. "Initiativen wie diese … unterstützten die Annahme, dass ein landesweiter Waffenstillstand möglich ist", sagt er im Oktober. Und auch UN-Nothilfekoordinator Stephen O'Brien lobte das Abkommen: "Diese komplexe Mission zeigt einmal mehr, dass es bei vorhandenem politischen Willen einen Weg gibt, die Situation für Zivilisten in Syrien zu verbessern."

Nicht nur in Madaya hungern Menschen

Dass sich die Versorgungslage in Madaya und Zabadani trotz Waffenstillstand in den kommenden Monaten nicht wesentlich verbesserte, liegt nicht nur an einer Konfliktpartei. Denn das Abkommen, das in der Sprache der UN "Four Town Agreement" heißt, sollte nicht nur den eingeschlossenen Menschen an der libanesischen Grenze helfen.

Rund 350 Kilometer weiter nördlich ereignet sich eine ähnliche Katastrophe - nur mit umgekehrten politischen Vorzeichen. Seit Juli 2015 hat der syrische Al-Qaida-Ableger Al-Nusra-Front die 40.000 Bewohner der Dörfern Foua'a und Kafraya von der Außenwelt abgeschnitten.

Ihr Schicksal ist untrennbar mit dem ihrer Landsleute in Madaya und Zabadani verbunden: Weil Al-Nusra im Norden immer dann Rache an den dort lebenden Schiiten nimmt, wenn die Syrische Armee im Osten angreift. Vor allem aber, weil es ein Waffenstillstandsabkommen ist, das für alle vier Städte gilt: Freilassung von Gefangenen, Evakuierung von Zivilisten und Hilfslieferungen, so die Bestimmungen, finden immer in beiden Regionen statt - oder in keiner.

Meist war letzteres der Fall. In Madaya und Zabadani blieb bei einigen Hilfslieferungen und ein paar hundert evakuierten Zivilisten. Bis am Donnerstag die syrische Regierung infolge des großen medialen und politischen Drucks ankündigte, Hilfslieferungen an die 40.000 Bewohner für Madaya ungeachtet der Bestimmungen des Abkommens zuzulassen. Die 40.000 Menschen in Foua'a und Kafraya haben weniger Glück. Fernab jedes Medieninteresses nahm Al-Nusra schon eine Woche nach der Unterzeichnung des Abkommens im September den Beschuss der Städte wieder auf. Auf Twitter sucht man bis heute vergeblich nach Bildern trauriger Katzen aus der Region. Die eingekesselte Bevölkerung hungert bis heute.

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